»Ich heiße Müller,« sagte er, dabei still vor sich hinlächelnd, »und bin Redakteur des Volksboten — ultra demokratischer Würgengel und Hackklotz des Christlichen Apologeten wie »Wahrheitsfreundes«[14] — Principal jenes jungen blondhaarigen Menschen da, dem ich etwas mehr auf die Finger sehen muß, da ich nicht begreife wie er mit dem geringen Absatz meines Blattes so viel Biertrinken vereinigen kann — habe früher in Deutschland jura studirt und eine Zeitlang hier Recht verdreht, dann, als das nicht mehr gehn wollte, und die Eisenbahnspeculation begann, bei der ich mich auch in etwas betheiligen wollte, zwei Monate an der St. Louis-Bahn mit geschaufelt und gegraben, bin dann, da die Arbeit meiner Constitution nicht zusagte, hierher nach Cincinnati gekommen, wo ich eine Zeitlang für einen hiesigen Kürschner, meinen Nachbar hier, Felle zupfte, und habe nachher, einem »dringenden Bedürfniß« abzuhelfen, den »Volksboten« gegründet, an dem mich jetzt meine Zeitungsträger und Setzer ruiniren.«
»Ich bin der Kürschner Helfich,« sagte ein kleiner Mann mit einem großen Höker auf der linken Schulter, mit dem er nicht viel mehr als eben auf den Tisch hinauf reichte. »Habe hier in Amerika eine Ladung Pelze gekauft, dieselben nach Deutschland hinüber zu schaffen, litt dicht vor dem Hafen Schiffbruch, bekam, da die Assecuranzcompagnie einfach bankerott machte, nur fünf Procent, etwas über meine Einzahlung vergütet, und begann nun hier, da ich solcher Art nicht zurückkehren mochte, ein kleines Geschäft ganz von vorn; habe auch Clavierunterricht und Zeichenstunde gegeben, und werde mich im nächsten Frühjahr einer Gesellschaft anschließen, eine Reise mit der Pelzcompagnie in die Felsengebirge zu machen.«
»Ich bin Doktor Eberhard,« sagte der nächst ihm Sitzende, »meine Geschichte ist bald erzählt; vor zwei Jahren als Schiffsdoktor herübergekommen, habe ich mir die wenigen Patienten, die mir Glück oder Zufall geliefert, selber todt gemacht — wenigstens behaupten meine Freunde so,« sagte er, als die Übrigen lachten, »und würden einen Mordscandal erhoben haben, hätte ich etwas anderes erzählt. Jetzt habe ich einen Cigarrenladen errichtet, an dem mein Freund Höfner da Mitarbeiter ist.«
»Ich habe Theologie studirt« nahm der letzte am Tisch, der neben Bohle saß, die Reihenfolge auf, »und heiße Tanne. Glaubte auch meinen Beruf hier in Amerika, nach Allem, was ich früher darüber gehört, sehr bequem fortsetzen zu können, fand aber nach Jahresfrist daß ich mich darin geirrt. Von einer Gemeinde in Pennsylvanien engagirt, wöchentlich ein Mal zu predigen und sämmtliche Festtage zu halten, wofür ich 30 Dollar monatlich bekam, war ich den Orthodoxen bald nicht orthodox, den Freisinnigen nicht freisinnig genug. Darin vereinigten sich beide Partheien, daß ich nicht für sie tauge und ich ging nach Ohio, wo ich in Columbus eine Zeitlang der deutschen Gemeinde predigte. Umtriebe, die von einem andern »Pfarrer« dort gemacht wurden, ließen mich meine dortige Stellung freiwillig aufgeben, und ich zog die ruhigere Beschäftigung eines Constablers — quasi Nachtwächter — in Dayton vor, wo ich gleichen Gehalt wie als Prediger bekam. Die Nachtluft sagte aber meiner Constitution nicht zu — ich wurde dann in Covington, über dem Ohio drüben, Schullehrer, ärgerte mir da fast den Tod an den Hals und machte dann zwei Reisen als Koch auf einem Dampfboot, bis ich mich jetzt endlich als Pillenfabrikant hier zu Ruhe gesetzt habe, und jetzt ziemlich einträgliche Geschäfte, besonders nach dem Westen der Union mit blutreinigenden sogenannten Tanneschen Pillen mache.«
»So« sagte Bohle, »haben Sie nun die Güte und introduciren Sie sich ebenfalls.«
»Lieber Gott, das ist bald geschehen« lachte Hopfgarten »und ich komme mir, diesen Mannigfaltigkeiten gegenüber, hier ordentlich klein vor. Ich heiße von Hopfgarten, und reise durch die Vereinigten Staaten von Nord-Amerika, das Land selber kennen zu lernen und einen richtigen Begriff davon zu bekommen — sonst bin ich hier noch weiter Nichts gewesen als — Passagier.«
»Aller Ehren werth« rief da Müller lachend, »wenn Sie wirklich noch weiter Nichts gewesen sind; die meisten Fremden sind gewöhnlich in der ersten Zeit auch noch »Hühnchen« und werden gerupft.«
Hopfgarten lachte und meinte, das stünde ihm wohl noch bevor. Von jetzt an wurde das Gespräch allgemein; dadurch übrigens, daß sich alle selber persönlich aufgeführt und vorgestellt hatten, war ein heiterer, ungenirter Geist in das Ganze gekommen; der Fremde war ihnen nicht mehr fremd, und fühlte sich zum ersten Mal, seit er Amerika betreten hatte, wirklich wohl in einer fremden Umgebung. Die Gesellschaft bestand nur aus gebildeten Leuten, die sich schon in der Welt etwas umgesehn und ihre Kräfte versucht hatten, es herrschte ein höchst anständiger, aber vollkommen zwangloser Ton, und trotz ihren verschiedenen Beschäftigungen, die Alle vielleicht wieder in den nächsten Monaten wechselten irgend etwas anderes ihnen mehr zusagendes oder mehr einträgliches zu ergreifen, sah man daß sie einander achteten und gern hatten.
»Und es gefällt Ihnen in Amerika?« hatte Hopfgarten im Lauf der Unterhaltung gewissermaßen die Frage an die ganze Gesellschaft gerichtet; »Sie fühlen sich wohl und zufrieden hier?«
»Ich will Ihnen etwas sagen, mein lieber Herr von Hopfgarten,« nahm hier Tanne die Frage auf — »die Antwort kann nicht einfach mit ja oder nein gegeben werden. Von gefallen oder nicht gefallen kann überhaupt nicht die Rede sein irgend einen Maasstab anzulegen, denn das richtet sich auch großentheils nicht allein nach den Ansichten des Einzelnen, sondern auch nach dem, was er in der alten Heimath zurückgelassen hat. Das Vaterland liegt uns noch Allen in den Gliedern, und wird darin liegen, so lange wir einen Tropfen menschlichen Blutes in uns laufen haben, und nicht solche erbärmliche nichtsnutzige Schwachköpfe — ja ich möchte fast sagen, Schufte geworden sind wie jenes Gesindel, das, ohne irgend eine Vergangenheit, ohne ein Gefühl von Liebe oder Dankbarkeit sich schämt Deutsche zu sein. Eigentlich ist das übrigens nur ein Irrthum von ihnen, sie geben dem Gefühl der Schaam, die ganz richtig in ihnen besteht, nur einen falschen Namen, sie sollten sich überhaupt schämen daß sie auf der Welt sind, und reduciren das auf das Vaterland. Doch um auf unser Thema zurückzufallen — die Galle läuft mir immer über, wenn ich auf das Gesindel zu sprechen komme — so meine ich mit dem Gefallen, daß es sich besonders danach richtet, was wir im alten Vaterland zurückgelassen haben. War das viel Liebes und Gutes, dann freilich wird es Manchem schwer werden, hier in ganz anderen, fremden, ja kalten Verhältnissen — denn Jeder sorgt hier nur für sich selbst, und Gott für uns alle — zurecht zu finden, oder wohl zu fühlen. War das nicht der Fall, gingen wir mit leichtem Herzen fort, ist es freilich etwas anderes, und wir werden auch im Stande sein, uns hier leichter einzurichten. Es sind dann nicht zu viel alte Herzensfasern, beim Herausreißen aus dem Mutterboden darin zurückgeblieben, und die Pflanze kommt besser fort und gedeiht — wenn ich auch gerade nicht weiß, ob ich die Leute beneiden soll« — setzte er ernster hinzu. »Überhaupt ist es mit dem ubi bene ibi patria eine eigene Sache, es klingt recht gut im Lied, und singt sich ganz erträglich, ist aber doch nicht wahr — zur Ehre des Menschengeschlechts nicht wahr, und in melancholischen Stunden, die fast jeder Staatsbürger einmal hat, und die sich bei den hiesigen Deutschen gewöhnlich am auffallendsten zur Weihnachtszeit einstellen, sing' ich die Geschichte manchmal verkehrt.«