»Also das Heimweh existirt doch auch in Amerika« sagte Hopfgarten.
»Moralischen Katzenjammer nennen sie's hier« sagte Müller, »und gebrauchen Bier und Cognac dagegen.«
»Zeitweise existirt's« fuhr Tanne fort, »aber Amerika ist da nicht die Ursache, sondern die Fremde überhaupt, und so wunderlich es mir hier schon gegangen, ja so erbärmlich oft und miserabel, wär' ich der Letzte der über das Land klagte. Es ist ein großes, herrliches Reich dieß freie Amerika, von tüchtigen edlen Männern gegründet, die einen Grundstein für die Ewigkeit gelegt. Nachfolgende Generationen haben daran unverdrossen weiter gebaut, und wenn auch hie und da einmal ein Miston, durch die vielen Baumeister hineingekommen, wenn auch hie und da ein wilder Schnörkel oder Knauf die massenhafte Hoheit des Ganzen unterbricht und stört, andere Stellen noch roh und unbehauen liegen und der Arbeiter harren, die Harmonie des Ganzen kann's nicht stören, das wächst und steigt und breitet sich nach Nord und Süd und West ein Asyl den Bedrückten, den Nothleidenden, ein weiter Hafen für die ganze Welt.«
»Ja« sagte Hopfgarten, »das klingt nicht so übel, ist aber die alte Geschichte von der romantischen Seite aufgefaßt; mir läge daran das Praktische zu hören.«
»Darin kann ich Ihnen vielleicht dienen« sagte Müller, sein Glas wieder vollschenkend und austrinkend, und das geleerte Blechmaas dem Wirth um »neuen Stoff« zurückreichend. »Tanne hat die schwache Seite daß er manchmal Verse macht, und es wird ihm sogar hier nachgesagt, er hätte in Pennsylvanien einmal eine »gereimte« Predigt gehalten — das konnten die Leute nicht vertragen und er mußte fort. — «
»Ihr reitet nur immer auf uns herum« lachte Tanne — »wenn Ihr die Geistlichen nicht hättet —
»Und keinen Löffel, so müßten wir unsere Suppe trinken, ja wohl, das ist ganz in der Ordnung,« sagte Müller trocken, »die kommen aber hier gar nicht in Betracht, sondern unser Amerika, in dem wir nun einmal existiren, und wenn vielleicht wenig Menschen weniger Ursache haben günstig davon zu denken, so wär' ich es, wollte ich eben ungerecht sein und die ganze Geschichte nur nach mir selber beurtheilen. Wenig Deutsche in Amerika haben aber gerade so viel Gelegenheit das Wirken und Schaffen, das Fortschreiten und Wachsen ihrer Landsleute zu beurtheilen, wie gerade wir Zeitungsredakteure, deren Beruf es eben ist, sich, indem sie für sich selber sorgen, um Andere zu bekümmern. Wir gerade lernen dabei eine Menge Menschen kennen, die herüber kommen, hören am häufigsten was sie darüber sagen, weil wir eben darauf hören, lesen was sie darüber schreiben, und fühlen zuletzt, wie wir nur zu häufig die Triebfedern durchschauen, die sie zu dem oder jenem Urtheil geleitet.«
»So zum Beispiel — um Ihnen die Sache etwas handgreiflicher zu machen — ist seit lange nicht so viel Volk vom alten Vaterland herübergekommen, wie in den letzten zwei Jahren, und zwar meistens aus einer Klasse, die Sie zwar hier im Zimmer und an diesem Tische besonders vertreten finden, die wir aber gerade hier in Amerika am allerwenigsten gebrauchen können, und die auch in der That hier am allerwenigsten mit sich selber anzufangen weiß. Ich meine eben die mittellose gebildete Klasse, die für ihre Schulbildung hier keinen Markt findet, und nur zu häufig dann auch noch zu faul ist da mit den Händen zuzugreifen, wo sie mit dem Kopf nichts ausrichten kann. Hierzu gehören Juristen, Geistliche — wenn sie sich in die bestehenden Eigenthümlichkeiten nicht fügen können oder wollen — Philologen und Philosophen, die unglückseligsten Menschenkinder von Allen zwischen den praktischen Amerikanern — und jene Unmasse von »falschen Doktorn« wie man sie hier nennt, solche nämlich, die Doktoren heißen, aber keine Ärzte sind, und deren Schicksal Einen manchmal wirklich dauern könnte, wenn es nicht gerade auch oft wieder so komisch wäre. Eine Masse Advokatengesindel, present company always excepted[15] kommt daher, radebrecht Englisch auf eine schauerliche Art, kennt die hiesigen Gesetze nicht, will nichts Anderes ergreifen, und schimpft und raisonirt dann über das Land, nimmt das Maul voll und thut als ob ihm das größte Unrecht geschehen wäre; Ladenschwengel, die in Deutschland in einer »angenehmen Condition« gestanden, finden hier nicht gleich Jemand, in dessen Laden sie mit gekräuselten Locken und faden Redensarten den Angenehmen spielen können. Daß sie nun ihre Fäuste brauchen, die ihnen der liebe Gott nicht allein zum Kattunausmessen gegeben hat — Gott bewahre, nein, Amerika ist ein gesetzloses, nichtsnutziges Land, gesetzlos, weil sie irgendwo in einer Kneipe, wo sie sich unnütz gemacht, oder an Plätzen herumgekrochen, wo sie Nichts zu suchen hatten, hinausgeworfen wurden; nichtsnutzig, weil man ihnen keine, »ihren Fähigkeiten entsprechende Stellung« anweißt.«
»Eine Menge von diesen Leuten suchen sich dann in hiesigen Blättern zu expectoriren, theils in Versen, theils in Prosa, schreiben Bogen lange Artikel über das Land, das sie nicht kennen, über die Verhältnisse, von denen sie Nichts verstehn, und verlangen dann auch noch Honorar dafür. Nehmen wir es nun nicht — denn wenn man all den Unsinn drucken wollte, hätten zehn Schnellpressen Arbeit — dann schicken sie die Wische, weil sie doch einmal geschrieben sind, nach Deutschland, und dort gelten sie dann als »Stimmen aus Amerika« — der Schreiber des und des Artikels muß ja die Sache verstehn, er ist ja selber drüben — daß sie der Teufel hole. — «
»Ein Glück für uns, daß von dem Gelichter es doch manchmal ein oder der Andere möglich macht nach Deutschland zurückzukommen; dort schlägt er Feuerlärm, schildert uns als Tabackkauende, betrügerische Ungeheuer, das ganze Land als eine gesetzlose Wildniß — eine Falle leichtgläubige Menschen zu fangen, zählt alle Mordthaten und Diebstähle, die in dem ganzen ungeheueren Reiche, und wenigstens in der Hälfte durch Fremde ausgeübt werden auf, und hält dadurch doch wenigstens viele Andere seines Gelichters ab herüberzukommen.«