»Der fleißige Arbeiter — der Ackerbauer, der Handwerker, dem es hier gut geht, der sich glücklich und wohl fühlt, der schimpft nicht, und schreibt auch keine albernen Artikel über Amerika, höchstens Briefe in die Heimath, seine Anverwandten, und die die er lieb hat, herüberzurufen. Still und unverdrossen geht der seine Bahn fort; sieht sein Land sich mehr und mehr verwerthen, mit jedem Tag seine Heerden wachsen, seine Felder blühen, und segnet die Stunde, in der er den Entschluß gefaßt auszuwandern.«
»Daß es nicht Allen glückt — wenigstens nicht gleich in der ersten Zeit und Manche viel Böses und schwere Zeit durchzumachen haben, versteht sich von selbst — es fiele mir auch nicht ein, Allen anzurathen hierherzukommen, das wäre Wahnsinn. Man wirft dem Amerikaner vor daß er kein Gemüth hat, und ich glaube fast der Vorwurf ist gerecht, wenigstens im Allgemeinen; auf ein gemüthliches Leben darf man hier im Land denn auch nicht rechnen, außer man hat sehr viel Geld, und in dem Fall kehrt der Deutsche doch am liebsten wieder nach Deutschland zurück. Amerika paßt auch wirklich nicht für eine Menge Leute, und wem es halbwege gut in Deuschland geht, wem die Verhältnisse dort nicht zu drückend auf den Schultern liegen, der soll bleiben wo er ist; dort weiß er was er hat, hier weiß er nicht was er kriegt, und das ist, das Wenigste zu sagen, eine unangenehme Geschichte.«
»Wenn man nur einmal so einen richtigen deutschen Farmer über Amerika könnte sprechen hören« sagte Hopfgarten »das wäre mir in der That ungemein interessant.«
»Nichts leichter als das« lachte Helfig »Ohio wimmelt davon, und wohin Sie hinein in's Land gehn, finden Sie deutsche Ansiedlungen. Sie brauchen auch nicht zu fragen wo Deutsche wohnen, Sie sehn es schon an den reinlichen massiv errichteteten Gebäuden, den steinernen Scheunen, dem ordentlich aufgestellten Ackergeräth, den sorgfältig urbar gemachten Feldern.«
»Aber es fällt doch noch manches Außergewöhnliche in den Städten vor« sagte Hopfgarten, in wirklicher Besorgniß jetzt, daß sie ihm die ganze Romantik des Landes über den Haufen würfen; »in Cincinnati besonders habe ich mir sagen lassen, daß Raubanfälle keineswegs zu den Seltenheiten, und zwar in den besten Theilen der Stadt gehörten.«
»Ah Papperlapapp,« lachte von Lochhausen, »ja es kommt vor, aber im Verhältniß zu der Unmasse von Proletariat, das uns die alte Welt herüberschickt, doch unverhältnißmäßig selten, außer in den Fällen wo sich die Leute selber an Orte begeben in die sie nicht gehören, wie Müller sagt. Mancher ist in liederlichen Häusern bestohlen worden, und macht nachher ein Geschrei daß er angefallen und beraubt wäre — er mag natürlich nicht sagen wo er sein Geld verloren hat; Andere erzählen solche Geschichten, wie sie von Abenteuern mit Tigern und Bären erzählen, sobald sie nur den Fuß in Wald oder Busch gesetzt. Einbrüche und Raubanfälle kommen vor, ja, aber nicht mehr wie in jeder andern großen Europäischen Stadt, London gar nicht gerechnet. — Lieber Gott, wir Alle die wir hier sitzen, fürchten uns nicht vor der Nachtluft, und sind schon manchmal Abends spät zu Hause gegangen, und ist schon Einer von uns Allen angefallen worden? und so wird es Ihnen schwer werden Jemanden zu finden, der Ihnen etwas derartiges aus eigener Erfahrung bestätigen kann, wenn er die Wahrheit reden will — aber es fällt vor!«
»Nun laßt aber Amerika,« rief Sorgfeld dazwischen, »die Geschichte wird langweilig; wenn der Herr da noch länger hier bei uns bleibt, wird er sich seine Meinung schon selber bilden; uns Allen wie Tausenden, ja Millionen unserer Mitbrüder hat das wackere Land die Arme freundlich geöffnet und uns seine Schätze geboten nach allen Richtungen hin; wer blöde war und nicht zulangte, oder nicht wußte wie er es anfangen sollte, dessen eigene Schuld war's — und vielleicht lernt er's noch — Amerika soll leben — hoch!« und das Glas erhebend standen die meisten Deutschen von ihren Sitzen auf, stießen mit den Gläsern an, und stimmten in das Hoch ein. — Einzelne blieben auch sitzen.
Das Gespräch ging von da an wieder auf allgemeine Gegenstände über; es wurde dabei gelacht und erzählt bis zum Abend; und als Herr von Hopfgarten ziemlich spät an den Aufbruch dachte, mußte er sich gestehen daß dieß eigentlich der erste Abend sei, an dem er sich in Amerika wirklich amüsirt habe. Durch das Gespräch war aber auch der Wunsch um so mehr in ihm rege geworden, einen Theil des inneren, cultivirten Landes hier zu sehen, denn die Umgegend von Cincinnati sollte einem Garten gleichen; so schon am nächsten Morgen miethete er sich ein Pferd in der Stadt, und ritt Mainstreet hinauf über den Canal durch die deutsche Vorstadt hin, wo jedes Schild fast einen deutschen Namen trug, und ganze Schaaren frisch eingewanderter Staatsbürger, in ihren Nationaljacken und Röcken die Straßen durchwanderten.
Die Hügel, welche die Stadt umgeben, und zu denen sie hinaufsteigt, und die sie in gar nicht so langen Jahren wird erstiegen haben, lagen zum Theil mit Gärten, zum Theil mit Rebenpflanzungen bedeckt, und eine treffliche Straße wand sich dort hindurch. Oben auf dem Hügel aber hielt Hopfgarten still, das Thal zu überschauen das er eben verlassen, und das sich jetzt in wundervoller Herrlichkeit vor ihm ausbreitete.
Drüben den Hintergrund bildeten die eben nicht sehr hohen, aber freundlichen Hügel Kentuckys, theilweise noch mit Wald, meist aber mit wohl umfenzten Feldern überzogen, bis zu dem Häuserbedeckten Ufer des Ohio, der seine klaren Fluthen schlängelnd durch das reizende Thal wand. Haus an Haus aber drängte an dieser Seite des Stromes die junge Riesenstadt, ein wundervolles Panorama regen thätigen Lebens, das hier, mit tropischer Keimkraft fast, dem Boden wie entsprungen liegt.