Im Jahre 1788 standen hier in dem Thal, in einer Wildniß, die von Bären und Büffeln nur bewohnt, von den leichtfüßigen Söhnen der Wälder auf ihren Kriegszügen durchstreift wurde, drei einzelne Blockhütten, aus den Stämmen des Waldes aufgebaut — fünfzig Jahr später zählte die Stadt Cincinnati 40000 Einwohner,[16] und von da an vermehrte sich die Zahl fast mit jedem Jahre um 6-7000. Der Strom, den damals fast nur das schlanke Canoe des Indianers durchfurchte, wimmelte jetzt von mächtigen Dampfbooten, die mit dem dünnen weißen Schaumstreifen hinter sich, auf- und niederglitten, und überall streckten qualmende Riesenschornsteine die langen Hälse empor, thätiges schaffendes Leben bekundend. In den Straßen der Stadt selber wogte die rastlose Menge auf und ab, zahlreiche Wagen mit Früchten und Gemüsen, dem reichen Herbstsegen, schwer beladen, kamen die breite vortrefflich macadamisirte Landstraße nieder, und wie der Blick weiter schweifte, über die Hänge und Flächen dort umher, haftete er überall an reizenden Villen, schattigen Gärten, fruchtbaren Feldern, auf denen Gottes Segen ruhte, und über die sich der reine wolkenleere Himmel in durchsichtiger Bläue spannte.
»Welch wundervolles Land!« rief Hopfgarten da unwillkührlich aus, »welche Lebenskraft — welche Zukunft liegt für dich noch in der Zeiten Schooß — wie das gährt und kocht und keimt und sproßt und Blüthen treibt und Früchte reift — und über dem Allen ein einziges Banner — ein Schlachtschrei im Krieg für ein einig Volk, ein Ziel im Frieden, für das ganze Reich — armes Deutschland«, setzte er dann seufzend hinzu, als er sein Thier wieder wandte und der Straße weiter folgte, »kein Wunder daß ein solches Volk mit solchen Resultaten, solcher Zukunft vor sich, manchmal über die Stränge schlägt oder ein klein wenig übermüthig wird, wie ein junges kräftiges Füllen — hat es doch Ursache dazu, und darf sich freuen zu seines Schöpfers Lob. — Wir Deutschen sind freilich ruhig und gesetzter, springen und schlagen nicht und gebehrden uns nicht so unanständig; singen keinen Yankeedoodle — haben auch keine Ursache dazu, und keine Flagge, sondern nur ein Flickwerk von bunten Lappen; nicht einmal ein gemeinsames Vaterland, das wir das unsere nennen dürfen. Aber das Alles möchte sein, schlimmer und schlimmer uns drücken was uns drückt — knechten was uns knechtet in Religion und Gewissens-Freiheit und politischer Meinung; die Hoffnung wäre ja da, daß auch uns vielleicht einmal ein Washington erstände, wie er den Amerikanern erstanden ist, gerade als sie seiner am nöthigsten bedurften. Das aber ist ja eben das Verzweifelte unserer Lage — wir, könnten ihn gar nicht gebrauchen, wir würden gar nicht wissen was wir mit ihm anfangen sollten, denn wenn er nicht in allen acht und dreißig Ländern zugleich geboren wäre, würde ihn ja doch keiner der Nachbarstaaten anerkennen. — Ich wollte ich wäre ein Amerikaner,« setzte er leise seufzend hinzu als er, kaum noch auf den Weg achtend, die breite Straße entlang ritt — »ich wollte ich wäre ein Amerikaner und könnte so Deutschland beneiden, wie ich jetzt Amerika beneiden muß.«
Der kleine Mann, der sich einen weit anderen Eindruck von dem freundlichen Ritt versprochen, war ganz schwermüthig geworden bei den trüben Bildern, die sich seine Phantasie heraufbeschwor, ja vergaß fast, zwischen Fenzen und Hecken, und einzelnen reizend gelegenen Häusergruppen durchreitend, den Zweck seines Ausflugs, bis das Pferd, dessen Zügel er nur ganz locker in der Hand hielt, plötzlich rechts einbog, das Gebiß, als er es rasch umlenken wollte, zwischen die Zähne nahm, und sporenstreichs mit ihm in einen Hof, über diesen weg auf eine offene Thür zu und so direkt in den dort befindlichen Stall hineinfuhr, daß der Reiter kaum noch Zeit behielt sich in der Thür zu bücken und nicht gegen den oberen Balken und aus den Sattel geschlagen zu werden.
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Capitel 7. Click to [ENLARGE] |
»Hallo, so eilig?« rief da eine lachende Stimme in deutscher Sprache hinter ihm drein, und in Holzpantoffeln schlurrte eine etwas schwerfällig aber sonst behäbig und gutmüthig genug aussehende Gestalt in gelber unten um die Knöchel gebundener, kniefettiger Lederhose, mit rother Weste auf der zwei Reihen silberner Knöpfe funkelten und in Hemdsärmeln, auf dem Kopf aber eine große unförmliche braune Pelzmütze, über den Hof, und blieb in der Stallthür stehen, neben der sich Hopfgarten eben aus dem Sattel geschwungen und den Zügel über den Kopf des Pferdes geworfen hatte, das er jetzt aus Leibeskräften, aber ebenfalls ohne den geringsten Erfolg, wieder aus dem Stall hinauszuziehen suchte.
»Laßt den Braunen nur stehn« lachte aber der Bauer, »der kennt die Krippe und hat da schon manche Metze Hafer gefressen. Guten Morgen Landsmann, Ihr seid doch ein Deutscher.«
»Allerdings, Herr Landsmann,« sagte der höfliche Hopfgarten, mit einem eben nicht ganz freundlichen Seitenblick auf den Braunen, »aber es ist doch immer fatal, wenn man nur eben da halten muß, wo es dem Pferde gerade einfällt zu bleiben.«
»Deshalb braucht Ihr Euch aber keine Sorge zu machen« sagte der Deutsche schmunzelnd — »er macht's seinem Herrn oder allen Anderen die ihn reiten, nicht besser, und seit den letzten drei Jahren kann sich Niemand rühmen auf dem Pferd, ohne bei mir anzuhalten, hier vorbeigeritten zu sein. — Seid Ihr schon lang in Amerika?«
»Erst wenige Wochen.«
»Und Ihr gleichts?«