Hopfgarten wußte daß dieß der deutsch-amerikanische Ausdruck für »gefallen« sei und sagte »Sehr.«
»Nu das ist hübsch — da seid Ihr wohl Landkaufen gekommen — aber hier im Stall wollen wir doch nicht stehen bleiben« unterbrach er sich rasch, »Ihr ruht Euch nun doch schon ein halb Stündchen bei mir aus, und seht Euch einmal mein Feld und meine neue Scheune an — seid wohl kein Bauer?«
Hopfgarten mußte dieß, während der Mann einem Jungen pfiff, und ihm befahl »Bless,« (wie der Braune nach einem kleinen weißen Fleck vorn an der Stirn hieß) zu besorgen, und ihm ordentlich Futter zu geben, verneinen. Bless hatte ihm aber, durch seinen Entschluß sich hier etwas aufzuhalten, wirklich einen Gefallen gethan, denn von Hopfgarten fand bald, daß er in dem Mann gerade gefunden was er suchte: einen richtigen deutschen Bauer, der seit vier Jahren hier im Land angesiedelt war, und sich in der Zeit eine allerliebste, wohleingerichtete Farm hergestellt hatte.
Der Mann war aber entsetzlich neugierig, und er selber, ehe er irgend etwas von ihm herausbekommen konnte über sein Leben und Treiben, genöthigt ihm erst Alles zu sagen was ihn selber betraf: wo er her sei, mit welchem Schiff er gekommen, wie viel Passagiere es an Bord gehabt, wo gelandet, ob Krankheiten unterwegs, ob sie gute Kost an Bord gehabt hätten, ob er nicht in New-Orleans Jemanden Namens Schmidt kennen gelernt habe, der »in der Nähe vom Wasser« wohne und einen kleinen Schenkstand oder einen Kleiderladen habe, und was Corn (Mais) jetzt in New-Orleans koste. — Nur nach Deutschland frug er nicht, weder aus welcher Gegend der Fremde stamme, noch wie es dort aussehe jetzt, im alten Vaterland. Es waren gerade vier Jahre, daß er die Heimath verlassen, und als ihn von Hopfgarten später danach frug stellte sich heraus, daß er noch nicht ein einziges Mal an seine Verwandten drüben, Geschwister und Schwäger geschrieben habe. Die hatten zu leben, es ging ihnen gut, das wußte er, wenigstens hätten sie es ihm sonst wohl gemeldet (sie konnten nicht einmal eine Ahnung haben, wo er angesiedelt sei) und ihm selber fehlte auch Nichts; seine Farm gedieh, sein Vieh wuchs heran, seine Erndten waren vortrefflich — was hatte er da groß zu schreiben?
In der Stube d'rin bei ihm sah es genau so aus wie in den Bauerstuben daheim; das Amerikanische Kaminfeuer verschmähend, hatte er sich einen tüchtigen, ächt deutschen Ofen, dessen Tafeln jedenfalls von Europa herübergeschafft worden, eingesetzt, hinter dem die Familie in Winterszeit gewiß eben so geschmort, wie daheim. An der Seite auf dort befestigten Bretern prangten die alten deutschen irdenen Schüsseln und Teller, mit ihren frommen Sprüchen und Phantasieblumen, mit Jahreszahl und Datum, in der Ecke der Stube stand eine blaugemalte, und ebenfalls mit großen hellen, durch die Chablone gemalten Blumen verzierte Kiste, auf der noch mit weißen Buchstaben jene bedeutungsschweren Worte »Auswanderer-Gut — Cincinnati Ohio, für Johannes Rohrberger aus Sohlfeld« obgleich später einmal mit dünner blauer Farbe übermalt, doch noch deutlich sichtbar waren, und am Fenster in der Ecke saß eine alte, aber noch rüstige Frau an ihrem alten Spinnrad — jeder Zoll eine Deutsche. Der aber lag manche Frage wohl schwer auf dem Herzen, als sie den Landsmann bei sich eintreten sah; dennoch mochte sie ihn selber nicht anreden, und als die Frau des Bauers, ein hübsches rundes Weibchen, ebenfalls in ihrer heimischen Tracht mit dem mit Knöpfen und Zierrathen besetzten Mieder und dem dickgefalteten Rock, in die Stube kam, und schneeweißes Waizenbrod, und Butter mit einem Kleeblatt in der Form, und guten deutschen Käse auftrug, und ein paar blitzende Gläser daneben setzte, zu denen der Mann einen selbst gebrauten dunkelrothen Kirschschnaps aus dem kleinen Schranke holte (den Schlüssel dazu trug er selber in der Westentasche) mußte sich Hopfgarten an den Tisch setzen, und vor allen Dingen essen und trinken. Nachher wollten sie hinaus in das Feld gehn »damit der Herr auch sähe daß es bei den Deutschen nicht etwa so liederlich gearbeitet würde wie bei denen Amerikanern.«
Hopfgarten sah nun dort allerdings nicht sehr viel, denn er verstand zu wenig vom Amerikanischen Ackerbau und besonders von den Schwierigkeiten, mit denen ein erster Ansiedler zu kämpfen hat, sein Land nicht allein urbar, sondern auch holzrein zu bekommen (zwei sehr von einander verschiedene Sachen) die hier gethane Arbeit gehörig würdigen zu können. Der Amerikaner nämlich — beiläufig gesagt ein furchtbarer Holzverwüster so lange ihm nur ein Stück im Wege ist — schlägt, wie bekannt, die Bäume um, rollt die kurz abgehauenen Stämme auf Haufen, brennt sie an, und läßt dabei die Stümpfe stehn, um die er indeß herumackert, und die in zehn Jahren etwa genug abfaulen mit dem Pflug stückweis herausgerissen zu werden. Die Deutschen lernen ihnen diese bequeme Art zu arbeiten bald ab; Viele aber, und besonders in der Nähe von Städten wo das Holz auch schon eher einen Werth hat, gehen sparsamer mit dem um, was ihnen Gott auf ihrem Land bis dahin hat wachsen lassen, und scheuen sich der Arbeit nicht auch das Geringste darauf zu verwerthen.
So lagen Johannes Rohrbergers Felder frei von all diesen fatalen Stümpfen, glatt und eben als ob sie schon Jahrzehnde dem Pfluge dienstbar gewesen da; keine Holzverschwendenden Zickzack- oder Wurmfenzen umgaben sie, sondern Eichen-Pfosten waren ringsum eingeschlagen und durch breite, unten dicht schließende Queerhölzer, den Ferkeln den Eintritt zu verweigern, geschlossen, und nicht weit davon aufgeschichtete, selbst gesägte Breter, Planken, Rafters und Stützen bewiesen, wie der Deutsche einen besseren Gebrauch für sein treffliches Holz gewußt habe, als es eben zu verbrennen. Hinter dem Haus lagen außerdem einige achtzig Klafter, aus dem sich im Winter guter Nutzen in der Stadt ziehen ließ, und die im Feld errichteten Getraidefeimen gaben zugleich auch Zeugniß von der Thätigkeit des Mannes nach dieser Richtung hin.
»Sie sind fleißig hier gewesen« sagte Hopfgarten, als ihn der Bauer auf das Alles aufmerksam gemacht, »und müssen jetzt wackeren Nutzen von ihrem Lande ziehen.«
»Ach ja es geht« schmunzelte der Mann; »die ersten Jahre freilich kam's mir ein Bischen hart an; ich kaufte die Farm von einem Amerikaner, der nach Arkansas übersiedeln wollte, um einen eben nicht zu hohen Preis, aber es sah auch furchtbar darauf aus — wüste holzgefüllte Felder, zerfallene Blockhäuser, von Scheunen und Ställen kein Gedanke, die Hälfte Boden noch mit Busch bewachsen. Da ging ich mit meinen drei Jungen an's Werk, und wie wir es erst einmal so weit gebracht hatten daß wir unser deutsches Handswerkszeug, was wir mitgeschleppt, wegwarfen, und uns Amerikanische Äxte und Pflüge anschafften, förderte es auch. Wir haben zwar gearbeitet wie die Pferde, das ist wahr; vor Tag heraus, und hinein bis in die späte Nacht. Die Amerikaner lachten uns dabei noch aus, und meinten daß wir es uns unnöthig schwer machten; und in mancher Hinsicht mochten sie recht haben, denn wir wußten eben noch nicht ordentlich wie wir die Sache anzufangen hatten, und mußten noch lernen. Aber schon nach zwei Jahren kriegte der Platz ein anderes Ansehn; ich nahm mir noch Amerikanische Arbeiter dazu, und wir setzten uns ebenfalls nicht in die Stube, sondern arbeiteten tüchtig mit; da förderte es denn freilich. Nicht allein daß uns die Amerikaner, die doch wenigstens eben so zufassen mußten wie wir selber, ein ordentlich Stück Arbeit fertig machten, sondern wir lernten auch von ihnen ihre Handgriffe und ihr praktisches Wesen, denn das muß man ihnen lassen. Ich hätte sie auch gerne noch ein halb Jahr länger bei mir behalten, wäre mir meine Alte nicht in einem hin in den Ohren gelegen sie fortzuschicken. Die konnte sie nicht leiden, weil sie nicht verstand was sie sagten, und weil sie ihr die reingescheuerten Stuben überall vollspuckten — immer freilich in die Winkel hinein, wo sie vielleicht glaubten daß man nicht hinkäme, aber meine Alte kam doch hin, und es wurde nicht eher Frieden im Haus bis sie weg waren.«
»Und jetzt geht es Ihnen gut? — Sie befinden sich wohl hier?«