Der nächste zu diesem war Steinert, an den sich Wald [pg 041]mit seiner Sammlung wandte. Dieser zeigte sich aber nicht so rasch mit Geldgeben wie der alte Jude, sondern wollte erst genau wissen wozu und weshalb, wer der Bursche sei, wo er herkomme, wo er wohne und was er treibe. Wald rief ihn herbei, als er sah daß er auf keine andere Art zu seinem Zweck kommen könne, und der junge Bursch gab jede nur mögliche Auskunft, bis Steinert endlich in seine Tasche griff, einige Groote herausnahm und dem Alten, nachdem er sie mehrmals durchgesehn, zwölf davon reichte.
»Aber wir brauchen fünfzehn Thaler« sagte dieser, »und zweiundsiebenzig machen erst einen.«
»Leider« erwiederte ihm Steinert, »ich brauche aber noch mehr wie fünfzehn Thaler und mir giebt Niemand etwas.«
Wald sah daß alles weitere Zureden umsonst sein würde, um deshalb nicht mehr Zeit zu versäumen ging er weiter, und einige der jungen Mädchen, die der arme Bursch dauerte, nahmen sich jetzt auch der Sache an, legten selber zusammen so viel sie konnten, und collectirten bei den Anderen. Es war gut für sie daß sich viele Juden unter den Passagieren befanden; diese gaben fast alle und — so geizig sie sonst sein mochten — gaben reichlich, ohne weiter zu fragen wie der Mann heiße und woher er sei, während die Christen, von denen Viele es dem Anschein nach weit eher entbehren konnten — erst Alles auf das Genaueste wissen wollten, und dann noch jede Ausflucht suchten, wenigstens mit einigen Groten abzukommen.
Nichtsdestoweniger brachte Wald, von den jungen Mäd[pg 042]chen unterstützt, das Geld in kaum einer halben Stunde richtig zusammen; der junge Bursch, jetzt überglücklich seine Reise gesichert zu sehn, flog mehr als er ging, in die Stadt zurück, seinen Schein zu bekommen.
Der einzige der sich bei der ganzen Sammlung nicht betheiligt, denn alle übrigen hatten wenigstens eine Kleinigkeit gegeben, war der wunderliche alte Bursche, den wir im Anfang auf den Kisten sitzend fanden, und der auch nur erst in der That seinen Platz geräumt hatte, als die weit ungeduldigeren Reisegefährten das Gepäck anfingen unter ihm selber wegzuziehen. Er aber war auch wieder der Erste, der sich eine gute Stelle an Bord aussuchte, dort eine der überall herumliegenden Matratzen, die fast Jeder bei sich führte, aufrollte, und sich, keine Rücksicht auf etwa später Nachkommende nehmend, behaglich unter Deck darauf ausstreckte.
Das Segel wurde jetzt, von den beiden Seeleuten, die noch eine Art Schiffsjungen bei sich hatten, gehißt, und die mit schwarzer Farbe darauf gemalte Nummer 67 sichtbar. Das galt den Passagieren aber auch als Zeichen der Abfahrt, und Alles drängte an Bord, einen bequemen Platz für die Hinausfahrt zu bekommen.
Unter den Passagieren, die mit dem Weserkahn befördert werden wollten, befand sich auch ein alter Bekannter von uns; ein junger sehr anständig und reinlich gekleideter Mann in schwarzem Tuchrock und eben solchen Hosen, mit blankgewichsten Stiefeln und Glacéhandschuhen, ein reizendes Frauchen, ganz einfach aber höchst geschmackvoll gekleidet, am Arm und [pg 043]einen Knaben, einen lieben kleinen Burschen von kaum mehr als drei Jahren an der Hand. Der Mann mußte sich aber wohl schon früher genau nach der Abfahrt des Kahnes erkundigt haben, denn er war erst kurz vor acht Uhr gekommen und mit Frau und Kind, ohne sich mit Einem der Uebrigen in ein Gespräch einzulassen, am Ufer auf- und abgegangen.
Der Violinist Eltrich hatte das Geld zur Ueberfahrt für sich und die Seinen, nachdem er vergebens gesucht seine Passage abarbeiten zu dürfen, mit schweren Opfern und besonders durch den Verkauf fast aller seiner Habseligkeiten, zusammengebracht, und war im Begriff sich ebenfalls mit der Haidschnucke nach Amerika einzuschiffen — freilich im Zwischendeck, und das Herz schlug ihm recht weh und ängstlich, wenn er die Leute sah mit denen er gemeinschaftlich, in einem Raum die lange Reise machen sollte, und der Entbehrungen, der Beschwerden dann gedachte, denen sein zartes junges Weib, denen sein Kind dabei ausgesetzt sein mußten. Adele aber, die liebe kleine Frau, die in dem gramumwölkten Blick des Gatten wohl all die Sorge, all den Kummer lesen mochte, den er sich ihretwegen machte, und ihretwegen doch auch gerade wieder sein ganzes Leben daran setzte, sie aus den Sorgen zu reißen, in denen sie im alten Vaterland gelebt, hing sich an seinen Arm und lachte ihm die Falten von der Stirn. Auf all die komischen wunderlichen Gestalten machte sie ihn dabei aufmerksam, die sie umgaben; auf den langen Kahnführer mit seinem spitzen Gesicht und den polnischen Juden mit dem schönen bleichen Knaben, und freute sich wie ein Kind über das rege Leben [pg 044]und Treiben, das um sie her drängte und wogte, und sie jetzt mit fortnehmen sollte in eine neue Welt. Sie hatte Nichts das sie hier zurückließ, und das sie an das alte Vaterland noch hätte fesseln können; eine Waise stand sie in der Welt und ihr Mann, ihr Kind war die für sie.
Und dennoch schrack sie fast unwillkürlich zurück, als sie, an des Gatten Arme, der den Knaben selber jetzt aufgenommen hatte ihn an Bord zu tragen, das kleine Fahrzeug betrat das sie stromab führen sollte, dem Seeschiffe zu. Der warme Dunst der sie von unten herauf anwehte, der Theergeruch, das feuchte schmutzige kleine Fahrzeug selber — sie schmiegte sich fester an den Gatten an, wie um Hülfe zu suchen gegen dies erste peinliche Gefühl, und nur erst als dieser leise aber tief und schmerzlich aufseufzte und die Scene vor sich mit ängstlich forschendem Blick überflog, denn er sah nicht ein stilles, geschütztes Plätzchen, wo er Weib und Kind hätte unterbringen können, der ungewohnten Umgebung nur in etwas zu entgehn, da zwang sie mit Gewalt jedes andere Gefühl zurück. Die Notwendigkeit gebot hier daß sie sich fügte; nicht durfte und wollte sie des Gatten Herz noch schwerer machen als es schon war, und selbst mit einem Lächeln auf den bleichen Lippen sagte sie, sich flüsternd zu ihm biegend.