»Einer der Leute klagt über Schmerzen in der Brust, und ich fürchte fast, daß da vielleicht ein chronisches Leiden —

»Ah papperlapapp« brummte der alte Seebär, »in de Krone sitzt's em nich — in de fulen Knoken. Ene richtige Porschon Soalts un en reguleres Bräkmiddel ver vor un achter ut, nachens fall e woll spudig beter wern.«

Kein Protestiren half dagegen; Capitain Siebelt hatte den festen Glauben daß ein Matrose gar nicht krank werden könne, keinenfalls aber krank werden dürfe, so lange er sich auf die Reise »verakkordirt« hätte und daß also Alles, was die Kerle davorn von »Krone oder Bunk praalten, man blaue[pg 155] Dunst wäre.« Sobald sich also ein Matrose bei ihm krank meldete, bekam er als erste Dosis eine Handvoll Glaubersalz und keinen Schnaps zum Frühstück; das half schon gewöhnlich, und die Leute kamen selten das zweite Mal, wollte er dann noch immer nicht besser werden, d. h. blieb er »verstockt« dann mußte er ein Brechmittel schlucken, und zwar gleich in der Cajüte, nicht etwa die Medicin mit nach vorn nehmen, wo sie eben so sicher über Bord gegangen wäre. Das half dann jedesmal, denn die dritte Kur war Glaubersalz und Brechmittel zusammen und die hatte sich nur erst ein Einziger geholt, der war aber ein solcher »Cujon wehst«, daß er sich aus lauter »Cunterdikschen« hingelegt hatte und gestorben war.

Doktor Hückler war keiner von den Leuten, die einer praktischen Erfahrung ihr Ohr verschließen; er ließ sich überzeugen und der Capitain curirte die Leute nach wie vor auf seine eigene Hand und Manier.

Um also auf das gesellschaftliche Leben an Bord zurückzukommen, so war Hieronymus Hückler hier zum ersten Mal in einen Umgangskreis gekommen, der ihm bis dahin fern gelegen, und in dem er sich im Anfang — die Seekrankheit ganz abgerechnet, — auch nicht recht wohl fühlte. Seine Verlegenheit würde er selber auch wohl schwer, und gewiß nicht schon auf der Reise überwunden haben, wären ihm darin nicht die jungen Damen, von Herrn von Hopfgarten redlich dabei unterstützt, freundlich entgegengekommen. Diese brauchten aber Alles, was sie nur von verfügbaren Personen in ihrem Bereich fanden, zu ihrer Unterhaltung, und da sich Capitain[pg 156] Siebelt, so gefällig er ihnen in jeder anderen Beziehung war, auf das Hartnäckigste weigerte, einigen der gebildeten Zwischendeckspassagieren den Zutritt zu dem Quarterdeck zu gestatten, die langen Stunden an Bord zu verkürzen, so wurde Doktor Hückler aus Mangel an besserer Beschäftigung, bald das Stichblatt aller unschuldigen und fröhlichen Scherze der kleinen munteren Gesellschaft. Bei den Gesellschaftsspielen, die Herr von Hopfgarten unermüdlich und in der erfinderischesten Weise anstellte, bekam er fast alle Schläge mit dem Plumpsack und verfiel bei den Räthselspielen, bei denen er nie im Stande war auch nur das leichteste zu errathen, den unerbittlichsten, aber auch eben so geduldig und gutmüthig ertragenen Strafen.

Ein anderer Mitpassagier, der nur sehr schwer zu bewegen war sich in etwas dem geselligen Leben an Bord anzuschließen, war der Coyenkamerad des Herrn von Hopfgarten, ein junger Mann von vielleicht vier- bis fünfundzwanzig Jahren, und jedenfalls aus sehr guter Familie.

»Ich bin der Baron von Benkendroff — mein Vater ist der wirkliche Geheimrath von Benkendroff« hatte er sich gleich am ersten Tage Herrn von Hopfgarten vorgestellt — »und ich reise nur zu meinem Vergnügen nach Amerika, um mich von den nichtswürdigen republikanischen Zuständen jenes Landes nach eigener Anschauung zu überzeugen. Ich weiß, was ich dort finde, habe auch schon in der That einige Artikel über die dortigen Verhältnisse geschrieben, aber trotzdem gehe ich doch hinüber und betrachte die Reise gewissermaßen als eine[pg 157] Kur, als ein Schlammbad, das ich meinem Geist auferlege, ihn von allen doch noch vielleicht darin befindlichen Scrupeln und Zweifeln vollständig zu heilen.«

Den Spielen der jungen Damen schloß er sich allerdings manchmal an, aber dann immer mit einer gewissen vornehmen nonchalance. Er war überzeugt, daß er ihnen dadurch eine Gefälligkeit erweise, und wußte auch in der That selber manchmal nicht, was er mit sich anfangen solle. Am liebsten noch spielte er mit Frau von Kaulitz und Herrn von Hopfgarten Whist, wobei er es liebte, mit seiner sehr weißen, fast weiblichen und reich mir Ringen besteckten Hand zu coquettiren. Außerdem sprach er nie mit den Steuerleuten, höchst selten selbst mit dem Capitain, den er wunderbarer Weise monsieur nannte, und der ihn deshalb auch nicht leiden konnte, und hatte noch mit keinem Fuß die Grenze der strengabgeschiedenen Cajüte überschritten.


[pg 158]