»Wir können doch wahrhaftig nicht sagen« rief die muntere junge Frau lachend, »daß wir von derartigen Leuten überlaufen werden, und eine Schande wär's für ewige Zeiten, wenn wir den ersten armen reisenden Handwerksburschen, der uns auf offener See anspricht, unbeschenkt entließen. Du mußt mir etwas kleines Geld geben, Joseph.«
Der junge Henkel, der wahrscheinlich auch mit den Vorbereitungen der baldigen Landung beschäftigt, den ganzen Tag schon in seiner Coye geordnet und umgepackt hatte, und jetzt auf einer der Quarterdecks-Bänke saß und in seinem Taschenbuch rechnete und notirte, hatte sich bis jetzt auch nicht im Mindesten um das bekümmert was im Zwischendeck vorging, und selbst nicht auf das Lachen und den Jubel um sich her weiter, als mit einem gelegentlichen theilnahmlosen Blick geachtet. Nur die direkt an ihn gerichtete Bitte machte ihn aufschauen, und Clara mußte sie wiederholen, ehe er sie nur verstand.
»Kleines Geld, liebes Kind, habe ich nicht mehr« antwortete er dann, die Achseln zuckend und seine Papiere wieder vornehmend. »Deutsche Grote nutzen uns doch Nichts mehr in Amerika, und ich habe nicht allein die letzten in Brake ausgegeben, sondern auch schon, wie Du recht gut weißt, Deine[pg 230] Waschfrau im Zwischendeck neulich in Amerikanischen Dollarn bezahlen müssen.
»Ja lieber Gott, so geht es uns auch« rief Marie, die ebenfalls ihr Portemonnaie herausgeholt hatte und es vergebens durchsuchte, »all unser kleines Geld ist ausgegeben und wir sind des Webers Frau, der Frau Brockfeld, noch außerdem eine kleine Summe schuldig, die ihr der Vater versprochen hat in Amerikanischem Gelde zu bezahlen sobald wir an Land kommen.«
»Armer reisender Handwerksbursch — seit drei Tagen keinen warmen Löffel im Leibe gehabt!« sagte in diesem Augenblick der junge Bursch, indem er sich halb schüchtern, als ob er nicht wisse wie der Scherz aufgenommen werde, den Damen mit vorgehaltenem Hute und tiefem Kratzfuß näherte — »möchte gern das Handwerk begrüßen, aber habe keinen einzigen Schuster hier vorgefunden.«
»Lieber Joseph« bat die junge Frau schmeichelnd, »bitte, laß doch nur einen Augenblick Deine alten häßlichen Papiere und sieh Dir den armen Handwerksburschen mit den bestaubten Stiefeln an — er kommt direkt von der Landstraße, und — ah mir fällt etwas ein — Du hattest neulich kleines Englisches Geld, das Du mir zeigtest — Du hast das noch, nicht wahr? — warten Sie einen Augenblick« wandte sie sich dann rasch zu dem verlegen stehen bleibenden Burschen — »Sie sollen gleich bekommen — nicht wahr, Du giebst mir ein paar von den kleinen Stücken; die gelten auch in Amerika.«
»Aber liebes Kind, ich weiß wirklich nicht wo sie sind, [pg 231]und bin auch in diesem Augenblick gerade mitten im Rechnen drin.«
»Aber der Handwerksbursch« sagte die muntere, kleine Frau in komischer Verzweiflung — »thatest Du es nicht damals in Dein Toilettkästchen?«
»Ich glaube, ja« sagte Henkel zerstreut, und froh damit abzukommen — es steht unten auf meinem Bett.«
»Hedwig mag es holen« rief Clara rasch — »Du weißt Hedwig, das kleine Lederetui mit dem goldenen Schloß« — auf dem oberen Bett in der Coye —