»Was in meinen Kräften steht, will ich thun,« sagte von Gaulitz – »aber das – das ist zu viel.«
»Zu viel für ein Menschenleben,« lachte der Doctor im zornigen Unmuth – »es wäre wahrlich eine Verlockung, sich dem Teufel zu verschreiben, wenn man nur vermuthen müßte, daß solche Menschen einst in den Himmel kämen. Doch genug der Worte, ich habe Sie nicht aufgesucht, um mit Ihnen zu feilschen und zu handeln und um Procente zu streiten. Meine Frage gilt einfach dem Mann, dem ich als Mann gegenüber stehe, und die Alternative ist die, daß ich mich von hier aus auf ein Pferd werfe und morgen früh schon in der Residenz die Klage gegen den Oberpostdirector von Gaulitz beim Criminalgericht eingebe, und daß ich die Zeugen stelle, darauf können Sie sich verlassen. Einfach also Ihre Antwort – hier ist das Papier – dort steht Feder und Dinte – wollen Sie, oder nicht?«
»Mit der Pistole auf der Brust« – sagte verlegen der Gutsherr.
»Bitte um Verzeihung, Herr von Gaulitz,« erwiederte mit besonderem Nachdruck der junge Mann »ich bin unbewaffnet – die Pistole wäre nur – Ihr Gewissen, die Ihnen hoffentlich geladen und gespannt bis zu Ihrer letzten Todesstunde vor den Schläfen stehen soll. – Ich bitte um Ihre Entscheidung.«
»Dreihundert Thaler jährlich? –«
»Bis zu ihrem Tod – in dem Fall aber hundert Thaler an ihren Vater.«
Der Oberpostdirector ging mit verschränkten Armen wohl fünf Minuten lang rasch und schweigend im Zimmer auf und ab; Wahlert lehnte an der Ecke eines Spieltisches und sprach kein Wort, störte sein Nachdenken durch keinen Laut, durch keine Bewegung, nur sein Auge haftete mit seiner Adlerschärfe auf ihm, und folgte ihm, wohin er sich wandte, und es schien fast, als ob der Gutsherr das wisse, und der Blick gerade es sei, der ihn so unruhig herüber und hinüber jage, denn nicht ein einziges Mal schlug er das Auge zu dem so unwillkommenen Besuch empor. Endlich, doch wohl einsehend, daß ihm hier wirklich nur die Wahl zwischen öffentlicher Schmach und einem, wenn auch bedeutenden Geldopfer liege, schien sein Entschluß gefaßt. Er trat an den Tisch auf dem, neben dem Dintenfaß das Dokument lag, ergriff die Feder – und noch zögerte seine Hand.
Wahlert schaute mit der gespanntesten Aufmerksamkeit auf ihn hinüber – plötzlich zuckte ein triumphirendes Lächeln über seine Züge – das Kritzeln der hastig geführten Feder kündete ihm seinen Sieg. Im nächsten Augenblick reichte ihm der Oberpostdirector das Blatt hinüber – er warf einen Blick darauf, verbeugte sich, faltete es zusammen, schob es in seine Brusttasche und öffnete eben die Thür, das Zimmer wieder zu verlassen, als draußen eine wildverstörte, blutbedeckte, von Lumpen umhangene Gestalt mit der aufgezogenen Jagdflinte in der Hand in die Thüre sprang, und eine heisere Stimme in kaum hörbaren Lauten frug –
»Heiliger Gott!« rief Wahlert und trat, entsetzt über den schaurigen Anblick, auf den Vorsaal hinaus, der Oberpostdirector aber, durch den Ausruf aufmerksam gemacht, folgte ihm rasch, sah zuerst die Gestalt, die er wahrscheinlich nicht einmal gleich erkennen mochte, erstaunt an und rief dann, mehr überrascht als bestürzt: –