»Fritz Holke – was machst Du in dem Aufzug hier? – Mensch wie siehst Du aus?«

»Retten – Schützen Sie mich!« war aber Alles, was der arme Teufel vor Erschöpfung und Angst und Aufregung über die Lippen bringen konnte – »ich habe – ich habe einen Menschen – erschossen – den Müllerburschen aus – aus der Rauschenmühle – sie werden – sie werden gleich hier sein – großer allmächtiger Gott, ich bin ein Mörder

Wahlert war an die Seite und etwas zurückgetreten, und ein schweigender aber wachsamer Zeuge der folgenden Scene.

»Ein Mörder?« rief der Gutsherr jetzt wirklich bestürzt, und blickte die Leidensgestalt, in deren Antlitz jeder Zug die Wahrheit der Worte bestätigte, forschend an, »Mensch, Du siehst fürchterlich aus!«

Fritz erzählte jetzt mit flüchtigen Worten, und so gedrängt als möglich, den ganzen Vorfall, wie er von den Bauern mishandelt, mit was er bedroht worden, und endlich nur in letzter Verzweiflung, seiner selbst fast unbewußt, nach der Waffe gegriffen und die Mündung dem vorspringenden Feind drohend vorgehalten habe – dann war der Schuß gefallen – der Mann – als er sich nach ihm umschaute, gestürzt, und weiter wußte er selber Nichts mehr, weder von sich selbst noch von der ihn umgebenden Welt – Flucht war sein einziger Gedanke gewesen, Flucht, vor dem Erschlagenen fast mehr als den verfolgenden Menschen, und er, der Gutsherr, der ihm selber befohlen habe, streng gegen alle Wildfrevler zu verfahren, sei der Mann, der ihn schützen werde, schützen müsse vor der Rache der Bauern.

»Nun das hätte mir noch gefehlt!« rief jetzt der Herr von Gaulitz, der in dem Interesse, das er an der athemlosen Erzählung seines Jägerburschen nahm, die Anwesenheit des dritten Mannes ganz vergessen zu haben schien. – »Ich soll mich in deine Streitigkeiten mit dem Bauergesindel mischen, und wohl gar noch einen Mörder und Todtschläger in meinem Hause beherbergen, daß sie mir nachher das Dach über dem Kopf anstecken? – nein wahrhaftig nicht – wer hieß Dich gleich abdrücken, der, der Blut vergießt, des Blut soll wieder vergossen werden, steht in der heiligen Schrift – ›wo Jemand an seinem Nächsten frevelt und ihn mit List erwürget, so sollst Du denselben vor meinen Altar nehmen, daß man ihn tödte‹ und ›Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuß um Fuß, Brand um Brand, Wunde um Wunde, Beule um Beule!‹«

»Herr des Himmels« stöhnte da Fritz in Todesangst, – »Sie sagen das, Sie, der Sie mir hier an dieser Stelle, wo wir jetzt bei einander stehn, zuriefen – ›Schieße die Wildfrevler nieder – und auf meine Verantwortung?‹ An mich gehalten hab' ich und Alles ertragen, um nicht ein Mörder zu werden, die Feindschaft aller Bauern dabei durch den Eifer auf mich gelenkt, den ich in Ihrem Dienst bewiesen, und jetzt – jetzt, wo ich in Selbstvertheidigung vielleicht mein Leben, oder was noch mehr ist, meine Ehre retten mußte – jetzt, wo ich den ärgsten Wilddieb, der je auf Hornecker Revier mit der Flinte herumgezogen, auf Hornecker Revier, niedergeschossen habe, jetzt bin ich ein ruchloser Mörder und soll allein, elend in die Welt hinausgestoßen werden. Gut, ich will gehen, den Bauern will ich entgegengehn und sagen hier – hier Ihr Schurken – hier nehmt Rache an dem vergossenen Blut – Auge um Auge, Zahn um Zahn – aber mein Blut kommt über den Gutsherrn drinn und Gott möge ihm einst in seiner letzten Stunde –«

»Poller – Poller!« rief der Oberpostdirector, in voller Aufregung zu der schmalen steilen Treppe gehend, die in die Bedientenstube hinunterführte – »Poller!«

»Zu Befehl Euer Gnaden!« antwortete die bereite Stimme des Dieners, der unten an der Treppe gehorcht, sich aber wohl gehütet hatte, seinen Kopf oben blicken zu lassen.

»Ruf mir den Christoph und Dietrich – schnell – sie sollen mir den Burschen da aus dem Hause prügeln.«