Der Gänsejunge stand dabei unten am Teich, und wusch sich die bloßen Füße in der kalten, schmutzigen Flut, und ein kleines dralles Bauermädchen im bloßen Kopf, das ein Gefäß in der Hand trug, und von seiner Mutter wahrscheinlich in den nächsten Kaufmannsladen geschickt war, um Essig, oder sonst eine Flüssigkeit zu holen, schien Gefallen an dem Fußbad zu finden. Sie trat dicht zu dem gleichgültig nach ihr sich umschauenden Jungen heran, tauchte erst ganz sorgfältig die eine Spitze des sauber geschmierten Schuhes in das Wasser, und freute sich, wie die Fluth in trüben Perlen auf dem schwarzen Fett hängen blieb – dabei wurde sie aber immer kecker und kecker, nahm jetzt den anderen Fuß, und dann diesen wieder, bis sie es endlich einmal versah, und sehr zum Ergötzen des schadenfrohen Gänsejungen zu tief trat, so daß das Wasser ihr den Strumpf netzte und in den Schuh lief. Ei, wie rasch hob sie da das kleine Bein, und rannte, dann und wann einmal stehen bleibend und den nassen Strumpf betrachtend, spornstreichs den schmuzigen Fahrweg entlang in die schmale Gasse, die zum Kaufmann führte.
Hier und da schaute ein mißmuthiges Gesicht aus den Fenstern der benachbarten Bauernhäuser heraus, und der Knecht, der sonst immer pfeifend neben seinem Geschirr herging, zog heute verdrossen und dicht in seinen alten grauen Regenmantel gewickelt, hinter dem Mistwagen her, während selbst die Pferde, dann und wann die Ohren schüttelnd, und nicht rechts noch links schauend, wie verdrießlich in den Deichselketten hingen, daß der schwergeladene Wagen nicht zu rasch den Abhang hier hinunter rolle, und ihnen etwa in die Hacken käme.
Aus den Scheunen tönte das monotone Dreschen herüber, immer trüber und trüber umzog sich der Himmel, und die ganze Natur sah aus, wie der Bauer in seinem Regenmantel.
Es war wieder an einem Sonnabend, und Hennig, froh endlich einmal der dunstigen Schulatmosphäre enthoben zu sein, ging in die Pfarre hinüber, wo er den Kindern Musik, und Sophien – o wie er sich die ganze lange Woche hindurch auf die eine selige Stunde freute – Zeichenstunde gab. Am letzten Sonnabend war ihm auch diese Freude, wenigstens zum großen Theil verbittert worden, denn der Fremde, Doctor Wahlert, der in der Pfarre wohnte, ging die ganze Stunde nicht aus dem Zimmer, und es kam ihm da gerade so vor, als sei ihm der Tag – der einzige Erholungstag der ganzen Woche, auf solche Art ganz schändlich und heimtückisch gestohlen worden. Heute konnte ihm das nicht widerfahren – Wahlert war gestern Abend erst fortgeritten, und kam keinesfalls vor der Zeichenstunde zurück, und Hennig hatte die Zeit kaum erwarten können, so daß er eine volle halbe Stunde – sehr zum Entsetzen der »jungen Pastors,« die gar noch nicht an's Clavier dachten, hinüber in die Pfarre ging.
Dort war aber erst gestern Abend der frühere Diaconus Brauer, jetzt Pastor zu Kloneck, eingetroffen, um mehreres mit seinem Collegen, dem Pastor Scheidler zu bereden, und es schien fast, als ob ihm auch heute die liebste Stunde geraubt werden sollte; als Vorbedeutung wurde wenigstens – und wie lachten die »junge Pastors« – die Clavierstunde ausgesetzt. Als sich jedoch Hennig, um die Unterredung nicht zu stören, wieder entfernen wollte, bat ihn Pastor Scheidler, zu bleiben, da sie Manches mit einander zu besprechen hätten.
»Manches zu besprechen? Lieber Gott,« dachte Hennig – »die alte Geschichte; wenn sich ein Pastor dazu herabläßt, mit dem Schulmeister etwas zu besprechen, so bedeutet das gewöhnlich weiter gar nichts, als er will ihm wieder einmal den Text lesen – und das nennt er nachher besprechen.« Hennig hatte sich auch nicht geirrt, die Kinder waren noch nicht einmal hinaus, als Pastor Scheidler, der Hennig gewinkt hatte, einen Stuhl zu nehmen, anfing, ein paar Mal im Zimmer auf und ab zu gehen – ein sicheres Zeichen, daß irgend ein Sturm im Anzug sei – dann nach einigen Hm's und mehrmaligem Räuspern zum Tisch trat, und ein Zeitungsblatt – die Probenummer eines neu zu erscheinenden Blattes, »die Leuchte« in die Hand nahm.
Hennig lächelte, denn er wußte jetzt Wort für Wort, was kommen würde, wunderte sich aber doch darüber, den Pastor einer solchen Sache wegen so ernst zu finden.
»Lieber Hennig,« nahm Pastor Scheidler nach einigem Zögern und einem, scharf auf den Lehrer gerichteten Blick, das Wort – »Sind Sie wirklich der Redacteur dieses Blattes, das vom ersten Januar 1849 an regelmäßig erscheinen, und die hier vorn angegebene Tendenz verfolgen soll?«
»Allerdings, Herr Pastor,« erwiederte ihm Hennig, »und mit Gott hoff' ich, zum Nutzen und zur Aufklärung der Menschen recht viel Gutes damit zu wirken.«
»Ich dächte, Sie hätten sich immer beklagt, daß Ihnen so wenig Zeit zu Ihren Studien bliebe?« frug mit etwas bitterem Ton der Geistliche – »hiernach scheint es doch fast, als ob Sie weit mehr Zeit hätten, als ein Lehrer, der eine schon übergesetzliche Zahl von Kindern zu unterrichten hat, haben sollte.«