Mehrere Tage vergingen so, und trotz des gegen Fritz Holke, Jägerburschen aus Horneck erlassenen Steckbriefs, war keine Spur des total von der Erde Verschwundenen aufgefunden worden. Fritz Holke war aber nicht der Einzige, dessen Aufenthalt ganz urplötzlich nicht mehr ermittelt werden konnte, auch Marie Meier und der alte Musikant hatten – Niemand wußte wohin, in derselben Nacht das Dorf verlassen und Wahlert bot vergebens Alles auf, um die Spuren der Entflohenen zu finden. Selbst der Wirth, bei dem sie gewohnt, schien gar Nichts von ihrer Abreise vorher erfahren zu haben, denn nicht eine mal die paar Thaler Miethzins hatte der alte Mann bezahlt und der Hausbesitzer, ein reicher Bauer aus Horneck, der zwei kleine Häuser einmal um eine Schuldforderung angenommen, fluchte und wetterte über das »Gesindel«, bis ihm Wahlert den rückständigen Zins in die Hand drückte und den Zürnenden dadurch zum Schweigen brachte.

Was konnte er jetzt thun, um die Unglücklichen wieder aufzufinden? – Er schrieb augenblicklich in die Residenz, sandte Boten auf alle umliegenden Dörfer aus und versprach Gensdarmen und Forstläufern ansehnliche Summen, wenn sie ihm Kunde von dem alten Musikanten brächten, oder gar seinen Aufenthalt anzugeben wüßten, doch Alles ohne Erfolg.

So sicher sich jene Beiden aber auch ihr Versteck gewählt hatten, so viel unsicherer wurde mit jedem Tage des armen Jägerburschen kaltes Dachstübchen, in dem er jetzt, bei plötzlich eintretendem Frost, besonders in der ersten Nacht fast erfroren wäre. Dort konnte er nicht länger bleiben, als ihn aber der gutmüthige Kraft die nächste Nacht herunter in seine eigene Kammer nahm, war es die Magd gewahr geworden, und auf rasche Entfernung, sollte nicht die Entdeckung die übelsten Folgen nach sich ziehen, mußte so schnell als möglich gedacht werden.

Fritz verließ am nächsten Abend bei Dunkelwerden Bachstetten und floh – natürlich augenblicklich nach Horneck in die Schule, wo ihn der jetzt davon in Kenntniß gesetzte Hennig zwei Tage, mit größter Gefahr für sich selbst, zu verbergen wußte. Indessen hatten sie aber auch nun den Plan entworfen, den sie künftig verfolgen wollten, Lieschen ward sogar mit in den Kriegsrath gezogen und der Beschluß gefaßt, daß Fritz jetzt ohne Weiteres voraus nach Amerika überfahren und dort das Land einige Monate durchziehen solle. Zum Frühjahr, wo er schon einen Platz zur Ansiedlung ausgewählt haben konnte, kam Wahlert mit seiner jungen Frau nach.

Und Lieschen? – Ach dem armen Kinde standen die großen hellen Thränen in den Augen, daß es nicht mit ziehen konnte in das freie herrliche Land, wo es keine Noth mehr gab und – keine Nahrungssorgen, wo der Arbeitsame und Ehrliche sein Brod fand, und nicht wie hier in Kummer und Elend verderben mußte. Aber – es ging nicht – Vater und Geschwister durfte, konnte sie hier nicht allein zurücklassen und wehmüthig nickte sie nur mit dem Köpfchen, als ihr Fritz versicherte, wie er bald, recht bald so viel verdient haben werde, um sie und die Ihrigen zu ernähren und sie dann alle mit einander nachholen zu können.

Noch in derselben Nacht verließ er, von Wahlert hinlänglich mit Geld unterstützt, und mit ein paar Briefen nach Havre versehen, Horneck, setzte nach der Rauschenmühle über, nahm dort von seinem Vater, den er auch in späterer Zeit noch in Amerika zu sehen hoffte, herzlichen traurigen Abschied, und wanderte dann getrosten Muthes nach der Residenz. Wahlerts Rathe nach sollte er hier Post nach Coblenz nehmen – auf der Post frug ihn kein Mensch nach einem Paß, und von dort aus erreichte er schnell die französische Grenze und Havre de Grace.

Lieschen schwebte indessen in Todesangst – jedes fremde Gesicht, das ihr begegnete, schien zu sagen: sie haben Deinen Fritz erwischt und er wird jetzt in Ketten wieder zurück transportirt. – Keine derartige Kunde wurde ihr aber, im Gegentheil mußte sie jetzt, da der Steckbrief nicht erledigt wurde, der Entflohene also auch nicht eingefangen sein konnte – hoffen, daß er glücklich entkommen sei – dennoch war ihr die Ungewißheit, ach, so peinlich, und die Tage schlichen ihr lang und traurig dahin.

Viertes Kapitel.
Pastor und Schulmeister.

Der neunte December brach trübe und düster an; im Nordwesten hatten sich dunkle, drohende Wolkenmassen gebildet, und mit der Tagesdämmerung sah es fast so aus, als ob an diesem Tage der erste Schnee fallen müsse. Auch waren schon mehrere Züge wilder Gänse schnatternd und schwirrend dicht über Horneck weg, vom Norden herunter kommend, dem wärmeren Süden zugestrichen – ein ziemlich sicheres Zeichen des nahenden Winters – um neun Uhr aber, der Stunde der Wetterscheide, drehte sich der Wind mehr nach Süden herum, und ein kalter, dünner Regen, der im Anfang wie Staub auf den Kleidern lag, um später desto sicherer einzudringen, fiel geräuschlos auf die feuchte lehmige Erde nieder.

Selbst den Enten schien es in dem, unten gleich am Pfarrhügel liegenden Teich zu naß geworden zu sein, und sie watschelten schnatternd in ihrem schwerfälligen Marsch – eine hinter der anderen genaue Linie haltend – unter die Pflaumenbäume, wo sie erst eine ganze Weile die Köpfe schüttelten, als ob sie selbst nicht wüßten, was sie über den dießjährigen Herbst denken sollten, dann sich die Flügel und das bewegliche Schwänzchen putzten, und zuletzt ganz ehrbar und bedächtig still saßen, die Köpfe hinten in den Nacken drückten, und mit halb geschlossenen Augen träumend nach den grauen unbehaglichen Wolken in die Höhe schauten.