»Und –«
»Und wer?« – Fritz antwortete nicht – »Fort denn,« sagte Wahlert, »Sie haben keine Secunde mehr zu verlieren!«
Er zog den Jäger mit sich aus der Thür, die er hinter sich wieder schloß, brachte ihn vor das Gut hinaus und sah dort noch eine Weile hinter ihm drein, als er nach flüchtigem aber herzlichen Dank in der mehr und mehr einbrechenden Dämmerung auf schmalen dunkeln, ihm aber wohlbekannten Gartenpfaden durch das Dorf hinauf und wahrscheinlich direkt der ihm von Wahlert bezeichneten Stelle zufloh, wo er später einen sicheren Versteck sollte angewiesen bekommen.
Drittes Kapitel.
Fritz Holke's Flucht.
Die Aufregung, die durch den Tod Müller Friedens in all' die umliegenden Ortschaften kam, war entsetzlich. – Das Gerücht ging, der Horneck'sche Jäger habe den Mann blos deshalb erschossen, weil er einen kranken Hasen hätte fangen wollen. Krautsch, der den Schnitt durch's Gesicht davon getragen, that ebenfalls sein Möglichstes, die Wuth gegen den ihm ohnedies verhaßten Jäger noch zu schüren und zu erhöhen, und die Gerichte, von allen Seiten bestürmt, mußten wohl auf den flüchtigen, seit jenem Abend aber verschwundenen Mörder fahnden, wollten sie nicht besorgliche Auftritte heraufbeschwören, die doch am Ende die Ruhe der hochweisen Polizei vielleicht gestört hätten.
Und der Postdirector von Gaulitz?
Der lag drei Tage besinnungslos auf seinem Bett – und phantasierte, als er endlich wieder zu sich kam, von entsetzlichen Sachen, die den Umstehenden das Haar zu Berge sträubten. Die Frau von Gaulitz ließ auch endlich gar Niemanden weiter in's Krankenzimmer, als den Arzt, dem überhaupt gleich ein kleines Gemach im Gute eingeräumt worden war, damit er, wenn sein Aufenthalt nicht ganz unumgänglich nothwendig in der Residenz war, hier bleiben und schlafen konnte, denn das Leben des Postdirectors schwebte lange in höchster Gefahr.
Im Anfang hieß es dabei sogar, der Jägerbursche, dessen drohende Stimme Poller unten in seiner Stube gehört haben wollte, hätte den alten Mann, der dem Mörder seinen Schutz verweigert, die Treppe hinabgeschleudert, Wahlert trat dagegen aber augenblicklich und auf das nachdrücklichste als Zeuge auf, und sagte aus, wie er dabei gestanden habe, als der Postdirector, die Stufe verfehlend, hinabgestürzt sei, ohne daß ihm der Jäger auch nur auf sechs Schritte zu nahe gekommen wäre. Das rechtfertigte diesen allerdings von der Anklage, half aber dem Postdirector nur wenig, der sich auch noch, wie eine spätere, allerdings zu späte Untersuchung, darthat, die Hüften ausgerenkt und zwei Rippen gebrochen hatte.
Der Jäger war indessen glücklich in seinen Versteck entkommen, durfte aber gar nicht daran denken, selbst in späterer Zeit nach Horneck zurückzukehren, und mußte sich nun einen Ort in der weiten Welt suchen, wo er sich einen Heerd, eine neue Heimath gründen könne. Ohne Abschied von Lieschen zu nehmen, war er aber, selbst an dem Abende nicht, von Horneck geschieden; trotz der Gefahr, in der er sich befand, schlich er von hier zur Schulwohnung hinüber, das bekannte Zeichen rief sein darüber zum Tod erschrockenes Mädchen, der das entsetzliche Gerücht schon zu Ohren gekommen, vor die Thür hinaus, und dort gelobten sich die beiden armen Kinder noch einmal – unter dem freien hellbestirnten Himmelszelt, ewige Liebe und Treue, wie das Schicksal auch ihre Bahnen werfen, ihr Leben gestalten möge. Fritz war dabei schon fest entschlossen, was seinen künftigen Plan betraf – er wollte nach Amerika, dort sich mit Fleiß und Sparsamkeit so viel verdienen, um eine kleine Farm kaufen zu können, und dann sein Lieschen, sein liebes gutes Lieschen, nachholen. Dazu schüttelte aber diese gar traurig den Kopf, den armen Vater hier in all seinem Elend, in seiner Krankheit allein zurück lassen – nein, das ging unmöglich an. – Aber der Vater bekam bald Zulage – eine Unterstützung vom Ministerium – und der Pastor hatte ihm ja ebenfalls Hülfe zugesagt – Das waren Alles fremde Menschen, wie das arme Mädchen mit recht traurigem Ausdruck in den Zügen sagte, die versprachen Alle, aber sie hielten Nichts, und dann blieb der arme Vater doch nur immer wieder allein und ganz allein auf sie angewiesen, und hätte sie den Greis in dem Zustande verlassen können, Fritz selbst würde ihr das, bei kaltem Blute und ruhiger Ueberlegung, nicht zugemuthet, ja wenn sie selbst wollte, es nicht gestattet haben.
Dagegen half keine Einsprache – Fritz nahm Abschied von ihr, mit dem ausdrücklichen Versprechen jedoch ehe er das Vaterland verließ, jedenfalls noch einmal zu ihr zu kommen, um den gemeinschaftlichen künftigen Lebensplan zu bereden, und als Lieschen weinend am Gartenzaune stand und mit ängstlichen Blicken, mit fieberhaft schlagenden Pulsen den mehr und mehr in der Ferne verhallenden Schritten des Geliebten horchte, eilte dieser, so schnell ihn seine Füße trugen, dem ihm von Wahlert bezeichneten, wohlbekannten Versteck zu, und blieb dort, bis ihn Abends spät der Bachstettener Schullehrer – der Wahlert zu Liebe noch an dem nämlichen Abende in sein Dorf zurückkehrte – abholte und mit sich zu Hause nahm.