»Uebrigens wird Ihnen nicht unbekannt sein« fuhr Pastor Brauer, als Hennig kein Wort darauf erwiederte, nach einem kurzen Stillschweigen fort, »daß sich mehrere Lehrerconferenzen schon ebenfalls in diesem Sinne ausgesprochen haben – Sie wissen ja sogar was die Hornecker darüber gesagt; die Lehrer selber sehen ein, daß sie wohlgesinntere Inspectoren kaum mehr unter ihren Collegen, als unter den Geistlichen zu hoffen haben. Die Schulmänner sind nicht selten – ich spreche hier von den alten starren Fachleuten – anmaßend und pedantisch, und würde Ihnen das, lieber Hennig, nicht weit peinlicher sein von Jemandem beaufsichtigt, überwacht zu werden, der mit Ihnen auf einer Stufe steht, der aus demselben Stand ist wie Sie selbst, und nur durch die Wahl einer, vielleicht sehr geringen Majorität zu ihrem Vorgesetzten gemacht wurde? – Der Geistliche kann auch am kräftigsten dahin wirken, bei seiner Gemeinde die Theilnahme für die Schule zu wecken und zu erhöhen. Wo sich der Geistliche die Liebe und Achtung seiner Kirchkinder erworben hat, gilt auch sein Wort viel, und leicht wird er dann dem Lehrer in die Hand arbeiten, den Lehrer schützen und stützen können gegen Unannehmlichkeiten und Aerger, und ihm ein treuer Freund und Hüter werden.«

»Ein Hüter – das war das richtige Wort« sagte Hennig rasch, aber mit einem recht wehmüthigen Ausdruck in den Zügen – »›auch Du mein Sohn Brutus‹ – sehen Sie Herr Pastor, das thut mir recht in der Seele weh, daß wir Beiden wenigstens nicht mehr so freudig Hand in Hand gehen können wie bisher. Die Zeiten haben sich nicht geändert – die Zeiten ändern sich nie – die Menschen nur sind es, die Menschen und ihre Ansichten, und es ist traurig, daß die stets durch ihre Verhältnisse bestimmt werden. Wäre das freilich nicht, so würden wir vollkommen sein. So wird, zum Beispiel die Religion noch gelehrt und gepredigt, wie sie vor sechs Monaten gelehrt und gepredigt wurde, der Pastor scheint sich aber in das gefügt zu haben, was den Diaconus als unerträglich drückte. Doch ich will hier nicht den alten Kampf gegen geistliche – nicht geistige Inspection beginnen, mein Ziel hab ich mir gesteckt, und dem streb' ich mit frohem Muthe entgegen. – Sagen Sie mir lieber, was Ihnen Herr Pastor Scheidler noch aufgetragen hat – ich bin bereit, es zu hören.«

»Aufgetragen?« frug Pastor Brauer leicht erröthend, »aufgetragen in der That Nichts, aber auch ich wollte Ihnen als alter Freund rathen, die Zeitung, wenigstens nicht in dem Sinne, wie es die Probenummer kündet erscheinen zu lassen. – Sie machen sich viele Feinde und richten dadurch wahrlich Nichts, weder für sich noch ihre Standesgenossen aus. Lassen Sie Geistliche und Lehrer vereint an die Reform der Schule gehn, dann werden Sie den wachsenden Baum schöne und herrliche Früchte tragen sehn, wollen Sie aber unbedingten Kampf, dann, guter Hennig, zerstören Sie gerade das, was Sie zu wecken wünschen.«

Pastor Brauer stand auf und schien im Begriff das Zimmer zu verlassen, Hennig aber ergriff seine Hand und sagte herzlich, aber dennoch mit einem leisen Vorwurf im Ton:

»Es gab eine Zeit, wo wir Beide Hand in Hand einem schönen Ziele entgegen strebten, wo wir als Freunde handelten, als Freunde dachten, und Gott wolle verhüten, daß die Zeit, die schöne Zeit vorüber sei. Hier aber handelt es sich um das Höchste was der Mensch in seinem Innern erkennen sollte – um seine Ueberzeugung – hier handelt es sich um das, wonach ich mit allen meinen schwachen Kräften getrachtet und gestrebt – hier handelt es sich allein noch darum, den Sieg gewinnen oder verzweifelnd jede Hoffnung aufgeben zu müssen – von einem Rücktritt kann da keine Rede sein. Ich sehe in der Selbstständigkeit des Lehrers die einzige Möglichkeit einer freien Entwickelung des Volks und in dieser wieder nur die Aussicht auf eine mögliche Selbstständigkeit desselben – sollten geknechtete Menschen im Stande sein Freie heranzubilden? Und ist der Lehrer etwa nicht geknechtet, liegt nicht jetzt sein freier Wille in der Hand des Geistlichen und duldet er nicht die schmählichste Knechtschaft durch die Nahrungssorgen, die seinen Geist niederbeugen müssen? Nein, wohl weiß ich, daß sich viele Lehrerconferenzen gegen die Trennung der Kirche von der Schule ausgesprochen haben, die armen verblendeten Menschen wissen aber nicht, daß sie sich den Stahl in das eigene Fleisch rennen – sie begreifen nicht, wie alle die Uebelstände, die sie jetzt aus einer Ueberwachung der Schulen durch Schullehrer selber entstehn zu sehn glauben, durch das Aufhören des Pastorzwanges auch in sich selbst zusammenstürzen müßten. Das aber spricht ebenfalls nur wieder mehr für mich, und ein Schritt weiter zurück, kündet uns auch hier die Ursache. Wie werden die Seminaristen schon, die doch einst Lehrer werden sollen, behandelt – wie erbärmlich ist meistens die Kost, mit der sie auf den autokratischen Willen des ›Hausmanns‹ angewiesen sind – wie gedrückt ihre Behandlung – das Alles muß anders werden, der Lehrerposten muß ein Ehrenposten werden im Staat, und daß er das werde, dahin geht mein Streben. Ueberzeugen Sie mich, daß ich den falschen Weg gehe und ich will umkehren, das, was Sie bis jetzt gesagt, überzeugt mich nicht

»Aber der Herr Pastor Scheidler.«

»Meint es sonst gut mit mir, und wird mir da, wo er einsehn muß, ich handele aus Ueberzeugung, nicht feindlich entgegentreten. Uebrigens habe ich Nichts zu scheuen, und die heimlichen Conduitenlisten – das Vehmgericht des Schulvorstandes – werden hoffentlich auch bald ihr Ende erreichen.«

»Ich sehe, wir überzeugen einander doch nicht,« sagte Brauer lächelnd – »Sie sind einmal unverbesserlich – doch, Sie haben wohl auch gar hier Stunde zu geben, da will ich nicht stören.«

»Es hat erst eben zehn Uhr geschlagen,« sagte Sophie, die bis dahin, dem Gespräch still aber aufmerksam lauschend, an ihrem Nähtisch gesessen hatte.

»Kann ich den alten Kleinholz jetzt sehn?« frug Pastor Brauer den Schulmeister.