»Nein, nicht zu dulden, Herr!« fuhr aber der Geistliche, der jetzt das lang gesuchte Bett für die Stromflut seines Zornes gefunden – eifrig fort – »Was müssen die anderen Geistlichen, was müssen meine Collegen denken, wenn hier, ich möchte sagen, in meinem eigenen Hause, die Waffen geschmiedet würden, mit denen man sie – und warum denn überhaupt auch nur sie, nein auch mich selbst, eben so gut mich selbst – fortwährend angreift und bekämpft. Ich sage Ihnen noch einmal, Herr Hennig – treiben Sie mich nicht zum Aeußersten – ich kann Ihnen allerdings, unseren jetzigen liebenswürdigen Gesetzen nach – die Herausgabe eines solchen Blattes nicht officiell verbieten – und werde das auch nicht – geben Sie es aber doch heraus, achten Sie das, was ich darüber denke, so gering, und wollen Sie der ganzen Geistlichkeit, und also auch mir feindlich gegenüberstehen, so messen Sie sich auch die Folgen bei, die das für Sie haben würde. Noch sind wir die Herren – noch gelten unsere Berichte, und die Schlußfolge können Sie sich selber daraus ziehen. – – Ich hoffe aber,« fuhr er nach ziemlich langer Pause, in der keiner der übrigen Männer ein Wort erwiederte, etwas ruhiger fort – »daß Sie über das oben Gesagte – über Ihre Stellung, etwas nachdenken werden. Ich will Ihnen wohl, Hennig, ich dächte sogar, ich hätte Ihnen das schon mehr als einmal bewiesen. Hab' ich Sie z. B. je in der Schule belästigt, ist die nicht allein Ihrem Wirken und Fleiße überlassen? – Was Anderen geschieht, geht Sie aber Nichts an, um das mögen sich auch Andere kümmern. Und das alte Verhältniß ändern? – Lieber Hennig, glauben Sie nur, ich habe darin mehrfache Erfahrung, und sehe vielleicht weiter in die Weltgeschichte hinein, als Sie glauben möchten – die Umsturzpartei hätte das vielleicht gekonnt, sie hatte wenigstens das Heft in Händen; jetzt aber ist es zu spät – mit dem Bade schütteten sie das Kind heraus, die ganze Welt traten sie auf den Fuß, und wollten sich dann nicht einmal entschuldigen; nun – stehen wir aber wieder fester, als wir, möcht' ich fast sagen, vorher gestanden haben. Also überlegen Sie sich das, lieber Hennig – denken Sie an das Gleichniß mit der Mauer – ein Kopf ist viel welcher als eine Mauer, und ein vernünftiger Mann darf nichts Unmögliches versuchen wollen.«
Er nickte dem Schullehrer freundlich zu, und verließ das Zimmer – als ihm Hennig wie träumend nachschaute, bemerkte er erst, daß Sophie Scheidler indessen ebenfalls eingetreten war; sie stand am Fenster, und ihr Blick, der mit stiller Theilnahme auf ihm, dem armen Schullehrer haftete, begegnete dem seinen, senkte sich aber dann auch schnell – er glaubte scheu – zu Boden nieder.
Hennig stützte den Kopf in die Hand, und sah lange still und sinnend vor sich nieder.
»Hennig« sagte da Pastor Brauer und ergriff des Freundes Hand – »Sie wissen, daß ich in früherer Zeit in gar manchen Sachen Ihre Meinung getheilt habe.«
»In früherer Zeit?« frug Hennig erstaunt und blickte zu dem Manne auf – »haben Sie sich da verändert, oder ich mich, daß das nicht mehr der Fall sein sollte?«
»Wir sind noch hoffentlich Beide die Alten geblieben« lächelte da Brauer, »aber die – Zeiten haben sich geändert – in der Welt selber ist vieles Anders – manches schlechter geworden, als es früher war, und dem Menschen ward deshalb der überlegene Geist gegeben, daß er nicht schroff und blind seine einmal begonnene Bahn fortgehe, sondern überlege, prüfe, forsche, und dann erst wie er es am Besten erfunden, handele, Sie wissen ich bin der Lehreremancipation nicht entgegen gewesen.«
»Und sind es auch hoffentlich noch nicht« rief Hennig in erschrecktem, fast bittenden Ton – »es wäre hart gerade jetzt im schwersten Kampf einen solchen Freund zu verlieren.«
»Ich bin es noch nicht« bestätigte Pastor Brauer, »aber doch auch nicht in so ausgedehntem Maaße, wie Sie vielleicht zu vermuthen scheinen. Der Lehrer muß in seinem Einkommen, in allem, was seine pecuniären Verhältnisse betrifft, unbedingt besser gestellt und ferner befreit werden von den lästigen Küster- und Glöcknerdiensten, deren Ertrag er dann auch nicht, wenn ihm sein Gehalt erst vom Staat ausgezahlt wird, zu vermissen braucht – was aber die Inspection des Geistlichen betrifft, lieber Hennig, da weiß ich doch nicht, ob es nicht – in den meisten Fällen natürlich nur, denn eine Ausnahme davon sind Sie zum Beispiel – nicht doch besser wäre, wenn es –«
»Eben beim Alten bliebe –« ergänzte Hennig monoton, und schaute voll und klar zu dem Geistlichen auf.
»Nun Gott ja, wenn Sie's so, –« sagte etwas verlegen lächelnd, Brauer, während er mit dem Frühstücksmesser spielte, und auf dem Teller einzelne kleine Brodkrummen zu zerschneiden suchte, »wenn auch das Wort, ›beim Alten lassen‹ im letzten Jahre etwas verpönt geworden ist. – Ich will übrigens gar nicht, daß es ganz beim Alten gelassen werden soll, der Herr Pastor Scheidler hat Ihnen früher schon selber einen trefflichen Vorschlag, gründliche Reform betreffend gemacht, und wenn Sie in einem Schulvorstand zur Majorität die Lehrer haben, dann, lieber Hennig, bin ich doch fest überzeugt, daß Sie sich nicht darüber beklagen dürfen und thäten Sie es doch, wären Sie ungerecht.«