»Herr Hennig,« wiederholte da, die Blicke aufs Neue gesenkt, Sophie – »sein Sie mir nicht böse, wenn ich vielleicht eine kindische Frage an Sie thue.«

»Mein Fräulein. –«

»Nun gut – sehn Sie – Sie – Sie meinen es mit der Schule und Ihrem Stande gewiß recht gut, und – sollte ich so recht frei vom Herzen weg reden – und wäre ich nicht gerade eines Pastors Tochter, ich glaube, ich könnte Ihnen vollkommen beistimmen, aber weshalb opponiren Sie gerade dem Vater immer so? Ich weiß, Sie haben ihn gern, oft schon, wenn Sie beide zusammen über das leidige Kapitel stritten, habe ich Thränen in Ihren Augen gesehn, und sie nahmen nie ein herzlicheres ›Gute Nacht‹ von ihm – als wenn Sie einander recht die Meinung gesagt. Mein Vater wird aber alt und ein wenig krittlich, und da müssen Sie schon etwas nachsehn – überhaupt – und nicht wahr, Herr Hennig, mir werden Sie über die Frage nicht so böse, wie dem Pastor Brauer –«

»Fräulein Scheidler –«

»Also will ich's wagen – ist es denn gar so etwas Erschreckliches,« und Sophie lächelte dem armen Hennig recht freundlich bittend dabei von der Seite an – »wenn der Geistliche, von dem man doch vernünftiger Weise erwarten muß, daß er ein guter Mensch sei, die Oberaufsicht über die Schule führe? – und wär es denn gar nicht möglich, daß Sie – nur ein ganz klein wenig von Ihren Ansichten – abweichen – wenigstens die häßliche Zeitung aufgeben könnten, über die sich der Vater, wie ich Ihnen im Vertrauen gestehen will, gestern Abend wirklich recht geärgert hat. Ich kann Sie wahrhaftig versichern, daß es für Sie besonders recht gut sein wird, wenn Sie sich den Vater zum Freund behalten, er hat wirklich – aber das nur unter uns, denn ich soll eigentlich kein Wort davon sagen – die besten Absichten mit Ihnen. – Es steht Ihnen eine ganz gute Stelle von zweihundert und zwanzig Thalern bevor – nur ein klein wenig nachgeben müssen Sie. Es ist ja doch nur um Ihrer selbst willen,« fuhr das holde Kind, als Hennig Nichts darauf erwiederte, sondern nur still und wehmüthig vor sich niedersah, fort – »es ist wahrlich zu Ihrem künftigen Glücke, wenn es so bleibt, und wir haben Sie Alle so gern, und möchten Ihnen gern wohl.«

»Auch Sie, Fräulein Scheidler?« sagte Hennig leise und ohne die Augen vom Boden zu heben, aber mit einem so eigenthümlichen Ausdruck im Ton, daß Sophie im Anfang nicht gleich recht wußte, ob diese Frage auf ihre letzte Aeußerung sich bezog, oder ob es wieder ein leiser Vorwurf sein sollte.

»Auch ich,« erwiederte sie deshalb nach kurzer Pause, leicht erröthend – »warum ich weniger?«

»Und zu meinem künftigen Glücke, sagen Sie, wäre es?« frug Hennig, jetzt voll und fest zu ihr aufschauend, und den zum Theil verlegenen Ausdruck im Antlitz des Mädchens bemerkend, fort – »mein Glück soll damit gesichert sein, wenn ich, abhängig wie bisher, kaum so gestellt, um allein in der Welt dastehn und leben zu können – viel weniger denn daran denken zu dürfen, auch an meinen Heerd ein trautes Weib einst heimzuführen, wenn ich nicht des alten Kleinholz schaudererregendes Bild Tag und Nacht vor Augen haben will – mein Glück soll gesichert sein, wenn ich willig das neue, um wenige Pfunde leichtere Joch auf den Nacken nehme und dafür Alles – Alles – doch nein,« brach er plötzlich ab, »Sie können nicht wissen, nicht ahnen, wie es in einem solchen vater-, mutter- und freundelosem Herzen aussieht – wie sich dessen ganzes Streben dann, einmal erwärmt, auch nur auf einen Brennpunkt seiner Seele hindrängt und dem Ziel mit allen – allen – mit den letzten Kräften entgegenwirkt. Darin getäuscht, und es müßte rettungslos untergehn, denn für ein zweites blieb ihm kein Blutstropfen, nicht die Kraft einer einzigen Sehne mehr.«

»Aber ich verstehe Sie nicht,« sagte Sophie, von den dunklen Worten, sie wußte selbst nicht warum, beängstigt.

»Halten Sie es nicht für möglich, Fräulein Scheidler,« sagte da Hennig, durch Zeit und Aufregung, ja selbst durch des Mädchens wunderbar befangenes, sich aber doch so freundlich zu ihm neigendes Wesen, unwiderstehlich zum letzten entscheidenden Schritt – entscheidend, denn er sollte den Urtheilsspruch über sein ganzes künftiges Leben sprechen – hingezogen, »halten Sie es nicht für möglich, daß ein armer, bis jetzt schon durch seine Verhältnisse unterdrückter Schullehrer auch in seinem Inneren sich ein höheres – das höchste Ziel gesteckt haben könnte? Würden Sie dem armen Mann da zürnen, wenn er Stolz und Selbstgefühl genug in sich trüge, sich selbst des Höchsten für werth zu halten?«