»Ich verstehe Sie wahrlich nicht,« flüsterte Sophie, aber eine unbestimmte Ahnung drang mit schmerzlicher Wehmuth an ihr Herz und gab der Lippe kaum Raum, die wenigen Worte zu flüstern.

»Ich habe neulich,« sagte da Hennig plötzlich, den Kopf dabei in die Hand stützend und stier vor sich nieder auf den Tisch schauend – »ein kleines Märchen gelesen – darf ich es Ihnen erzählen?«

»Ja,« flüsterte Sophie – »aber – aber unsere Zeichnen–« Stirn und Wangen glühten ihr, während Hennigs Gesicht von Todtenblässe überzogen war. Dieser begann – die letzten Worte überhörend – mit ruhiger Stimme:

»Weit entfernt von hier, in einem schönen herrlichen Lande, wo der ewig blaue Himmel reizende palmbeschattete Thäler überspannt, da wohnte ein fleißiges, arbeitsames, aber sonst unterdrücktes und geknechtetes Volk. Ein ungeheurer mächtiger Riese hauste auf dem Gebirgsrücken, durch dessen Schluchten der einzige Weg in das freie niedere Land führte, und brandschatzte die Bewohner des Thales und duldete nicht, daß sie gediehen und glücklich wurden. Selbst der König war nicht im Stande, das zu hindern, wenn er es auch gewollt, und sein Volk schmerzte ihn – er schämte sich aber auch seines Volkes, daß kein einziger Held genug darunter sei, den Kampf wenigstens mit dem Ungeheuer zu wagen, und das Land – die kommenden Generationen – von dieser Geißel zu befrein.«

»Der König, Fräulein Scheidler,« fuhr Hennig mit etwas leiserer, bewegterer Stimme fort – »hatte ein einziges holdes Töchterlein, und hoch erhaben stand sie über den armen niedergedrückten Unterthanen des Reichs – Einer aber von denen, Einer, dem hatte es lange am Herzen genagt, daß sich ein ganzes Volk von einem einzigen solchen Wesen – und wenn es selbst ein Riese gewesen wäre – sollte knechten lassen, und er gürtete oft sein Schwert um und ging aus, den Kampf zu wagen – immer aber fehlte ihm das Höchste dazu, um glücklichen Erfolg und Sieg sich zu versprechen. – Nicht der Muth etwa – er war voll hohen Muthes und kannte keine Furcht – nicht die Ausdauer – sein in der Schule des Leidens und Entsagens gestähltes Herz verließ ihn nicht in Sturm und Noth – aber noch fehlte ihm die Begeisterung – die Begeisterung für das Herrlichste, die uns auch noch im Tode einen Sieg erblicken läßt.«

»Da sah er des Königs Töchterlein – es war nur ein Blick in das treue seelenvolle Auge, aber er zündete wie ein Strahl aus himmlischen Höhen. Und sie des Königs Kind? Schreckte ihn nicht der Glanz und Schimmer, der ihren Thron umgab, und durfte er, aus niederem Stamme geboren, es wagen, die Augen zu ihr zu erheben? – Und weshalb nicht? – was adelte in alten Zeiten den kühnen Mann, als eben die kühne Mannesthat? – was schnallte dem armen Knappen den goldnen Sporn an die Ferse, und hing das Wappenschild an seinen Arm, als der Muth – der treue unerschütterte Muth in Kampf und Gefahr? – Mit Gott – war sein Wahlspruch – mit Gott dem Feinde die frei Stirn geboten – mit Gott den ungleichen Kampf gegen Uebermacht und Gewalt begonnen, und blüht Dir dann der Sieg Du armer treuer Knappe – prangt dann in Deinem Haar der lohnende Lorbeerkranz und legt sich um Deine Brust die Ehrenkette, dann – dann – ach wer darf es dem armen Manne verdenken, daß er, berauscht von solchem Traum, keine Möglichkeit des Mißlingens dachte.«

»Wenn das ein Gleichniß sein soll, das den Kampf der Schule mit der Kirche darstellt,« sagte Sophie, der das Herz in seinem wilden Pochen vor Angst und Unruhe die Brust zu sprengen drohte, und die in all ihrer Noth gar nicht wußte, wie sie die nur zu wohl verstandene Meinung abwenden – eine weitere Erklärung wenigstens verzögern solle – mit erzwungenem Lächeln, »so ist das wahrlich nicht schmeichelhaft für meinen Vater – der wäre ja denn auch wohl mit unter dem ›Riesen‹, dem ›Ungeheuer‹ verstanden – aber Sie – Sie haben das wohl nicht so bös gemeint.«

»Sophie,« sagte da Hennig, nicht mehr im Stande, seiner gewaltigen Bewegung Meister zu bleiben – »Sophie,« flüsterte er, mit kaum hörbarer Stimme und ergriff die zitternde Hand der Jungfrau, die ihm nicht entzogen wurde – »bleibt dem Armen die Begeisterung? – lacht ihm in jenes königlichen Kindes Augen der herrliche Lohn für Tapferkeit und Muth, und darf er hoffen, wenn er, nicht mehr als unterdrückter Bewohner des Thals, nein als freier, selbstständiger – als befreiter Mann sein Knie vor der Jungfrau beugt – wird ihm der Lorbeer- und der Myrtenkranz?«

Sophie entzog ihm ihre Hand – barg einen Augenblick ihr Antlitz darin und sagte dann, vom Tische aufstehend, mit leiser, aber fester Stimme:

»Ich würde unrecht handeln, wollte ich mich stellen, als verstände ich den Sinn Ihrer Rede nicht, lieber Hennig, und ich kann wohl sagen, daß mich ihr Inhalt tief ergriffen hat – ich hatte keine Ahnung von solchen Gefühlen – konnte sie nicht haben – und es bleibt mir nur eine Erwiederung. – Wenn nun – wenn nun der kühne Kämpfer auf des Königs Schloß käme – und fände – und fände, daß indessen ein Fremder – ein Gast ihres Vaters – die Liebe – die Hand des Mädchens erhalten?«