Hennig erhob sich still von seinem Platze – er schaute lange und fest auf die Jungfrau, die mit gesenkten Blicken vor ihm stand, hinüber, dann ergriff er langsam ihre Hand – zog sie an seine Lippen – drückte einen leisen, leisen Kuß darauf – und verließ das Zimmer.
Sechstes Kapitel.
Der heilige Abend.
Hui, wie der eisige Nord über die düstere eherne Erde pfiff und brauste; wie er die Gräser und Blüthen knickte, die der milde Herbst noch geschont und gehegt, wie er die letzten gelben Blätter von den Bäumen riß, und sie im tollen Spiel über die Haide trieb, und die spröden staubigen Schneeflocken dann in dünnen durchsichtigen Nebelschleiern an Hängen und Halden vorüberjagte. Hui, wie das tobte und sauste, und die alte knarrende Wetterfahne auf dem grauen Hornecker Kirchthurm fast zur Verzweiflung brachte, hui, wie das durch die Bergschluchten strich, und die Bäche und Quellen faßte, und in stählerne Banden schlug.
Winter; die Oefen glühten, und dicht verschlossene Thüren hielten den kalten, unwillkommenen Gast vor der Schwelle draußen – Winter – in Mäntel und Pelze gehüllt, schritt der Wanderer die öden hartgefrorenen Pfade entlang – Winter – die dünnen Lumpen fest um sich hergezogen, lag der Arme fröstelnd und zusammengekrümmt auf seinem harten, kalten Lager, und träumte von geheizten Stuben und warmen Kleidern – träumte – bis ihn der Frost wieder weckte, und zu neuem qualvollen Dasein in Leben und Bewußtsein rief.
Der Winter war in aller Kraft und Stärke, und zwar ganz auf einmal und urplötzlich hereingebrochen; und nicht etwa wie ein silberhaariger Greis kam er, mit dem entlaubten Stab in der Hand, und dem gelben Eichenkranz im Haar – sondern toll, wild, wie ein roher, wüster Kriegsgesell, der mit Morgenstern und starrer Pickelhaube, in die friedliche Wohnung der Menschen einbricht, und was er nicht plündern kann, zerstört und in Stücke schlägt, – nicht deckte Felder, Wald und Dorf die stille, reinliche, warme Schneedecke, unter der die Saaten friedlich schlummern, und des kommenden Frühjahrs harren, die dem Wald jene großartige stille Ruhe verleiht, und den Dörfern ein so sauberes, ja selbst hübsches Aussehen giebt; wo die weichflockigen Massen die Fenster von außen halb umschließen, daß der Wind die Ritzen nicht findet, durch die er sonst muthwillig in die Stube dringt – wo die festen Decken auf den Strohdächern liegen, und in Massen, oft wie drapirt davon herunterhängen, und hohe schloßenweiße Haufen, welche die vor den Thüren gekehrte »Bahn« umdämmen – wo die rothbackigen Kinder auf kleinen schmalen Schlitten mit ängstlich fröhlichen Gesichtern den steilen Kirchberg herunter schießen, und mit Freuden zehn und zwanzigmal wieder bergan keuchen, um nur wieder mit Blitzesschnelle auf's Neue niederfahren zu können – wo die Hecken und Obstbäume darein schauen, als ob sie, in schützende wollene Decken gehüllt, mit ruhigem Vertrauen jetzt einer etwa schärfer hereinbrechenden Kälte entgegensehen würden.
Nein, starr und eisern brach er an; die tiefen Wagengleise der Straße bannte er in ihre Form, die Sturzäcker blieben unerbittlich hart und schroff – dem grünen Raps auf den Feldern draußen, wo der Hase Nachts sein Mahl hielt, und das Rebhuhn Schutz gegen den schneidenden Nord fand, brach er das Herz, daß er gelb und abgestorben dahin welkte – den Pflug, den noch der nachlässige Knecht im Acker gelassen, hielt er mit unerschütterlicher Gewalt und felsenfest an seine Stelle gebannt – die Gräser starben, die Bäche standen, und knarrende, ächzende Wagen führten in geschäftiger Eile die so nöthige Feuerung aus dem starr und trübselig dem gestrengen Winter in's Antlitz schauenden Wald herein.
Es war Weihnachten – und dieser auf der Pfarre als Sonntag ein dreifacher Feiertag – Sophie, des Pastors Töchterlein wurde heute, am 24. December, zum dritten und letzten Male von der Kanzel herunter, der freundlich zusammenflüsternden Gemeinde als ehrsame Braut des Franz Hermann Wahlert, Dr. phil. und Sohn Sr. etc. etc. des Herrn Generalsuperintendenten Wahlert etc. etc. – verkündet, und das holde Kind selber saß, tief das Köpfchen gesenkt, daß Niemand das rosig übergossene, frommen Dank athmende Angesicht mit neugierigen Blicken entweihen und zu noch höherer Röthe treiben könne, auf ihrem stillen versteckten Plätzchen, schräg der Kanzel gegenüber.
An dem Tag ging es hoch her in der Pfarre, und Pastor Scheidler hatte, um das schöne Fest so recht mit allem Pomp zu feiern, auch den Schullehrer und das Gemeindeoberhaupt dazu einladen wollen. Sophie bat aber so lange, an dem Tag gar keine Gäste sehen und ihn ganz allein und still in der Familie verbringen zu dürfen, bis der Pastor endlich nachgab, und nur kopfschüttelnd meinte, das sei wieder einmal eine der wunderlichen Launen seines lieben Töchterleins, der sich Vater und Mutter, sie möchten nun wollen oder nicht, fügen müßten. Es geschah aber doch so, und nur das ließ sich der Pastor nicht nehmen, daß den beiden Schulmeistern, jedem eine Flasche Wein und eine tüchtige Portion Kuchen hinübergesandt würde, und Sophie mußte das selber besorgen.
Der Tag verfloß so in der Pfarre in stiller häuslicher Glückseligkeit, und der Plan für den Tag war folgendermaßen bestimmt. Nach der Predigt wollte der Pastor bei den Seinen bleiben, die Betstunde konnte der Schulmeister heute in der Kirche halten, Abends aber, vor der Bescheerung, und mit hereingebrochener Dunkelheit, wenn die Lichter angezündet standen, und die Herzen der Kinder in ängstlicher freudiger Ungeduld an zu pochen und zu schlagen fingen, dann legte Pastor Scheidler am Altar drüben seines ältesten Töchterleins Hand in die des Mannes, der ihr für ihr ganzes künftiges Leben Schutz und Hort sein sollte, und zum Christbaum hinüber führte der glückliche Bräutigam die erwählte liebe, traute Gattin.
So glücklich und froh es aber in der Pfarre aussah, so trübe und traurig stand es in der Schule drüben, Kleinholz war heute einmal recht schwach und elend geworden, klagte fortwährend über Kälte, trotzdem daß sie ihn unten in der Schulstube neben dem derb geheizten Ofen sein Bett gemacht, und wollte Luft – Luft – Luft haben. Das aber war nicht gut möglich, denn hätten sie Fenster oder Thüren geöffnet, so wäre der kaum erwärmte Raum augenblicklich wieder durchkältet worden, und jener eigenthümliche feine, durchdringende Dunst, der niedrigen, feuchtgelegenen Schulstuben stets eigen ist, legte sich dem armen Kranken nur immer drückender auf die Brust, und verstattete ihm nicht einmal ordentlich und frei aufathmen zu können.