Lieschen wich nicht von seinem Bett, und reichte ihm mit treuer Sorgfalt und wirklich ängstlicher Genauigkeit die verordnete, und von Hennig selbst gestern aus der Residenz besorgte Medicin. Dabei mußte sie in demselben Raum und an der anderen Seite des Ofens die Kinder reinigen und anziehen, in der Röhre das spärliche Mahl kochen, und das Geschirr am Morgen, wozu ihr bis jetzt noch keine Zeit geworden war, aufwaschen. Dennoch war dem armen Kinde das Herz dabei froh und leicht – heute Morgen am Geburtstage des Herrn, hatte sie Nachricht – die erste Nachricht von dem Geliebten erhalten, um den sie sich die ganze Zeit abgesorgt und gequält – heute kam der Freudenbote, der ihr einen Brief, eine ausführliche und genaue Beschreibung seiner Flucht brachte. Und selbst auf dem Schiff, das ihn hinüber in das Land der Freiheit führen sollte, war er geschrieben, schon in der See draußen erst vollendet und zugesiegelt worden, und der »Lootse« (Lieschen wußte freilich nicht, was das für ein Mann war, und was er bedeute, hatte ihn aber doch dafür von ganzer Seele lieb) nahm ihn mit zurück an's Land, wo er versprochen, ihn richtig zu besorgen. Und wie mußte der sein Wort gehalten haben – aus einem ganz fremden Land her, wo sie eine andere, fremde Sprache redeten, wo die See bis dicht an die Stadt kam, wie ihr Fritz schrieb, und die Leute ganz anders gekleidet gingen, und gar wunderlich aussähen, kam der Brief, und brachte ihr Trost und Frieden für das arme so übervolle Herz. Und was versprach er nicht alles für die Zukunft, wie wollte Fritz in Amerika arbeiten und fleißig sein, und viel, viel Geld verdienen, bis er so viel habe, daß er sich ankaufen, und die Lieben dann alle, alle hinüberholen könne – und wie herrlich wollten sie dann in Frieden und Seligkeit zusammen leben, und Leid und Freud' so gern, o so unendlich gern gemeinschaftlich ertragen.
Lieschen las den Brief wohl fünf sechsmal durch, und trug ihn dann auch noch in der Tasche herum, daß sie dann und wann darnach fühlen, und sich immer überzeugen könne, es sei wirklich wahr, ihr Fritz habe ihr den Brief geschickt, und er segle jetzt, frei und glücklich, jeder Gefahr entronnen – nur dem bösen Wasser nicht, an das sie manchmal mit Angst und Grausen dachte – dem schönen, herrlichen Amerika – jetzt dem gelobten Lande ihres Sehnens, ihrer Träume, entgegen.
Die Kirche war aus, und Hennig kam zum Mittagsessen in die Schule. Er hatte heute, als am heiligen Abend, oben in der Schenke, wo sie ein fettes Schwein geschlachtet, einen Braten bestellt, und ein so leckeres Mahl hatte die Tafel der armen Leute lange nicht geziert – ei, wie die Kinder mit der braunen Kruste schon vorher, ehe sie zufahren durften, liebäugelten, und wie Karl, der dritte, ein siebenjähriger blondhaariger, aber etwas bleich aussehender Bursche zweimal in dem jeden Tag gehaltenen Tischgebet so stecken blieb, daß ihn der Vater, vom Bett aus, mit schwacher, aber unwilliger Stimme unterstützen mußte.
Schweinebraten – Du lieber Gott – wann war auf Schulmeister Kleinholzes Tisch Schweinebraten zum letzten Mal gewesen – und zwei Flaschen Wein – nein, da hörte alles auf. – Eine Flasche wurde übrigens gleich in den verschlossenen Eckschrank gelegt, denn so hatte es Hennig angeordnet – und aus der anderen schenkte er jetzt in die wenigen Gläser, und als die nicht ausreichten, in Tassenschälchen, das hellblinkende flüssige Gold ein.
»Und Sie selbst wollen nicht mittrinken?« frug Lieschen erstaunt und bittend – »o guter Herr Hennig, das dürfen Sie uns nicht zu leide thun.«
Hennig hatte Kopfschmerzen – der Wein bekam ihm überhaupt nicht, und heute, wo er am Nachmittag noch obendrein Betstunde zu halten hatte, wollte er es jedenfalls unterlassen – vielleicht morgen. Weiteres Zureden half nichts, und das Mahl – und wie fettig sahen die Kinder danach aus – ging still und ruhig vorüber.
Die Betstunde war gehalten – die rothglühende Sonne, die den ganzen Tag hell, aber nicht erwärmend geschienen, sank hinter die dunkelgrünen Fichtenwände, und der Abend brach mehr und mehr herein.
Weihnachten dämmerte, o Du lieber, lieber heiliger Abend Du, mit Deinen frohen Kindergesichtern, und den eifrig sorgenden und emsig geschäftigen Eltern, mit den flammenden Kerzen, und dem grünen zackigen Baum, mit den goldfunkelnden Aepfeln und Nüssen, dem köstlichen Zuckerwerk, und all' Deiner darunter ausgebreiteten Herrlichkeit. – Mit Deinem geheimnißvollen verschwiegenen Zauber, mit dem Du der Kinder Herzen in heiliger Scheu und Ehrfurcht erfüllst. – Und jetzt – jetzt – endlich tönt das, o wie lang, wie heiß ersehnte Klingeln – die Thür wird aufgerissen – der Glanz der Lichter blendet die erst so ungeduldige, und jetzt doch so scheu und schüchtern zögernde Schaar der Kleinen. Endlich aber ist die erste Ueberraschung besiegt – überwunden – das Jüngste wird auf dem Arm seinem Plätzchen mit dem kleinen winzigen Baum für sich allein, entgegengetragen, und ihm nach drängen, dadurch Muth gewinnend, die älteren Knaben und Mädchen, und jetzt –
O Leser, wie unglücklich müßtest Du sein, wenn Du nicht, auch ohne das Heraufbeschwören des theuren Bildes, die Lust und Wonne selbst empfändest, an der Eltern Hand zu Deinem Christbaum geführt zu sein – hast Du das aber – glühte Dir nun einmal der helle funkelnde Kerzenglanz in's Thränen gefüllte Auge, dann giebt es keine Macht auf dieser Erde – den Wahnsinn vielleicht ausgenommen – die Dir so lange Du lebst und athmest, die Erinnerung – die selige Erinnerung an jene Zeit, rauben könnte. Ja, je ärger Noth und Sorge auf Dich einstürmt, je weiter Du von Deinen Lieben entfernt, in fremden Ländern einsam, freundlos irrst, mit desto lebendigeren, desto glühenderen Farben tritt das Andenken an jene selige glückliche Zeit in den trüben Rahmen Deiner Gegenwart, und nur dann zerfließen die Gebilde in ihr ödes trauriges Nichts, wenn Du sehnend, verlangend die Arme ausstreckst, sie zu erreichen.
Weihnachten brach an, Pastors Kinder saßen, in die Hinterstube gebannt, ungeduldig um den runden Tisch und versuchten mit allerlei altem, aus Ecken und Winkeln vorgekramten Spielwerk die schleppende Zeit zu kürzen – doch vergebens. Immer und immer wieder sprang eins oder das andere auf und stürmte der Thüre zu, dort das Auge an das Schlüsselloch zu pressen, und zu sehn, ob denn die Mutter nun endlich mit dem längst erwarteten Rufe käme.