»Wir Beide?« sagte Hennig erstaunt – »wer bist denn Du?«

»Eine Braut, die bald Hochzeit machen wird,« lachte die Gestalt wieder, und war im nächsten Augenblicke im Schatten der dahinter befindlichen Hecken verschwunden. Hennig fühlte, wie ihn ein eisiger Schauer durchrieselte, es war fast, als ob er mit einem Wesen gesprochen habe, das dieser Welt gar nicht mehr angehöre. – Die späte Stunde dazu, die scharfe Kälte, in der sich doch wahrlich nicht leicht eine Frau, und noch dazu hier auf dem vom Nordwest bestrichenen Hügel aufhielt. Er schüttelte schweigend mit dem Kopfe, warf noch einen scheuen Blick der Richtung zu, in welcher die Gestalt verschwunden war, einen anderen dorthin, wo in diesem Augenblicke all sein irdisches Glück in jubelnden Toasten, fröhlich zusammenklingenden Gläsern und Glück und Segenswünschen zu Grabe getragen wurde, und schritt dann rasch der eigenen – o wie traurigen, freudlosen Heimath wieder zu.

Siebentes Kapitel.
Die Sylvesternacht.

Das kleine Dorf Bachstetten lag in einer zwar armen, unfruchtbaren, aber wirklich pittoresken und wild romantischen Gegend. Der Winter war mit seiner rauhen Hand über den zarten Schmuck der Wiesen und Haiden gefahren, und hatte erbarmungslos abgestreift, was er an weichem saftigen Grün gefunden. Nur die dunkelgrünen Kieferstreifen hatten dem tollen Gesellen Trotz geboten, und wie zum gegenseitigen Schutz, schaarten sie sich an den Abhängen einzelner Hügel in dichten festgeschlossenen Gruppen zusammen, und reichten sich treu und brüderlich die stachelbewehrten Arme.

Graue Haideflächen deckten die niederen Hügel und wellenförmigen Thäler, und nur hier und da hob sich plötzlich und schroff ein steiler, hochaufragender, moosbewachsener Fels empor, und stand, wie ein starrer, drohender Riese, aufgerichtet zwischen dem anderen regellos umhergestreuten Gestein, das zu seinen Füßen lag. Schneeweiße Birkenstämme stachen dabei gar eigenthümlich und in dunkler Nacht oft unheimlich gegen den düsteren Hintergrund des dunkelgefrorenen Haidekrautes ab, und hier und da gaben einzeln stehende, noch mit hellgelbem Laub bedeckte junge Eichen und weit hinausscheinende rothe Weidenkuppen dem ganzen wilden Landschaftsbild einen gar eigenthümlichen, wunderbaren Farbenschmelz, der durch zahlreiche, hoch aufgeschichtete Torfpyramiden, die auf dem gelben Rasen zerstreut standen, eher erhöht als gestört wurde. Hier und da blitzten kleine trübe Lachen aus dem monotonen Grau der Haide hervor, und weiter oben, am Rand einer Schwarzholzspitze, deren Marken sich weit aus in das Thal hineindehnten, lag das kleine Dorf Bachstetten, mit den neuen ziegelrothen Dächern – denn die alten strohgedeckten Gebäude waren vor einigen Jahren fast sämmtlich ein Raub der Flammen geworden – fast in die Schatten des, sich darum hindrängenden Nadelholzes hineingeschmiegt.

Das Dorf selbst war aber so arm und dürftig, wie die öde unfruchtbare Gegend und Lage es nur machen konnte, und außer einigen wohlhabenden Bauern, die auch den größten Theil der besseren Felder inne hatten, lebten nur Häusler, Holzschnitzer und Strohflechter darin, die auf gar spärliche Weise durch harte und unausgesetzte Arbeit das karge Leben fristeten. In den letzten Jahren hatten es dabei einige der Bewohner möglich gemacht, Haus, Heerd und Feld zu verkaufen, und nach Amerika auszuwandern, und daher kam es, daß einzelne Wohnungen leer und halb verfallen da standen, und – wenn sich wirklich Abmiether dazu fanden, um einen Spottpreis weggegeben wurden.

In ein solches Haus, dessen moosiges Strohdach dicht und schwer auf den niederen Lehmwänden lag, und das noch dazu vom Dorf fast getrennt, wenigstens durch ein kleines Kieferdickicht davon abgeschnitten, versteckt im dichten Nadelholzwalde stand, mag mir der Leser, um ein paar alte Bekannte dort aufzusuchen, auf wenige Minuten folgen.

Das einzige bewohnbare Zimmer im ganzen Haus befand sich unten zu ebener Erde, und die Dielen bildete der nackte hartgestampfte Boden; auf dem war aber, um die Kälte auszuhalten, die von dort herauf sonst emporschlagen mußte, eine dichte Lage von dickem Laub und Fichtennadeln gebreitet worden, und von den Bäumen abgezogenes Moos hielt die Fensterritzen und Thürspalten verstopft. Es stand übrigens ein Ofen im Zimmer, und ein ziemlicher Haufen trockenes Reisig, das neben diesem aufgeschichtet lag, wie die, wenigstens nicht unangenehme Temperatur des Zimmers verrieth, daß die Bewohner der Hütte, so arm sie auch sonst wohl sein mochten, doch noch keinen Mangel an Feuerung litten.

In der einen Ecke stand ein Bettgestell, und auf diesem lag ein Strohsack, ein mit Moos gefülltes Kopfkissen und eine wollene Decke – und auf dem Bett, – wenn ein solches Lager auch wirklich ein Bett genannt werden konnte – saß, die Hände auf der Decke gefaltet, und in stillem wehmüthigen Schweigen nach dem, im gegenüberliegenden Winkel, auf einer Schütte Stroh kauernden Vater hinüberschauend, Marie, des alten Musikanten krankes Kind, und legte sich, als der alte Mann gar keine Notiz von ihr nahm, und ebenfalls mit seinen eigenen trüben Gedanken beschäftigt schien, seufzend wieder auf das harte Kissen zurück.

»Vater,« sagte da, nach einer langen, langen Pause die Tochter, und man konnte ihr anhören, wie schwer ihr das Reden wurde – »Vater – mir wird recht sonderbar zu Muth – ich fühle mich recht unwohl.«