Die Thüren waren, als Wahlert sein etwas bleiches, aber geliebtes, holdes Frauchen aus der Kirche in die Pfarre geleitete, festlich mit Buchsbaum und anderen Immergrünkränzen behangen, und der innere Raum selbst sah wie ein Garten aus, in so herrlicher Farbenpracht glühten hier Camelien, Hyacinthen und Tulpen, die es dem Gärtner nicht wenig Mühe gekostet hatte, in der Kälte unbeschädigt nach Horneck herauszuschaffen.

Und was für andere prachtvolle Geschenke gab es noch da, Schmuck und Seidenkleider, Tücher, Shawls, Handschuhe u. s. w.; und der Baum, es war fast, als ob ein Conditor aus reiner Verzweiflung seinen ganzen Laden darüber ausgeschüttet habe, und Alles nun, zwischen den grünen, mit unzähligen weißen Wachslichtern besteckten Zweigen von blitzendem Zucker und Golde flimmere und funkle.

Und wie lärmten und jubelten die Kinder, und was für einen Spektakel hatten sie schon oben in der besonders für sie geheizten Stube gemacht, als Vater und Schwester so lange, so entsetzlich lange in der Kirche blieben, und sie doch unter jeder Bedingung gleich, und das zwar den Augenblick bescheert haben wollten. Endlich, endlich – »schnell machen, Sophie – schnell machen, oder wir kommen herunter!« riefen sie durch die immer und immer wieder, trotz aller Ermahnungen und Verbote, geöffnete Thür, als sie hörten, wie unten die Hausthüre ging und die so heiß ersehnten Eltern hereintraten.

Jetzt war das Harren und all die Ungeduld vergessen, sie schwammen in einem wahren Freudenmeer, und der prachtvolle Baum – die vielen, vielen herrlichen nie geahnten, nie geträumten Sachen, schienen ihnen eher einem Feentraum, einem Märchen der Tausend und einen Nacht, als der Wirklichkeit anzugehören.

Elf Uhr mochte es etwa sein – Lichterglanz und Jubel, Gläserklirren und Tellergeklapper, Lachen und Singen tönte immer aus den hellerleuchteten, durchwärmten Räumen heraus – und draußen?

Hinter der Pfarre lag der, im Sommer viel von den Hausbewohnern benutzte, jetzt aber natürlich vernachlässigte und einsame Obstgarten. Aus Nordwesten strich der Wind haarscharf über die kahlen Hänge herüber und schüttelte die trockenen laubleeren Zweige. Die Nacht war dunkel wie das Grab, denn leichte Dunstwolken fingen selbst an, die Sterne zu umhüllen, und kein Lichtstrahl fiel in den düsteren Raum, als der, der aus den dicht verhangenen Fenstern, besonders an einer Stelle, wo sich die Gardinen inwendig ein wenig zur Seite geschoben hatten, kam.

Da schritt ein Mann langsam und mit verschränkten Armen durch die kleine offenstehende Pforte, und blieb endlich wenige Schritte entfernt vor dem hellerleuchteten Eckfenster stehen. Drinnen bewegten sich einzelne Schatten an der Gardine vorüber und er forschte mit der gespanntesten Aufmerksamkeit nach den so rasch auftauchenden aber auch eben so rasch wieder verschwindenden Umrissen. Ein paar Mal war es, als ob er sich zu der Stelle niederbeugen wolle, wo der zurückgebogene Vorhang einen Blick in das Innere verstattet hätte, eben so oft trat er aber auch wieder, ohne es auszuführen, davon zurück, und wandte sich endlich, wie von einem plötzlichen Entschluß dazu bestimmt, um den Ort zu verlassen. Noch einmal, an einem hohen Apfelbaume, blieb er stehen, hob wie segnend die Hand gegen das hellerleuchtete Gebäude empor und flüsterte leise:

»Sei glücklich, Sophie, sei glücklich!«

Ein heiseres, halb unterdrücktes Lachen, dicht an seiner Seite, klang wie eine Unheil verkündende Antwort auf den Segensspruch – er fuhr erschreckt zusammen und schaute sich rasch nach der Stelle um, von der es hertönte. Unter dem Apfelbaume und dicht an den knorrigen Stamm desselben geschmiegt, lehnte eine dunkle, festeingehüllte Frauengestalt, und die jetzt hier und da wieder hervortretenden Sterne ließen ihn ein bleiches, geisterhaftes Angesicht erkennen.

»Hahaha« – lachte die Gestalt – »glücklich? – wenn zwei Wesen, wie wir sind, draußen in Frost und Eis mit halberstarrten Gliedern vor den Fenstern stehen und Blut weinen möchten, heißes, quellendes Herzblut? – Wahnsinn – aber wir Beide – wir passen recht gut zu einander.«