»O wie mag ihm nur jetzt – in diesem Augenblick zu Muthe sein – wir wollen die Lichter anstecken – das wird ihn etwas aufheitern.«

Die Thüre öffnete sich und Hennig trat herein – er sah todtenbleich aus, und trotz der scharfen Kälte draußen standen ihm die großen schweren Schweißtropfen auf der Stirn.

»Herr Du mein Gott und Vater,« rief Lieschen erschreckt über des Mannes Anblick – »wie sehn Sie aus? Sie sind krank, Herr Hennig.«

»Nein, liebes Kind« sagte ruhig der Schulmeister – »nur etwas angegriffen fühl ich mich, vielleicht vom Schreiben gestern Abend – ich bin noch spät aufgeblieben. – Wollen wir nicht den Baum zurecht putzen?«

Lieschen ging auf ihn zu, ergriff mit ihren beiden Händen seine Rechte, und schaute ihm recht fromm und treuherzig in die trüben glanzlosen Augen. Hennig begegnete mit ihm selbst unerklärlicher Ruhe dem Blick, da flüsterte endlich das gute Kind, dem die Wehmuth das Herz zu brechen drohte, und während ihr die hellen Thränen über die Wangen rollten:

»Sie armer – armer Herr Hennig!«

Hennig blickte überrascht zu ihr nieder – er rang nach Fassung – nur jetzt – nur jetzt nicht schwach – aber es war nicht möglich – die menschliche Natur ließ sich bändigen, nicht ertödten, der lang, o so entsetzlich lang enthaltene Schmerz ließ sich, also geweckt, nicht mehr zurückhalten; mit riesiger Kraft brach er sich in's Freie hinaus die Bahn, und der Lehrer war nur im Stande sich rasch abzuwenden und das Zimmer zu verlassen.

O wie lang, wie entsetzlich lang mußten heute die armen, armen Kleinen oben in dem kalten dunkeln Dachkämmerchen sitzen und friern und warten – aber keins murrte – Du lieber Gott, es galt ja eine Bescheerung für sie – eine Bescheerung, wo sie wußten, daß ihr armer Vater selbst am Nothwendigsten Mangel litt, und doch, doch sollten sie bescheert bekommen – hätten sie da etwa auch noch ungeduldig das gute brave Lieschen, und den lieben Herrn Hennig ärgern und kränken sollen? Keine Klage ließen sie hören, nur dicht zusammengekauert saßen sie in dem Winkelchen, an dem der Schornstein vorbeiführte, und dessen Wand wenigstens nicht so eisig kalt war, als die übrigen. Und dort erzählten sie sich leise flüsternd, was sie sich alles wünschten, auf was sie hofften – dort malten sie sich aus, wie schön, o wie herrlich schön das sein würde, wenn jetzt auf einmal Lieschen von der Treppe aus rief: Kommt Kinder, kommt herunter in die warme Stube – und sie dann jubelnd dem Rufe Folge leisteten, jauchzend vor all den schönen Sachen, die ihnen Herrn Hennigs Güte bescheert, standen, und nachher – o Jemine, Jemine, jedes ein Stückchen kalten Schweinebraten zu seinen Kartoffeln, denn das hatte ihnen Lieschen schon hoch und theuer versprochen, daß sie das bekommen sollten. – Ach wenn es doch alle Tage Weihnachten wäre.

Freilich dauerte es, ehe Lieschen wirklich kam, noch eine recht, recht lange Zeit, aber endlich kam sie doch, und ein glücklicheres kleines Völkchen, und ein sich reicher dünkendes, als des armen Schulmeisters Kinder an dem Abende waren, gab es wohl im ganzen weiten Lande nicht mehr. Auch Hennig, der zu dem etwas verzögerten Anzünden wieder hereinkam, suchte sich, so viel das nur möglicher Weise gehen wollte, in den Spielen der Kinder zu zerstreuen, und der alte Kleinholz lag indessen in seinem Bette in der Ecke, weinte fast ununterbrochen, drückte Hennig wohl zwanzig Mal dankend die Hand, und versicherte eben so oft – er sei in seinem Leben nicht so glücklich gewesen, als heute, da er sich schon wochenlang im Gedanken an diesen Abend, wo er den Kindern doch gar Nichts bieten konnte, abgehärmt habe.

So stillfröhlich die Kinder aber auch in der Schule waren, und mit so genugsamer dankbarer Freude sie die wenigen ihnen bescheerten Gaben empfingen, so toll lärmend, so laut und jubelnd ging's heute in der Pfarre her, wohin der Herr Generalsuperintendent, den ein Unwohlsein an sein Lager fesselte, daß er nicht selbst bei seines Sohnes Ehrentag gegenwärtig sein konnte – eine Masse Spielzeug und Bilderbücher für die Kinder geschickt hatte. Auch Wahlert ließ viel aus der Residenz kommen, und Pastor Scheidler wußte mit den Sachen, die er selbst angeschafft, wirklich gar nicht mehr wohin mit allen Geschenken.