»Ja, was von's Deater, was von's Deater,« stimmte der Chor ein.

»Hm, hm,« räusperte sich Feodor, und klappte vor allen Dingen einmal den Deckel seines leeren Kruges, wie ganz in Gedanken, an das Glas an – seine Zuhörer aufmerksam zu machen, daß es »am Besten« mangele. Der Wink blieb dann auch nicht unbeachtet – Einer der Bauern winkte mit einem – »holla Annegrethe« – das flinke Schenkmädchen herbei und sagte dann, über die Anderen hinüberrufend und auf Strohwisch zeigend:

»Geiht den Minschen do emol ä Glas Bier uf meene Kreide – verschtanden?«

Das Mädchen nickte lächelnd mit dem Kopfe und führte den Befehl rasch aus, Feodor aber, das eben erhaltene Glas erst einmal wohlgefällig gegen das Licht hebend, that einen langen, kräftigen Zug, wischte sich den Mund, worüber die ihm aufmerksam zuschauenden Bauern ebenfalls wieder lachten, und begann:

»Ihr wißt, daß ich früher sehr befreundet mit dem berühmten Devrient war« (allerdings hätte sich wohl Keiner der Anwesenden darüber können eidlich vernehmen lassen, um aber die erwarteten Anekdoten nicht aufzuhalten, nickten die Meisten schweigend mit dem Kopfe, als ob das eine allbekannte, sich von selbst verstehende Sache sei) – »also,« fuhr Feodor fort – »Devrient war ein verfluchter Kerl, Champagner immer die Hülle und Fülle – und auch immer Geld dazu, zu was Anderem aber gar Nichts – nicht die Probe – die Ellbogen sahen ihm manchmal zum Fenster heraus, aber den letzten Thaler wandte er an ächten Sillery oder Burgunder.«

»Sellerie?« frugen die Zuhörer erstaunt.

»Sillery,« berichtigte Feodor – »der Name eines famosen Champagners – hätten wir ein Glas davon – also, wo war ich stehen geblieben – ja. – Ich und Devrient saßen also auch einmal Abends in der Kneipe zusammen, denn er konnte gar nicht ohne mich sein, und sagte immer, es fehle ihm sogar etwas, wenn er Morgens aufwache und mich nicht da sehe – und Devrient, der das eine Bein unter dem Tische vorstreckt und den Fuß in die Höhe hebt, zeigt mir das höchst zweideutige Oberleder und die abgelaufenen Sohlen und versichert mich im Vertrauen, kein Schuster wolle ihm mehr auf Credit arbeiten, und er werde, wenn ihn nicht ein glücklicher Einfall oder ein ›Pump‹ zu ein paar neuen Stiefeln verhelfe, nächstens barfuß gehen müssen. Geld hatt' ich nie – von einem ›Pump‹ konnte also bei mir auch gar nicht die Rede sein – aber einen ›glücklichen Einfall‹ – das schlug in mein Fach – dafür war ich humoristischer Schriftsteller, einen Augenblick saß ich nur, stützte den Kopf auf den Tisch und dachte nach – dann streckte ich auf einmal die Hand gegen ihn aus und rief: »Topp!« Er sah mich ganz erstaunt an, und wußte gar nicht, was es zu bedeuten habe – ich riß ihn aber bald aus seinen Zweifeln. – ›Devrient,‹ sagt ich – ›Du sollst ein paar Stiefeln haben – straf mich Dieser und Jener – Du sollst sie haben!‹ ›aber wie?‹ ›gleichviel, Du kriegst sie‹ rief ich, nahm ihn unter den Arm führte ihn auf die Straße und theilte ihm hier mit wenigen Worten meinen Plan mit – er war entzückt davon – ›Strohwisch!‹ rief er, ›das werd ich Dir nie vergessen, das ist famos und wird ein capitaler Spaß.‹«

»Aber wie war's denn?« frug der Schuster neugierig, zu erfahren, wie es die beiden »liederlichen Stricke«, wie er sie nannte, gemacht hätten, um einen seiner armen Collegen hinters Licht zu führen.

»Werdet's gleich erfahren,« fuhr der Humoristiker fort – »Devrient beendete nämlich an demselben Tage sein Gastspiel in Wien, und verließ die Stadt am nächsten Morgen – darauf war mein Plan gebaut. Abends spät schickte er zu einem der berühmtesten Schuhmacher der Residenz und läßt diesen auffordern, mit einigen paar Stiefeln zu ihm zu kommen – der Meister erscheint augenblicklich und bringt einen Gesellen und sechs paar prachtvolle Stiefeln mit. Devrient lacht das Herz im Leibe, er läßt sich aber Nichts merken und probirt die Stiefeln an. Ein Paar paßt vorzüglich – nur der linke drückt etwas auf dem Ballen – ließe sich das wohl ändern? – Oh versteht sich – nichts leichter als das – nur die Nacht auf den Leisten stehn – gut – der Preis? – doch gleichviel, wir werden schon einig darüber werden. Der Meister ist entzückt – läßt den einen Stiefel da und rennt spornstreichs zu Hause, den anderen auf den Leisten zu schlagen. Was thut Devrient indessen, – der schickt nach einem anderen Stiefelleur und –«

»Ah –« schrie der Schuster und zeigte lachend mit dem Finger auf den verblüfft ihn ansehenden Strohwisch – »das ist eine alte Geschichte, die stand vor drei Jahren im Pirna'schen Kalender – die hab' ich selber zu Hause.«