»Aber Leute, seid Ihr denn des Teufels?« rief der sehr gute Freund des Dichters, und suchte sich den handgreiflichen Erklärungen der ihm Nächsten zu entziehen – »ich werde doch wahrhaftig« –
»Schlaht en hinger's Gehär!« schrie aus der Ecke einer vor, der sich noch die größte Mühe gab, zu dem Ziel seines Zornes hin zu gelangen – »haut en de Dohle 'nin.«
Strohwisch war von dem Stuhl getreten, und hatte seinen Hut, den er Anstands halber während er das Gedicht vorlas in der Hand gehalten, aufgesetzt – kaum hörte er den letzten Rath aber, so griff er rasch darnach, ihn wieder herab zu reißen – doch zu spät – ein kräftiger, vortrefflich gezielter Schlag trieb ihm die »Dohle,« wie sie in Horneck sagten, bis tief über Ohren und Augen, und jetzt in Stockfinsterniß von allen Seiten gestoßen und geschlagen, nicht einmal mehr im Stande sich mündlich zu vertheidigen, denn der Hut benahm ihm fast den Athem, wurde diese Parodie auf »Oeffentlichkeit und Mündlichkeit« im summarischen Gerichtsverfahren, mit abgetretenen Sporen und zerrissenem Rock zur Thür hinausgeknufft und geprügelt, und dort, als ob solch ein erbärmliches Menschenkind aus der Stadt gar keines weiteren Nachsehens werth sei, seinem Schicksal überlassen.
Was aus ihm geworden, hat man in Horneck nie erfahren – am nächsten Morgen war er spurlos verschwunden.
Elftes Kapitel.
Des alten Schulmeisters Lohn.
Papa Kleinholz hatte sich in der letzten Zeit recht gut erholt, die reine kalte Luft war ihm vortrefflich bekommen; er befand sich schon wieder wohl genug, stundenlang das Bett zu verlassen, in der Stube herum zu gehn, und dann und wann auch einen kurzen Spatziergang draußen im Freien zu machen; aber die Schwäche, die von der Krankheit zurückblieb, wollte ihn nicht verlassen, und nur auf Lieschens Arm gestützt wurde es ihm möglich, irgend wie aufrecht zu stehn.
Und wäre das anders möglich gewesen? – ließ es sich denken, daß bei solcher Nahrung, wie sie der alte Schullehrer mit den Seinen theilte, der Körper eines schon ohnedieß alterschwachen Greises gekräftigt werden konnte? – Wäre es möglich gewesen, daß diese dünnen wässrigen Gemüse, mit dem spärlichen Fleisch dann und wann die Woche, ersetzen sollten, was ihm Krankheit genommen, und woran so lange, lange Jahre hindurch Sorge und Noth gezehrt und genagt? Kräftige Fleischbrühen, Rindfleisch, gute in Fett geschmorte Gemüse und solche Sachen sollte der Reconvalescent bekommen – das hatte der Arzt, als er zum letzten Mal in der Schule war, gesagt, und dem alten Kleinholz war, als er die Dinge alle nennen hörte, das Wasser im Munde zusammengelaufen – aber wovon jetzt solche Luxusartikel, solche Delicatessen anschaffen? – Du lieber Gott, sie konnten von den paar Thalern, die sie erhielten, und da so viele Medicin gebraucht wurde, nicht einmal das Alles bezahlen, was sie nothwendig brauchten, wovon sie leben und existiren mußten, und gar noch solche extravagante Ausgaben – nein, das ging nicht an. Dem Doctor konnte man aber doch die Verhältnisse nicht so g'rad heraussagen, wie sie waren – Lieschen schämte sich wenigstens der Gemeinde wegen, dem fremden Arzt zu gestehn: wir sind nicht im Stande etwas mehr anzuschaffen, als was wir eben brauchen, um dem Verhungern zu entgehn. – Acht Menschen wollen essen, und diese acht Menschen sollten das von 50 Thalern das ganze Jahr – wären sie das im Stande? – Nein – Schulmeisters Kinder dürfen aber den weisen Generalartikeln nach nicht betteln gehn – stehlen wollen sie nicht – was bleibt ihnen da übrig? –
Hennig that allerdings was in seinen Kräften stand, und mehr, als Tausende an seiner Stelle gethan hätten, er betrachtete seine Kasse als die des alten Lehrers, und aß was er aß, darbte wenn er darbte. Das konnte aber doch auch nicht auf die Länge der Zeit dauern, denn Hennig sollte nicht blos, wie der alte emeritirte Lehrer, vegetiren, er sollte auch lernen, um wieder lehren zu können – er mußte lesen und studieren – um das aber zu thun, hätte er einen Platz dazu und Geld zu Büchern haben müssen, und blieben die Verhältnisse so wie sie jetzt waren, so sah er keine Aussicht, wie ihm das je ermöglicht werden könne. Die Hoffnung lebt aber und stirbt mit uns – Papa Kleinholz hatte sein Bittgesuch um Zulage durch den Herrn Pastor und mit dessen Bevorwortung eingereicht, und das mußte in diesen Tagen wieder zurückkommen, nachher ließe sich, wenn von dieser Seite Hülfe wurde, schon eher ein Abkommen treffen. Daß ein Gesuch, auf solche Art an das Ministerium gebracht, abschläglich beschieden werden könnte, durfte man nicht gut erwarten, daran dachte Vater Kleinholz auch wirklich nicht einmal, denn er war so fest überzeugt, und wußte so genau, er müsse eine Zulage und noch dazu eine ziemlich bedeutende Zulage haben, wenn er nicht effectiv und im wahren Sinne des Worts verhungern sollte, daß er auch nicht glauben konnte, die Regierung, die ja doch von allen Seiten so gerühmt ward, würde es dahin kommen lassen. Einem so rührenden Bericht, wie ihn sicherlich der Herr Pastor Scheidler eingereicht, hätte selbst das frühere Ministerium, das sich sonst nicht gerade gern auf Schulmeisterzulagen einließ, beistimmen müssen, wie viel mehr also solche Männer, die, aus der Wahl des Volkes hervorgegangen, auch für das Volk jetzt wirkten, und bis dahin noch immer gewirkt hatten, wenn sie irgend konnten, und es für nothwendig hielten – und war es hier etwa nicht nothwendig?
Die Entscheidung blieb freilich recht lange – recht entsetzlich lange aus.
»Wenn es ihnen der Herr Pastor nur auch recht ordentlich an's Herz gelegt hat,« seufzte Lieschen oft, nachdem der Vater selbst schon mit seiner Riesengeduld ängstlich geworden war, und die Stunde herbeisehnte, in der er die Heil und Segen bringende Bewilligung seiner Bitte erfüllt sehen sollte. Nach solchem Zweifel richtete sich aber der alte Schulmeister in seinem Stuhle auf, und sagte: