»Laß Du nur den Herrn Pastor gehn, das ist ein ganzer Mann, und weiß, was er zu thun hat – dessen Versprechen habe ich, sein Möglichstes in der Sache zu thun, und was der verspricht, das hält er. Wenn sie mich armen alten Mann, was sie aber nicht thun werden, wirklich abschläglich beschieden – der reiste selbst in die Residenz, und ginge sogar zum Könige, ihm die Sache vorzustellen – ich kenne doch unsern Herrn Pastor.«

Lieschen schüttelte bei solchen Worten immer das Köpfchen, und schaute nachher nur noch viel trüber und trauriger aus, denn das felsenfeste Vertrauen auf den Geistlichen konnte sie, sie mochte sich nun Mühe geben, wie sie wollte, nimmermehr theilen.

So rückte, unter Hoffen und Harren, unter frohen Erwartungen und bangen Zweifeln der Anfang Februar des Jahres 1849 heran, und die Lage des alten emeritirten Lehrers wurde mit jedem Tage trauriger. Seine Schulden in der Apotheke, denn Hennig hatte die eigene Casse schon bis auf den letzten Pfennig erschöpft – wuchsen mit jeder Woche; seine Kräfte nahmen dabei immer mehr und mehr ab, und die dunstige ungesunde Stubenluft – da ihn die strenge Kälte des Januar stets in das Haus und das verschlossene Zimmer gebannt – that wohl auch das ihrige, die zum Aeußersten zerrüttete Constitution des alten Lehrers zu untergraben.

Die Kälte hatte jetzt allerdings nachgelassen, und eine weit mildere Luft kündete, trotz der frühen Jahreszeit, den nahenden Lenz, da kam eines Morgens Hennig mit der freudigen Botschaft zu dem alten Kleinholz herüber, der Pastor habe einen Brief vom hohen Ministerium erhalten und werde am Nachmittag selber herüberkommen.

Einen Brief vom hohen Ministerium – Gott sei Dank, endlich, endlich – so hatte die Noth doch zuletzt ihr Ziel erreicht, und der alte Schullehrer konnte, wenn auch immer noch in seinen Verhältnissen gedrückt, wenigstens ohne Angst vor dem Verhungern der Zukunft entgegensehn. An dem Mittag wurde – denn für diesen Zweck war sie so lange aufgehoben, – die an Weihnachten empfangene zweite Flasche Wein angebrochen, Schulmeister Kleinholz trank ganz wider Erwarten zwei tüchtig volle Gläser davon bis auf die Nagelprobe aus, und war überhaupt heute so munter, so lebenskräftig, daß dem lieben guten Lieschen die hellen Freudenthränen in den Augen standen, wenn sie ihren Vater nur ansah. Nichts desto weniger konnte sie auch eine leise, unbestimmte Angst nicht unterdrücken, wenn sie manchmal an die Folgen dachte, die eine Täuschung – aber das war ja doch nicht möglich, also fort mit den Grillen und Sorgen; ihr alter guter Vater schien ordentlich wieder frisch aufzuleben, und da sollte sie doch wahrlich die Letzte sein, die betrübt und kleinmüthig der Zukunft entgegenschaute.

Der Nachmittag kam, die Schule war aus, die Kinder eben in jugendlichem Uebermuth den steilen Hügel hinunter gesprungen, und Lieschen hatte in aller Eile das Zimmer so weit gelüftet und aufgeräumt, wie möglich, daß ihr Vater wieder herunter konnte und der Herr Pastor nicht in das enge, unfreundliche Bodenkämmerchen hinauf zu klettern brauche.

Liebes unschuldiges Kind, das Du von klein auf gelernt hattest, zu dem geistlichen Vorgesetzten Deines Vaters mit stummer Ehrfurcht aufzuschauen, welche bittere Ironie sprachst Du – unbewußt – in den wenigen Worten »damit der Herr Pastor nicht in das enge, unfreundliche Bodenkämmerchen hinauf zu klettern braucht« – Du schämtest Dich des Platzes, nur des Herrn Pastors wegen, und wolltest ihm gern die Unbequemlichkeit ersparen, jenen unfreundlichen, traurigen Aufenthalt auch nur zu betreten – daß aber Dein armer alter Vater – der Lehrer und Erzieher fast des ganzen Dorfes, in den vier Wänden leben – existiren mußte – daß ihm ein solcher Raum zu seiner bleibenden Wohnung angewiesen worden, während der Geistliche sein behagliches geräumiges, ja kaum halb benutztes von Reben umranktes Haus da drüben stehen hatte, das fiel Dir nicht auf, das fandest Du ganz in der Ordnung – und weshalb? – Ei, das war ja der Herr Pastor, und Dein Vater? – Nur der Schulmeister im Dorfe.

»Der Herr Pastor!« riefen endlich die Kinder, die schon seit peinlichen drei Viertelstunden am Fenster auf der Lauer gestanden, um die Ankunft des ehrwürdigen Herrn voraus zu verkünden, und dem alten Kleinholz flogen in seinem harten, mit Kissen aber sorgfältig ausgestopften Armstuhl, die Glieder wie Espenlaub. Aus tiefgewurzeltem Respect wollte er sich jetzt auch absolut emporrichten, um seinen gütigen Vorgesetzten stehend zu empfangen, das gab aber Hennig unter keiner Bedingung zu. Der alte Mann hätte es übrigens auch gar nicht gekonnt – wie er nur den Versuch machte, sank er gleich wieder kraftlos zurück, und so mußte es denn, »da es der Herr Pastor auch wohl seiner Schwäche zu Gute halten würde,« unterbleiben.

Die Thür ging auf, und der Geistliche trat, von den Bewohnern der Schule freundlich begrüßt, und den Gruß eben so freundlich erwiedernd – o das war sicherlich ein gutes Zeichen – herein. Fast unwillkührlich machte Kleinholz einen neuen Versuch, sich emporzurichten, Hennigs Hand lag aber auf seiner Achsel, und Pastor Scheidler sagte gütig:

»Bleiben Sie sitzen, lieber Kleinholz, bleiben Sie sitzen, was wir mit einander abzumachen haben, können wir Beide sitzend abmachen,« und er ließ sich dankend auf den, ihm von Lieschen schnell herbeigetragenen Stuhl nieder, nahm aber dabei schon ein Packet oder einen großen Brief, den er in der Brieftasche gehabt, heraus, und fuhr fort: »ich will auch gleich zur Sache kommen, und Ihnen mittheilen – denn Herr Hennig wird Ihnen ja wohl schon gesagt haben, daß eine Antwort vom hohen Ministerium eingetroffen ist – was Ihnen dasselbe gnädigst bewilligt hat.«