»Bewilligt,« murmelte der alte Mann freudig und leise vor sich hin, und faltete in Dank und Jubel die bleichen, abgezehrten Hände vor der Brust.

»Es ist freilich nicht viel,« fuhr der Herr Pastor, das Papier entfaltend fort, »aber Du lieber Gott, man muß in jetziger gedrückter Zeit selbst mit Wenigem zufrieden sein, und Besseres erwarten, wozu das hohe Ministerium auch gegründete Hoffnung giebt. – Ich will Sie, lieber Kleinholz nicht mit dem Vorlesen des ganzen langen Schreibens, das überdieß nur großentheils allgemeine Bemerkungen über den jetzigen Stand der Schule enthält, ermüden, sondern Ihnen nur das besonders für Sie Wichtigste daraus mittheilen.«

Der alte Schulmeister nickte nur schweigend mit dem Kopf, und schaute, todtenbleich im Gesicht, nach dem Munde des Geistlichen, aus dem ihm jetzt der so lange und heiß ersehnte Spruch des Heils – nur das Fristen seines armen, dürftigen Lebens – ertönen sollte. Auch die Blicke der Uebrigen hingen an den Lippen des Pastors, und dieser begann, nachdem er die Einleitung flüchtig und fast unverständlich vor sich hingemurmelt, dem alten, athemlos lauschenden Lehrer das Rescript des hohen Ministeriums zu eröffnen. Es war auch nicht in dem alten schwülstigen Canzleistyl abgefaßt, also der Inhalt klar und deutlich, aber – leider wenig tröstlich. Das Schreiben sprach sich zuerst in kurzen Worten über den Uebelstand aus, der allerdings in der allzugeringen Besoldung der Schullehrer liege, wie über die nothwendige Abänderung desselben, versicherte aber, in der jetzigen Krisis, wo gerade die Casse so ungemein in Anspruch genommen wäre, und Bittschreiben und Unterstützungsgesuche von allen Seiten und allen Ständen einliefen, bedeutende Gehaltserhöhungen auf eigene Verantwortlichkeit nicht gewähren zu können, ehe die Kammern darüber entschieden haben würden. Nichts desto weniger wollten sie, da es sich hier doch nur um eine »kleine« Unterstützung handle, und der Lehrer alt sei, und wohl eine Erleichterung seiner Ausgaben verdiene, für jetzt, und bis das Pensionsverhältniß der emeritirten Lehrer regulirt sei, eine Gehaltszulage von fünf Thalern jährlich gewähren.

»Fünf Thaler?« unterbrach hier der alte Kleinholz, sich in Todesangst in seinem Stuhle aufrichtend, und immer noch in dem Glauben, er habe falsch gehört, den Geistlichen – »fünf Thaler, sagten Sie, Herr Pastor – nur fünf Thaler soll ich jährlich – das ganze Jahr hindurch, Zulage bekommen?«

»Nicht für immer, lieber Kleinholz,« suchte ihn dieser zu beruhigen – »nicht für immer, nur bis zu der Zeit, wo, wie hier in dem Schreiben steht, die Kammern die Pensionate der Schullehrer festgestellt haben, dann bekommen Sie jedenfalls ziemlich bedeutend mehr – wenigstens die volle Hälfte Ihres Gehaltes – oder doch ziemlich so viel.«

»Fünf Thaler,« stöhnte der alte Mann, und stützte seine Stirn auf die fest und krampfhaft zusammengefalteten Hände, »fünf Thaler auf dreihundert und fünf und sechzig Tage – o Du mein gütiger Gott – Du mein gütiger Gott!«

»Herr Pastor,« nahm hier Hennig, der schweigend und traurig bis jetzt dabei gestanden hatte, das Wort – »dem Ministerium kann die Sache wohl nicht dringend – wohl nicht so, wie sie wirklich ist, vorgestellt sein – Sie erwähnten auch vorhin, daß es sich einem, allem Anschein citirten Ausdruck nach, hier nur um ›eine Kleinigkeit‹ handeln solle. Wenn die Worte in der Eingabe standen, so ist es kaum anders möglich, als daß das Resultat so ausfallen mußte, wie es ausgefallen ist.«

»Mein lieber Herr Hennig,« sagte Pastor Scheidler etwas pikirt – »Sie werden mir doch hoffentlich zutrauen, daß ich weiß, wie eine Eingabe an ein hohes Ministerium gemacht werden muß – es ist nicht die erste gewesen, sollte ich denken, und wird hoffentlich nicht die letzte sein – ich kann mit einem Minister nicht reden und Forderungen an ihn stellen, wie an unseres Gleichen, das werden Sie mir hoffentlich zugeben, denn so weit sind wir doch, Gott sei Dank, noch nicht mit der Emancipation gekommen, daß der Respect ganz verloren gegangen, und die Achtung und Ehrerbietung vergessen wäre, die man seinen Vorgesetzten schuldig ist –«

»Dürfte ich Sie ersuchen, Herr Pastor, mir jene Schrift nur auf wenige Momente zu erlauben; ich möchte sie gern selbst einmal lesen,« sagte Hennig endlich.

Der Pastor zögerte einen Augenblick; es war fast, als ob er den Brief nicht gern aus der Hand gäbe, er konnte das Lesen desselben aber auch nicht gut verweigern, und reichte ihn endlich dem Schulmeister, der damit an das Fenster ging, und sich bald in dessen Inhalt vertiefte.