»Fünf Thaler,« wimmerte da wieder der greise Lehrer, und die hellen Thränen stürzten dem alten Mann jetzt, in nicht mehr zu dämmender Fluth über die eingefallenen Wangen nieder – »und elf Thaler sind wir in der Apotheke schuldig – drei beim Kaufmann, und jeder Tag, den ich noch lebe, muß das vermehren, bis – bis mir die Leute nichts mehr borgen – und dann muß ich armer, alter Mann, der ich sieben und vierzig Jahre das harte Brod eines Dorfschullehrers gegessen – mit meinen Kindern verhungern – o schlagt mich doch lieber todt – schlagt mich lieber gleich todt, daß ich nur von der Erde komme, ich alter unnützer – unglückseliger Dorfschulmeister!«
Und wieder gab er sich, die Gegenwart des Geistlichen fast gar nicht mehr beachtend, seinem ganzen, ungezügelten Schmerze hin, und weinte und schluchzte wie ein Kind. Lieschen, die bis jetzt – erst in gespannter Erwartung, dann in peinlichem Schmerz an seiner Seite gestanden, und immer noch gehofft hatte, in dem starren Angesicht des Geistlichen einen Strahl von Hoffnung zu lesen, der die Unglücksbotschaft, die er brachte, Lügen strafen sollte, bog sich jetzt mit liebender Sorgfalt über den Vater nieder, und suchte den alten verzweifelnden Mann zu trösten.
»Sieh nur, Väterchen,« sagte sie schmeichelnd – »fünf Thaler sind schon eine ganz hübsche Summe, und dann gehe ich hinunter auf das Gut, und nehme den Dienst dort an, der offen ist. Jettchen hier ist allerdings noch klein, kann Dich aber doch auch schon pflegen, und Dir besorgen, was Du brauchst, und Abends komm' ich ein halb Stündchen herauf, und sehe wie Dir's geht.«
»Herr Pastor,« sagte da Hennig plötzlich – »in der Eingabe muß jedenfalls irgend etwas irrthümlich angegeben, oder oben mißverstanden sein. Der Minister sagt hier, daß er sich mit den nothwendigen Unterstützungen, um die er fortwährend angegangen würde, natürlich größtentheils auf ›Familienväter‹ beschränken müßte, und ›Schulmeister Kleinholz scheine keine Familie zu haben.‹ Seine sieben Kinder sind entweder nicht erwähnt, oder übersehen worden; wäre es da nicht besser, Sie, Herr Pastor, setzten vielleicht ein neues Gesuch auf, und schickten es, mit den genaueren Angaben und Einzelheiten noch einmal ein? – Der Fall ist dringend hier – der alte Mann kann ja beim ewigen Gott nicht warten, bis die Kammern über sein Leben oder seinen Tod einen Beschluß gefaßt haben – wir leben gegenwärtig in einer zu wichtigen Zeit – die ruhigen Reformen des inneren Staatslebens werden das Letzte sein, woran man denkt, da es jetzt ja noch das wichtigere Werk, eine Einigung Deutschlands und die Vertheidigung des Vaterlandes gegen äußere Feinde gilt. Eine richtige, einfache Darstellung dieses alten emeritirten Lehrers wird und kann nicht bei dem jetzigen liberalen Ministerium ohne Erfolg bleiben – sie dürfen den alten Mann hier doch wahrhaftig nicht auf dem Stroh verderben lassen. O wenn Sie nur einmal selbst mit dem Herrn Minister sprechen könnten –«
Kleinholz sah, als er den Vorschlag hörte, wie von einem neuen Hoffnungsstrahl durchzuckt, rasch und fragend zu dem Geistlichen auf – sein ohnedieß schon bleiches Angesicht hatte eine fahle, förmliche Todtenfarbe angenommen, und die Augen lagen ihm tief und glanzlos in den Höhlen. Der Pastor aber schüttelte mit dem Kopf –
»Das geht nicht, das geht nicht, Herr Hennig,« sagte er, »zweimal um eine und dieselbe Sache petitioniren, wenn schon gleich beim ersten Mal ein Zugeständniß gemacht wurde, und noch dazu so ganz dicht hintereinander, ist gegen allen Gebrauch, und würde höheren Ortes sehr mißliebig bemerkt werden; und was nun gar eine persönliche Audienz betrifft – ei, wo denken Sie da hin? Wie dürfte ich erstlich die mir anvertraute Gemeinde so lange allein lassen? (in seinen eigenen Angelegenheiten hatte er Horneck schon mehrere Mal, und gleich auf einige Tage verlassen.) Und dann sind die Herren Minister auch so von Besuchen überlaufen, daß ein solcher Schritt für den Mann, der ihn wagte, wohl kaum eine Empfehlung sein möchte. Ueberlassen wir der Zeit auch etwas – das Gesetz über den Gehalt der Schullehrer wird in den Kammerverhandlungen, wie mir schon versichert ist, ziemlich bald, wenn auch nicht gleich in den ersten Wochen, zur Sprache kommen, und nachher findet sich das andere, wenn man dann wieder einmal durch eine neue Petition eine kleine Nachhülfe giebt, von selber.«
»Herr Pastor,« murmelte Kleinholz, und streckte die zitternden Hände nach ihm aus – »Herr Pastor – ich – ich –« seine Worte wurden zu einem dumpfen, unartikulirten Röcheln, er brachte kein verständliches Wort über die Zunge, und nur die Augen sprachen, zehntausendmal deutlicher als es Worte auch vermocht, die kalte lähmende, trostlose Verzweiflung aus, die sich jetzt – da alle, alle Hoffnungen mit einem Schlage vernichtet worden, seiner bemächtigt hatte.
»Lieber Kleinholz,« sagte der Pastor, und suchte so viel Trost- und Mutheinsprechendes in seine Worte zu legen, als ihm das möglich war, »verzagen Sie nicht – es kann noch Alles gut gehn – ich will mich direct an den Vater meines Schwiegersohnes wenden – es ist sehr leicht möglich, daß der im Stande ist, etwas Wesentliches für Sie zu thun; jedenfalls können wir von ihm genau erfahren, welche Schritte am Besten geschehn müssen, um Ihnen sobald als möglich eine Erleichterung zu verschaffen – sind Sie damit einverstanden?«
Kleinholz hielt den Blick noch immer still und stumm auf ihn geheftet, und der ganze Ausdruck seiner Züge schien sich nur in dem einen quälenden Gedanken zu concentriren – »also das sind Deine Versprechungen, das ist die Hülfe, die Du dem armen, bis dahin in den Staub getretenen Schulmeister werden läßt.« Der Pastor, der den vorwurfsvollen Blick aus Augen, die sonst nur in höchster Ehrfurcht und Anhänglichkeit zu ihm aufgeschaut, nicht ertragen konnte, griff fast wie unwillkührlich in die Tasche, nahm einen Thaler heraus, legte diesen, als er in den anderen mehr gesucht, keinen aber mehr gefunden hatte, auf den Tisch, und verließ hastig das Zimmer.
»Das erste Almosen,« stöhnte der alte Lehrer, und sank, sein Gesicht mit den Händen deckend, auf das Kissen, das seine rechte Stuhllehne schützte, nach vorne auf die Stirne nieder. – Hennig faltete erschüttert die Hände, und Lieschen bog sich weinend über den Greis, während die Kinder, der für sie drückenden Gegenwart des Geistlichen jetzt enthoben, laut schluchzend zu dem Vater sprangen, seine Knie umfaßten, und ihn baten, ihr guter, guter Vater zu sein, und sich nicht zu härmen und zu grämen – sie wollten ausgehn und arbeiten, Gänse hüten und Obst bewachen, kurz Alles thun, was in ihren Kräften stand, ebenfalls ihr Brod zu verdienen, und nachher würd' es schon besser – nachher würde es recht gut mit ihnen allen werden.