Vater Kleinholz rührte und regte sich nicht, und der eine Arm sank ihm über die Stuhllehne nieder.
»Lieschen – bitte Lieschen,« sagte Hennig rasch, und trat vor das Mädchen – »holen Sie mir doch ein Glas Wasser – mir ist – mir ist nicht recht wohl.«
Lieschens Blicke hafteten in stierem Entsetzen an der regungslosen Gestalt des Kranken – die Worte, die Hennig zu ihr sprach, hörte sie gar nicht.
»Thun Sie mir die Liebe, gutes Lieschen, und holen Sie mir ein Glas Wasser,« bat Hennig dringender, ergriff ihre Hand, und suchte sie von dem Stuhle fortzuführen.
»Vater!« flüsterte aber in diesem Augenblick mit leiser kaum hörbarer Stimme die Tochter – »Vater!« – Sie sprang, Hennigs Hand zurückstoßend, auf ihn zu, hob seinen Oberkörper empor, warf nur einen einzigen Blick auf die blassen, geisterhaften Züge und stürzte mit lautgellendem Schmerzensruf ohnmächtig zu Boden.
Der alte Schulmeister war todt.
Zwölftes Kapitel.
Schluß.
Gebe Gott, daß diese Ueberschrift eine Lüge werde – daß es kein Schluß des armen gedrückten Lehrerlebens mehr sei, wie ich es hier beschrieben, und wie es, o leider so oft, so entsetzlich oft – in unserem »gesegneten« Deutschland geschehen ist. Den Ruhm haben wir bis jetzt für uns beanspruchen wollen, das civilisirteste, das intelligenteste Volk der Erde zu sein, und die Leute, die uns allein dazu bringen könnten es zu werden – lassen wir verhungern oder ihr Leben doch wenigstens auf so traurige, elende Art dahinschleppen, daß sie an Leib und Seele – erst körperlich und dann geistig zu Grunde gehn müssen.
Deutschland ist krank und zwei Quacksalber mühen sich ab, und ereifern sich das arme, kranke Deutschland unter dem Vorgeben, es heilen zu wollen, in sein frühes Grab zu bringen. Sie beide kehren sich keinen Deut um die wirkliche Gesundheit und Kraft, um die wirkliche Genesung des Patienten, nur ihre eigenen selbstsüchtigen Zwecke haben sie im Auge, nur ihr eigenes Interesse ist es, das sie in geschäftiger Thätigkeit an das Lager des Leidenden treibt.
Der eine dieser Aerzte will nur Ruhe – das Stöhnen, der Krampf – das wilde, unruhige Aufzucken des Kranken – seine Fieberphantasien und schlaflosen Nächte ängstigen ihn selbst, und lassen ihm keine Ruhe, also verschreibt er Opiate – immer nur Opiate, und im Fall etwas stärkerer Aufregung sogar Zwangsjacke und Ketten – »nur Ruhe, lieber Patient, nur Ruhe.« –