»Ei du holder süßer Engel, das ist ja prächtig, daß Du mich heute besuchst,« rief sie nach der ersten Begrüßung, »ich habe schon gar nicht gewußt, womit ich den verzweifelt langen Nachmittag heute hinbringen würde; nun bleibst Du ein bischen bei mir und da plaudern –«

»Nein, liebe Anna,« fiel ihr hier lächelnd Fräulein Scheidler in die Rede, »der Nachmittag ist so herrlich, daß wir, so gut es mir bei Euch gefällt, unmöglich hier im engen Stübchen bleiben dürfen; deshalb komm' ich, Dich zu einem kleinen Spaziergang abzuholen.«

»Aber wohin, Soph'chen,« frug Anna, und ließ schon im Geist ihre Garderobe an sich vorbei defiliren, um die »Eingeborenen« wieder mit einer neuen Toilette in staunende Bewunderung zu versetzen; »wohin, unten am Fluß hin und her? Da wohnt ja Niemand, wie drüben über der Rausche etwa Försters.«

»Du närrisches Kind,« lachte das holde Mädchen, »wenn wir blos spazieren gehen wollen, kann es uns auch einerlein sein, ob da Jemand wohnt oder nicht; doch am Flusse sind wir schon so oft gewesen, und ich dächte deshalb, wir wollten heute einmal auf der Straße nach Sockwitz zu durch den Fichtenwald gehen. Du sollst nur einmal dort die herrlichen wunderschönen Bäume sehen, es ist ein reizender Spaziergang. Nur das einzige Unangenehme hat es, daß wir, von hier aus, hin und zurück durch das ganze Dorf der Länge nach durchmüssen, sonst –«

Anna's Zweifel schwanden mit einem Male.

»Das schadet Nichts,« sagte sie rasch, »es ist jetzt trocken und am Sonnabend Nachmittag besonders werden auch nicht die vielen fatalen Düngerwagen hinaus auf's Feld gefahren; ist Dir's also recht, so brechen wir gleich auf, und an mir soll es dann auch nicht liegen, wenn wir lange aufgehalten werden; – ich will mir nur ein anderes Kleid überwerfen.« –

»Ein anderes Kleid?« frug Sophie erstaunt, »aber warum denn das, um draußen im Wald spazieren zu gehen? Liebes Kind, Du bist für das Dorf viel zu hübsch angezogen, das Kleid, versichere ich Dich, ist vollkommen gut genug!«

»Ach bewahre,« lachte Anna naiv, »sieh nur, hier unten hat es ja gar einen kleinen Riß, wo ich neulich einmal an einem von den häßlichen Dingern mit Holzzacken, die an den Häusern aufgerichtet sind, hängen geblieben bin – laß mich nur, ich bin den Augenblick fertig – Friederi–keh – Friederi–keh!« Die hohe Quinte lag wieder auf der letzten Sylbe und der Ton schallte durch das ganze Haus.

»Was soll denn das Mädchen?« frug Sophie, »ich kann Dir ja wohl helfen das Kleid anziehen, wenn es denn einmal sein muß – was hast Du denn?«

»Laß mich nur,« sagte Fräulein Schütte, »weiß der liebe Himmel, wo das Mädchen wieder steckt, immer ist sie nicht da, wenn sie gebraucht wird, und schwatzen thut das Geschöpf, ich sage Dir, Sophie, das ist zum Verzweifeln; der Mund steht ihr nicht einen Augenblick stille. Nein, was man für eine Noth mit den Dienstleuten hat.« Sie trat an's offene Fenster und sah hinaus.