Annegrethe, ein derbes dralles Mädchen von achtzehn oder neunzehn Jahren, das, aber nicht nach der Horneck'schen Mode, sondern wie die Dienstleute in der Stadt gekleidet, eben hinter dem Schenkstande die halbgeleerten Glasflaschen (deren Etiketten bezeichneten, ob sie Doppelkümmel, Anis, Pomeranzen oder Kirsch in den flachen Bäuchen trugen) wieder aus großen steinernen Krügen vollfüllte, sagte, indem sie gerade die letzte Flasche mit einem wollenen Tuche abwischte und auf ihren Platz zurückstellte:

»Ei versteht sich, Frau Base, werde doch das beste Zimmer im Hause nicht vergessen; gelüftet habe ich's den ganzen Nachmittag, die Tische sind spiegelblank und von der Erde könnte man zur Nacht essen – wenn kein Sand d'rauf läge.«

»Hot denn die Butenfrau de Zeidungen schonst gebracht; ich habe kenen Zippel von 'er gesiehn.«

»Schon vor einer Viertelstunde.«

»Un die Sammeln?« – frug die Frau rasch und wie erschreckt.

»Alles richtig besorgt,« lachte Annegrethe, »auch Cigarren hab' ich vom Kaufmann mitbringen lassen, und ein Dutzend thönerne Pfeifen.«

»Bist en braves Madel,« sagte die Frau und setzte sich behaglich in ihre Ecke hinter den Ofen, wo ein kleines Tischchen mit ihrer Kaffeetasse stand; in der Röhre oben, dicht daneben brodelte der Kaffee, und dicht in der That mußte das Gedränge und laut der Ruf nach Bedienung in der Schenkstube werden, ehe »Mutter Läsig,« oder die »Mutter,« wie sie ihre Gäste kurzweg nannten, ihr heimliches Plätzchen verließ, um es mit dem geschäftigeren, ruhelosen in der Küche zu vertauschen.

Es dauerte denn auch gar nicht lange, so füllte sich das ziemlich geräumige Zimmer mit Gästen; hier und da über den offenen Platz herüber schlenderte eine lange, mit schwarzem Schafspelz umhüllte, oben in eine weiße Zipfelmütze auslaufende Gestalt, den Hügel herauf, und aus der Seitengasse, die zwischen Obstgärten und Häuslerwohnungen hin nach dem anderen Theile des Dorfes führte; von überall her kamen die Durstigen, den Sonnabend Abend, wie das von jeher Sitte in Horneck gewesen, in gemüthlicher Gesellschaft zu verbringen, und einmal wieder zu hören, »wie's draußen in der Welt eigentlich stehe.«

Auch das »grüne Zimmer« (was aber eigentlich gelb war und nur noch aus früherer Zeit, wo es vielleicht einmal grün gewesen, den Namen trug) füllte sich nach und nach; um die verschiedenen Lichter herum drängten sich neugierige kurzsichtige Gäste und suchten, bald mit bald ohne Brille, dem die Augen schmerzenden Druck Inhalt und Sinn abzugewinnen, bis der Diaconus endlich kam, der am Montag, Mittwoch und Sonnabend, und schon seit Anfang vorigen Monats, wo es auch erst angefangen hatte in Deutschland interessant zu werden, die Zeitungen, oder wenigstens das Wichtigste daraus, vorlas und das Gelesene dann erklärte.

Die Landleute hörten aufmerksam zu, tranken ihr Bier dabei, und schauten, das Kinn auf die beiden Fäuste oder in die aufgestemmten Arme gestützt, dem Diaconus in das wohl etwas bleiche aber ausdrucksvolle Gesicht, wie er ihnen die einzelnen Artikel vortrug, und hie und da bei etwas schwer verständlichen Stellen, eine Erklärung beifügte, die es auch den minder Begabten möglich machte, zu begreifen, was eigentlich die verschiedenen Artikel für eine Bedeutung hätten, und in welcher engen Verbindung die an allen Orten zugleich auftauchenden Unruhen zu einander ständen.