»Es war kein Wilddieb,« sagte Sophie, und blickte wie scheu nach den Büschen hinüber, so daß der alte Jäger bei dem Gedanken lächelte, sie könne glauben, der käme noch einmal dahin zurück, wo er stände – »er sah wild, verstört und bleich aus – ich weiß nicht einmal, ob er – ob er uns um etwas ansprechen wollte – nur als Anna Schütte so wild aufschrie, ergriff er meinen Arm – was er wollte, weiß ich nicht – aber so viel erinnere ich mich, sein Rock war von Dornen zerrissen, auch sein Gesicht blutig, und er – er glich eher einem unglücklichen, als einem bösen Menschen.«
»Alle Wetter noch einmal!« sagte da der Jäger, »das wird der Kerl gewesen sein, den die Polizeidiener aus der Stadt heute Morgen gehetzt haben; ein paar Holzschläger von mir haben oben an der Waldecke gestanden, und sich die ganze Geschichte mit angesehen, – der ist vom Felde 'rein in die Haidekiefern gefahren, in den jungen Schlag, und wird sich nun wahrscheinlich im Walde herumtreiben. Warte Canaille, solches Wild könnten wir hier gerade brauchen, weiter fehlte uns gar Nichts. Hören Sie Hennig, Sie gehen ja doch wohl mit dem Fräulein zu Hause.«
»Ich glaube kaum, daß ich noch etwas zu fürchten habe,« sagte Sophie.
»Nein, das glaub' ich auch nicht,« lachte der Jäger, der an seine Schrote dachte, »das bleibt sich aber gleich, allein können Sie doch nicht nach Hause zurückkehren, ich aber will gleich mit meinem Fritz und den Holzschlägern den Wald hier einmal absuchen, wahrscheinlich ist er nach dem Weidicht hinunter, in die dicken Büsche, und wenn er da drinn steckt, da finden wir ihn vielleicht, oder treiben ihn jedenfalls in's Dorf.«
Und ohne weiter eine Antwort abzuwarten, warf der Alte das Gewehr, das er indessen wieder geladen hatte, über die Schulter, und schritt rasch den Weg, den er vorher mit Hennig gekommen, zurück. Dieser aber, der sah, wie erschöpft die Jungfrau durch den vorigen Schreck sein mußte, denn sie hielt sich selbst jetzt noch an einer kleinen Buche, neben der sie stand, aufrecht, bot ihr seinen Arm. Sophie zögerte einen Augenblick, nahm ihn dann, und schweigend schritten die beiden dem noch ziemlich entfernten Dorfe zu.
Sechstes Kapitel.
Die Hornecker Schenke.
Es war Abend; aus dem Feld herein zog pfeifend der Knecht mit den Pferden, und der Gänsejunge trieb ebenfalls seine schnatternde Heerde den heimischen Ställen zu; auf dem Plane vor der Schenke hatte sich eine Schaar wilder Jungen und Mädchen eingefunden, die um die Linden herum und über die steinernen Bänke hin sprangen und jauchzten und tanzten und Haschens spielten, und sich in ihrer lauten herzlichen Lust wenig daran kehrten, daß der Thau schon feucht niederfiel auf die dampfende Erde und nebliche Dünste aus der Niederung herauf nach den Gipfeln der Berge stiegen.
Die Botenfrau, die aus der Stadt kam, keuchte mit dem schwer beladenen Korbe den steilen Hang hinauf, der wohl zwanzig Ellen hoch gerade hinter der Schenke herabführte, und hier und da blitzte schon zwischen den knorrigen Zweigen der Aepfel- und Pflaumenbäume hindurch ein einsam schimmerndes Licht hervor, und der Wanderer, der vorüberging, sah, wie da drinnen um die großen, mit frommem Spruch verzierten Schüsseln, nach ächt patriarchalischer Sitte, der Bauer mit seinen Knechten und Mägden saß, und Löffel nach Löffel aus der dampfenden Suppe herausholte.
Ein ganz besonders reges Leben herrschte aber in der Schenke selbst, denn da wurden Tische und Stühle gerückt und abgestäubt, Flaschen herbeigeschafft und Gläser parat gestellt. Dort in die Ecke kamen drei Tische für die Spielenden, zwei Lichter auf jeden, an die entgegengesetzten Ecken der buntbeklebte Papptrichter mit den geschnittenen Kartenfidibus auf den einen Leuchter. Auch die Markenteller mit den Spielmarken bekamen ihren Platz und die Spucknäpfe wurden zurecht gerückt, der sauber gescheuerten Stube zu Liebe.
»So,« sagte die dicke Wirthin, als sie auf den runden Drath, der am Fensterknopfe hing, frische Bretzeln gereiht, und den rostigen wieder an den alten Platz gehangen hatte, »so, itzt kennen se vor mir kummen, Annegrethe, hast de denn aber ooch des grine Zimmer in Ordnung gebracht? – Blitzmädel, Du weeßt doch, das der Herr Diaconus pinktlich is, un es die Bauern ooch schonst immer nich erwarten kennen.«