Da stieß die eine Dame plötzlich einen gellenden Schrei aus, und der Hülfslehrer, der in der ersten Ueberraschung wie an seine Stelle gebannt gewesen war, flog jetzt mit dem angstvollen, aber doch nur halblauten Ruf »Sophie!« und rasend schnellen Sätzen dem Orte zu, an dem der Fremde eben im Begriff schien, der Pastors Tochter Arm zu ergreifen, während Fräulein Schütte, ihre bisherige Begleiterin, mit wildem Hülfgekreische dem Dorfe zustob.
Auch der Jäger suchte jetzt so schnell als möglich an den Burschen, der, wie er nicht anders glauben konnte, wehrlose Frauenzimmer auf offener Straße anfiel, hinan zu kommen, und riß dabei die Flinte von der Schulter und in Anschlag. Hatte aber der Fremde Hennigs Ausruf, oder die lauten Schritte gehört, er wandte den Kopf, und erkannte kaum die herabstürmenden Männer, als er auch schon, nur noch einen Blick auf das zitternde Mädchen werfend, blitzesschnell zur Seite und in die nächsten Büsche sprang. In dem Moment blitzte es aus des Jägers Rohr, und während der Schuß noch durch die Waldeswipfel dröhnte, fing auch der junge Mann schon die, durch Angst und Aufregung betäubt niedersinkende Jungfrau in seinen Armen auf.
»Mamsell!« schrie jetzt der Jäger hinter der, in wilder Angst ausstreichenden Dame her, deren Eile der Schuß noch beflügelt zu haben schien – »Mam–sell! – wir sind's ja!« – doch umsonst, ihr eigenes Schreien ließ sie auch schon nicht das des anderen hören, und sie war bald in den Windungen des Pfades den Blicken der Männer entschwunden.
»Ei so lauf Du und der Henker« brummte der alte Waidmann ärgerlich hinter ihr drein, »Donnerwetter, hat das Frauenzimmer eine Courage; na, das sollte meine Tochter sein.«
Hennig befand sich aber indessen in Todesangst, denn noch immer gab die bleiche Jungfrau in seinen Armen kein Zeichen des Lebens von sich, und lag starr und regungslos auf seinem Knie; er rieb ihr die Schläfe und das Innere der Hand, und die Stirn und den Arm – Alles umsonst, es war, als ob er eine Todte umschlossen hielt. –
»Förster, um Gotteswillen helft mir hier!« rief er endlich, und schaute sich in aller Herzensangst nach diesem um, »was sucht Ihr denn dort? – laßt das doch sein, und steht mir hier bei.«
»Hm,« brummte der Alte, der indessen, ohne sich um die Ohnmächtige weiter zu bekümmern, die Büsche und das Gras, wo der Flüchtige hineingesprungen war, sehr sorgfältig und aufmerksam betrachtet hatte, – »ich habe nur einmal nach dem Anschuß gesehen, aber keine Spur von Schweiß – doch das schadet Nichts,« fuhr er, sich aufrichtend und zu der Ohnmächtigen tretend fort: »weiter hin werden wir's schon finden, denn einen Keulenschuß hat er, darauf wollte ich wetten – 's war zwar achtzig oder neunzig Schritt und dünner Schnepfenschrot, so weit trägt meine alte Caroline aber doch noch, und das weiß ich – ah – sehen Sie, die Mamsell kommt schon wieder zu sich – hier, reiben Sie ihr einmal den Rum in die Schläfe, das wird ihr gut thun – nichts besser wie Rum bei Ohnmachten, – wenn man besonders noch einen richtigen Schluck davon nehmen kann.«
Das junge Mädchen erholte sich aber wirklich rasch wieder, athmete ein paar Mal recht schwer und tief, und schlug dann die Augen auf. Zuerst sah sie sich ganz erstaunt, ja fast erschreckt um – augenscheinlich hatte sie das ganze Vorhergegangene vergessen, und die Sinne mußten sich erst wieder zu ihrer vollen Thätigkeit sammeln, dann aber mochte ihr doch wohl wieder einfallen, wie sie in diese Lage gekommen, denn ein leichtes Roth färbte ihre bleichen Wangen, und sich rasch, aber unbefangen emporrichtend, sagte sie, während sie dem jungen, wie mit Purpur übergossenen Lehrer die Hand reichte:
»Ich danke Ihnen, lieber Hennig!«
»Der Schuft wollte Hand an Sie legen!« sagte der Jäger, »Gott soll mich holen, wenn das nicht bald noch über den grünen Klee geht, das verfluchte Wildschützenzeug nimmt ja bald Alles an, was Beine hat.«