»Ihr hattet Euch an ihn hinangeschlichen,« ermunterte ihn der Lehrer, dem es mehr Freude machte, den alten Mann erzählen zu hören, als daß er sich selbst groß für die Jagd interessirt hätte.

»Hinangeschlichen?« wiederholte der Alte, in der Erinnerung an den schönen Jagdzug schwelgend, »ei ich war damals ein junger gewandter Bursch, aber das Menschenkind hätt' ich sehen mögen, das sich an den alten schlauen Gesellen hätte hinanschleichen mögen; ob der sich gewitzigt zeigte? Das erste, was man von ihm stets zu sehen bekam, war der weiße Spiegel. Nein, Schulmeisterchen, selbst der Oberförster mußte wohl schon mehr als zwanzig Mal dem Stück Wild zu Gefallen gegangen sein, ohne es auch nur ein einziges Mal ordentlich zum Schuß zu bekommen, denn grad hinaufblaffen, wenn sich was Rothes in den Büschen zeigt, wie es die sogenannten Jäger in jetziger Zeit machen, das wollte er auch nicht. Mich wurmte aber die Geschichte, ich konnte nicht schlafen mehr, denn im Wachen wie im Traume sah ich den Hirsch, der mir immer bald auf die eine, bald auf die andere Art entging. Zu der Zeit war ich auch des Revierjägers Tochter gut, der Vater wollte aber von einer Heirath Nichts hören, und meinte nur einmal, aber natürlich auch bloß im Spaß, ich sollte erst versuchen, ob ich nicht den starken Hirsch umlegen könnte, nachher wollten wir wieder davon sprechen.«

»Jetzt war's nun gar mit mir aus, sobald ich mich niederlegte, und die Augen zumachte, stand er vor mir, und äugte nach mir herüber, und dann hatt' ich nie die Büchse geladen, oder konnte die Kugel nicht in den Lauf kriegen, oder das Pflaster hing mit anderen zusammen, oder der Ladestock saß fest, kurz, es haperte beim Laden, und legte ich endlich an, und drückte ab, so konnte ich mich fest darauf verlassen, daß mir das Pulver von der Pfanne brannte, und der Hirsch stolz und ruhig davon zog. Ich härmte mich so ab, daß ich ganz mager und elend wurde; das Essen und Trinken schmeckte mir sogar nicht mehr, und ich beschloß endlich, es koste was es wolle, und sollte ich acht Tage nicht mehr zu Hause kommen, den Hirsch zu schießen.«

»So lange war ich ihm übrigens in den Fährten herumgekrochen, daß ich endlich ziemlich genau wußte, wie und zu welcher Tages- und Nachtzeit er auf den verschiedenen Stellen herüber und hinüberwechselte. So hatte ich auch erspürt, daß er unten an der Schlucht gerade etwa hundert Schritte weiter oben, als wo sich der Bach über die Steine hinweg jäh in die Rausche stürzte, jede Nacht über den Bach hinüber wechselte, und am Bergeshang langsam hinschritt. Das Holz war aber dort viel zu dicht und schattig, um mir auch nur ein erträgliches Büchsenlicht zu gönnen, trotzdem beschloß ich, wenigstens einen Versuch zu machen, und ging eines Abends, es war im August, und eine wundervolle mondhelle Nacht, hier auf der Bergkuppe hin, wo damals noch nicht einmal ein Fußpfad, vielweniger ein Fahrweg hinlief, bis ich gerade an die Schlucht kam, an der wir da oben stehen blieben. In dieser wollte ich mich hinunterpürschen, denn weiter unten, wo der Mond gerade durch das lichte Stangenholz schien, war es eher möglich, daß ich Licht genug auf's Korn bekam, um eines sichern Schusse gewiß zu sein. Langsam und geräuschlos schlich ich dann mich auf dem moosigen Boden bis gerade an jene alte Buche hin, die damals schon eben so stark und knorrig da stand, wie an dem heutigen Tag, und wollte just um sie herumbiegen, als ich – Hennig ich schwörs Euch zu, das Blut kocht mir noch heute in den Adern, wenn ich an den Augenblick zurückdenke, – langsame, schwere aber gemessene Tritte höre. Das Herz fing mir an zu schlagen, als ob's ihm zu eng in der Brust würde, und es sich aus Leibeskräften hinaus in's Freie arbeiten wollte, und ich bekam das wirkliche reguläre Hirschfieber dermaßen, daß mir alle Glieder am Leibe flogen und zitterten.

So stand ich wohl zwei volle Minuten und horchte, konnte aber gar Nichts mehr hören, denn meine eigenen Knochen schlugen so an einander, bis ich auf einmal in dem matten Mondenscheine, und kaum zwanzig Schritte von mir entfernt, die Büsche sich bewegen sah, und heraustrat – will ich mein Leben trocken Brod und Salz essen, wenn's nicht wahr ist – eben der Zwei und zwanzig-Ender, und stellte sich breit und schußgerecht, und so ruhig vor mich hin, als ob ich gar nicht in der Welt wäre, oder nur ein Blasrohr statt einer guten, scharfgeladenen Kugelbüchse in der Hand hielte.«

»Natürlich hatte ich das Rohr schon unwillkührlich und fast in demselben Augenblicke gehoben, wo ich die ersten Schritten im vorjährigen gelben Laub vernahm, aber hin und her flog die Mündung über die helle, vom Mondeslicht beschienene Gestalt, nicht möglich war es mir, den Lauf auch nur eine Secunde lang ruhig zu halten. – Ich mußte wieder absetzen, denn ich fühlte, ich hätte jedenfalls vorbei geschossen. Der Hirsch aber windete hoch gegen den Luftzug hin, der glücklicher Weise gerade aus der Schlucht heranwehte, streckte dann ganz behaglich erst den rechten, und dann den linken Hinterlauf, neigte ein paar mal den schönen Kopf, als ob er mir ordentlich zeigen wollte, ›sieh einmal, was für ein Geweih, was für Stangen ich habe!‹ und zog dann ganz vertraut, kaum funfzehn Schritte entfernt vor mir vorüber.«

»Jetzt aber hielt ich's auch nicht länger aus; hinter der Buche suchte ich mir an einer Stelle des lichten Firmamentes das Korn, kam mit dem Lauf der Büchse rasch herunter, und drückte in demselben Augenblicke ab, als der Hirsch, der vielleicht einen Schein von dem im Mondenlicht blitzenden Rohr erhalten, scheu und schreckend den Kopf emporwarf. Gott sei Dank, der Schuß versagte nicht, wie er mir hundertmal im Traume versagt hatte, und gleich nach dem Knall der Büchse brach der gewaltige Platzhirsch wie ein Ungewitter durch die dünnen Stangen, und rasselte die Schlucht hinunter, daß es eine Lust und Wonne war.«

»Aber Ihr kriegtet ihn?«

»Ich denke,« lachte der alte Jäger, und bließ dichte freudige Wolken aus dem kurzen Pfeifenstummel; »keine hundert funfzig Schritt war er mehr gegangen, und ich brauchte auch nicht einmal nach dem Anschuß zu suchen, einen Spektakel machte er, wie er so in den Stangen lag, und verendend mit den Läufen um sich herhieb, daß man's auf eine halbe Stunde weit hätte hören können. Nun wie gesagt, an dem Abend – alle Hagel!« unterbrach er sich plötzlich, und deutete nach vorn, denn die Biegung der Straße hatte sie gerade zu Zeugen einer eben so merkwürdigen, als ihre Gegenwart anscheinend erfordernden Scene gemacht.

In kaum hundert Schritten Entfernung nämlich, und mitten auf dem, hier gerade von dichten Büschen eng umschlossenen Fahrwege, stand eine Gruppe von drei Menschen, bei deren Anblick Hennig das Blut in den Adern stockte. Es waren zwei Damen, und vor ihnen, den Rücken den beiden Männern zugedreht, die Rechte auf einen starken Knittel gestützt, die Linke – aus welchem Grunde, konnten sie von dort nicht erkennen – gegen die Frauen ausgestreckt, ein etwas abenteuerlich aussehender Mann.