»Ich werd's ihnen vertreiben;« brummte der Alte, »nein wahrlich, anvertrauen möcht ich's der Bande keinen Augenblick, denn die Schufte wissen gar prächtig, daß ein Rehrücken gut schmeckt, und daß es sich wohl der Mühe lohnte ihn nach Hause zu tragen; aber mein Fritz ist schon nach den Holzschlägern gegangen, die unten im ›Buchentrog‹ die Stöcke ausroden, einer von denen mag das Reh in's ›Stadtviertel‹ tragen, dort wollten sie gern Wild haben, die wissen's auch nicht besser, und ich bin froh wenn ich von dem armen Ding da gar nichts weiter mehr zu sehn bekomme.«

»So geht Ihr also jetzt mit mir nach Horneck zurück?« frug Hennig. –

»Habe Nichts dawider« lautete die Antwort »mit meiner Runde bin ich durch, und – zu schießen giebts auch Nichts mehr im Wald heute, da mag ich eben so gut heimtraben.«

Und damit warf er noch einen halb mitleidigen, halb mürrischen Blick auf das zerwirkte Reh zurück, hing sich die Flinte über die Schulter, und schritt rasch, und von Hennig gefolgt, auf dem schmalen Fußwege hin, der sie der breiteren Straße zuführte. Noch waren sie nicht lange gegangen, als sie diese auch erreichten, und nun langsamer, um die milde Luft besser genießen zu können, die ihnen warm und labend aus Süden her entgegenströmte, ihren Weg dem noch etwa eine gute Stunde entfernten Horneck zu fortsetzten.

»Wie still das hier zwischen den Bäumen,« sagte Hennig endlich, als sie eine ganze Zeit lang schweigend neben einander hingeschritten waren; »es rührt und regt sich Nichts, und wenn nicht manchmal ein Holzhehr oder eine alte Krähe ihre rauhen Laute durch den Wald schickten, so sollte man glauben, der ganze Forst sei ausgestorben. Ich weiß, früher, als ich noch in der Stadt auf der Schule war, da glaubte ich immer, wo Wald sei, da müsse es auch Hirsche und wilde Thiere geben, und in dem kleinen Hölzchen dicht an der Stadt, durch das wir Sonntags Nachmittags immer nach Weinhausen zu spazieren gingen, sah ich mich, sobald wir in den dunkeln Schatten traten, eben so regelmäßig nach irgend einer reißenden Bestie um, und war dann sehr bestürzt, wenn ich ›nicht einmal einen Hirsch‹ zu sehen bekam.«

»Die Zeiten sind vorbei,« sagte der Jäger traurig, und mit einem tiefen Seufzer, »ja vor zwanzig und fünf und zwanzig Jahren, wo Schwarz- und Edelwild hier in jeder Schlucht seine Fährten eindrückte, wo in der Brunftzeit die alten Zwölf- und Sechzehenender wie besessen herumliefen, und ich schon in meinem sechzehnten Jahre mit eigener Hand drei Hauptschweine erschossen hatte, ja da war es noch eine Freude, ein Waidmann zu sein, damals war der Jägerstand auch noch geehrt, und mit Horn, mit Meute und Büchse zog man zur fröhlichen Lust in den Wald. Jetzt – ist der Name Jäger fast nur noch zum Hohne geworden; eine Flinte auf der Schulter und Blei darin, gerade stark genug, Sperlinge zu schießen, hat man weiter auf der Gotteswelt Nichts zu thun, als auf die Holzschläger zu passen, und den Holzdieben allenfalls aufzulauern; vor Wilddieben braucht man sich beinah nicht einmal mehr zu fürchten, denn die Zeit ist gar nicht mehr fern, wo man Hirsche auf der Messe, und Rebhühner zahm in Käfichen zeigen wird.«

Sie hatten jetzt gerade eine der Waldhöhen erreicht, von der sie die Aussicht in eine flache, mit Laubholz bewachsene Abdachung bekamen; auffallend war hier eine niedere breitastige Zwergbuche, die mit sehr starkem Stamme, die Wurzeln fast ganz entblößt von Erdreich, gerade inmitten der Senkung stand, und die knorrigen, aber dafür desto kräftigeren Zweige links und rechts so weit ausstreckte, daß sie den Abhang an beiden Seiten berührte. Hier blieb der Jäger stehen, nahm die Flinte herunter, stützte sich darauf, und schaute eine ganze lange Weile nach der »Delle« hinein, die sich, bald nachher rechts abbiegend, der Rausche zuzog, in die sie, etwas weiter unten, ebenfalls eine Quelle hineinsandte.

Hennig schaute aufmerksam nach derselben Richtung hin, weil er glaubte, der alte Mann bemerke dort irgend ein Stück Wild oder sonst etwas Auffallendes; es ließ sich aber Nichts erkennen, nur die verwachsene Buche streckte die wunderlich geformten Arme wie zornig und trotzig gegen die schlank und stolz auf sie herabschauenden Tannen und Fichten aus.

»Was giebt es denn, was habt Ihr hier: war dort etwas?« frug der Lehrer.

»Ja, – Ihr habt Recht, dort war wirklich etwas,« erwiederte ihm rasch, und sich wieder zum Gehen wendend, der Forstmann, – »aber jetzt ist's vorbei. – Drei und vierzig Jahre sind's nun her, daß ich gerade an der Buche meinen ersten Hirsch schoß – und was für einen capitalen Burschen. Der Schuß war auch die Ursache, daß ich meine Alte, die jetzt lange unter der kühlen Erde schlummert, bekam, denn der Oberförster freute sich unmenschlich über das prachtvolle Geweih, ein ungerader Zweiundzwanzig-Ender. Donnerwetter, das war ein Hirsch, und ich sehe ihn jetzt noch, wie er nach dem Schusse einem Ungewitter gleich durch die Büsche und Zweige rasselte.«