»Eine Rikke ist das Weibchen vom Rehbock?« frug der Schulmeister den Jäger.
»Ja!« sagte der Forstmann, und warf einen halb spöttischen, halb mürrischen Blick nach dem Frager – »die Sie'n.«
»Aber wer hat denn die Rikke geschossen?« fuhr Jener, sich überall umschauend, fort, »sind etwa Wilddiebe hier im Holz?«
»Wilddiebe?« wiederholte der alte Jäger mit vieler Bitterkeit, »Wilddiebe? nein bei Gott, der Name ist noch viel zu ehrlich, und klingt zu rechtschaffen für solch nichtsnützige miserable Bande. Ich habe auch gewilddiebt zu meiner Zeit, und ich kenne ganz respektabele Leute, die ebenfalls Wilddiebe sind – wenn ich auch nicht etwa den Schuften das Wort reden will, die heimlicher Weise und bei Nacht und Nebel auf's Revier kommen, und Einem die paar Rehe, die noch dastehen, über den Haufen legen, daß man nicht einmal Schießgeld davon bekommt, die aber, die solch ein armes Geschöpf und zu solcher Zeit mit dünnem lumpigen Hühnerschrot waidewund schießen, oder vielmehr bloß im Wald herum liegen und nach allem plaffen, was rauch ist, und bei denen es nachher heißt, ›krieg ich's so ist's gut; und krieg ich's nicht, so hab' ich nichts verloren,‹ das ist eine gottverfluchte Mörderbande, die man bei den Beinen aufhängen sollte, daß sie nur einmal erfährt, wie es thut, wenn man rothes warmes Blut im Herzen hat.«
»Es scheint als ob das ungesetzliche Schießen jetzt überhaupt hier Ueberhand nehme« sagte Hennig; »die Leute benutzen die im Lande herrschende Aufregung und denken gerade in dieser Zeit am allerleichtesten ungestraft davon zu kommen.«
»Ungestraft? – nun ich wünsche mir nur, daß ich einen von den vermaledeiten Aasjägern einmal zum Schuß bekomme, ob der nachher davon reden wird, daß er ungestraft im Frühjahr eine Rikke angeflickt hätte, daß das arme Geschöpf helle Tage lang mit dem zerschossenen Kalb im Walde herumächzen muß.«
»Wenn die Leute aber nun das Recht dazu bekommen, Förster?« frug der Schullehrer – »wir leben jetzt in einer gewaltigen Zeit, wo der lang Unterdrückte endlich das Haupt erhebt und zu fühlen anfängt, daß er auch ein Mensch ist wie der, der ihm bis dahin die Ferse im eigenen Nacken gehalten; ja wenn sie sich das Recht wirklich nehmen, auf ihrem eigenen Lande jagen zu dürfen, was, ihnen zu verwehren auch, meiner Ansicht nach, eine reine Ungerechtigkeit ist, wie dann? wie wirds nachher mit der Jagd aussehen?«
»Unsinn!« knurrte der alte Jäger und schlug sich rasch wieder Feuer an, was er, während der Schulmeister mit dem eben Gesagten eine Masse höchst fataler Bilder vor ihm heraufbeschworen, indessen eingestellt hatte – »Unsinn – fragt doch lieber wie's im Monde aussehn wird, wenn die Erde einmal aus Versehen zusammenfällt. Ein Recht, hochbeschlagene arme Geschöpfe Gottes krank zu schießen? Ein Mord bliebe das, ob die verdammten Tintenklekser in der Stadt auch ganze Schreibstuben voll Bände und Akten darüber schmierten. – Und dann das Schießen nachher; ei wenn sie Jedem verstatteten auf seinem eigenen Grund und Boden zu schießen – hahahaha – dann möchts nachher schön im Lande aussehen. Wer sollte denn da noch riskiren auf die Landstraße, oder überhaupt in den Busch zu gehn? Wäre man wohl seines Lebens sicher, und könnte einem nicht hinter jeder Hecke so ein blinder Bauer eine Ladung Schrot in den Pelz schicken? Und was würde nachher aus dem Wild, wer sollte denn da schonen, heh, wenn man Nichts wie Grenze hat; und ein Huhn ließe sich ja fast gar nicht mehr auf eignem Lande schießen, das wäre immer und ewig über anderer Leute Feld. Auch – Unsinn, ich habe wohl davon gehört, daß sie in Berlin und Wien, oder wie die Städte heißen, Revolution gemacht und das unterste zu oberst gekehrt haben sollen, und daß jetzt besonders der Bauer und Handwerkerstand an die Reihe kommt, sein Fett oben abzuschöpfen, aber die Jagd frei, ne Schulmeister, da haben sie Euch was aufgebunden, damit wird's Nichts – hoffentlich Nichts, so lange wenigstens diese alten Knochen noch im Walde herumlaufen. Wenn die erst einmal unter der Erde liegen – nun dann meinetwegen, dann mag mein Fritz sehen wie er anders durch die Welt kömmt, mit der Jagd ist's ja auch ohnedieß schon, selbst wenn sie keine Jagdfreiheit geben, vorbei.«
Der alte Mann war ganz schwermüthig geworden, und zog, finster dabei vor sich nieder schauend, die dichten blauen Wolken aus dem kleinen unbeschlagenen Maserkopf.
»Und was wollt Ihr mit dem Reh da jetzt anfangen?« frug Hennig, als der Jäger endlich mit einem plötzlichen Ruck seinen Genickfänger in die Scheide zurückstieß, die Jagdtasche umwarf, die Mütze fester in die Stirn drückte, und nach der neben ihm lehnenden Doppelflinte griff, »werden sie's hier nicht stehlen?«