»Das ist eine neuere Mode,« brummte der Alte, »zu meiner Zeit waren nur die Nachmittage frei, in den Vormittagen quälten sich aber die Lehrer auch ein Bischen mit den Bälgern, und ließen sie nicht den ganzen lieben ausgeschlagenen Tag den Eltern über dem Hals.«

»Die paar Vormittagsstunden« erwiederte ihm lächelnd der Lehrer, »die wir am Sonnabend Morgen gewinnen, geben wir reichlich in der Woche zu, wo wir mehr Unterrichtsstunden halten, als uns das Gesetz eigentlich für den ganzen Zeitraum der Woche vorschreibt. – Doch wenn habt Ihr denn das Reh geschossen, es scheint noch ganz frisch und es hat doch, seitdem ich hier in der Nähe bin, nicht ein einziges Mal geknallt.«

»Werd' es wohl mit Baumwolle oder Hanfleinen geschossen haben,« brummte der Jäger – »das knallt nicht und macht auch keinen Rauch – ist eine kostbare Erfindung – ich wollte daß die verdammten Stubenhocker in der Stadt, die derlei Geschichten ausbrüten, sich und ihren nichtswürdigen Krimskram bis in die Mitte nächster Woche hineinsprengten, nachher würde die liebe Seele wohl einmal auf eine Weile Ruhe haben.«

»Halloh Förster, Ihr seid ja entsetzlich böse und brummig heute, was ist denn vorgefallen? – wieder einmal Streit mit dem Pastor gehabt? –«

»Der Pastor soll zu – Grase gehn, wie's mir d'ran liegt«, knurrte der Jäger, »hab' ihn Gott sei Dank seit acht Tagen gar nicht zu Gesicht gekriegt. So lange wir so weit auseinander wohnen, sind wir uns auch recht herzlich grün; hm –«

»Ihr seid merkwürdig übler Laune heute« sagte Hennig und richtete sich von der Quelle, an der er eben getrunken wieder auf – »ist denn irgend etwas geschehn, was Euch geärgert hat?«

»Aergern?« wiederholte der Jäger und drückte mit geschickter und starker Hand die feste Klinge in das Schloß des Rehes, »da soll sich auch Einer nicht dabei ärgern, wenn er in der Jahreszeit eine Rikke aufbrechen muß, die ein paar Wochen später das schönste junge Kalb in den Wald gesetzt hätte, das einmal tüchtiges Gehörn getragen. Geärgert? – Das Herz im Leibe drehte sich Einem bei solcher Arbeit um, und man möchte sich wahrhaftig lieber wünschen unter Kannibalen, als unter einer solchen verdammten Aasjägerrace zu leben, die das Kind im Mutterleibe nicht verschonen. Wer in der Jahreszeit nach einer Rikke schießen kann, der schlägt auch seinen eigenen Bruder um acht alte Groschen todt.«

»Also Ihr habt das Reh nicht geschossen?« frug Hennig, der wenig oder gar Nichts von der Jagd verstand, ruhig.

»Wer? – ich?« – schrie der alte Mann, und warf dem Lehrer einen ingrimmig wilden Blick zu, sich plötzlich aber besinnend, daß der da, der eben die Frage an ihn gerichtet, seinem eigenen Ausdruck nach »ein Stück Wild kaum von einer Windmühle zu unterscheiden vermochte,« warf er seufzend das Gescheide mit dem jungen Kalbe bei Seite, hob das jetzt fertig ausgeworfene Reh an die Quelle, wo er es mit dem klaren Wasser derselben rein auswusch, und sagte dann, nachher seine eigenen Hände und den Genickfänger ebenfalls darin abspülend.

»Man darf's Euch nicht so übel nehmen, Ihr verstehts nicht besser. Das laßt Euch aber gesagt sein, und es wäre gut Ihr prügeltet das jetzt schon Eueren Jungen ein, wenn's die Flegel auch später wieder vergessen – daß es Sünde und Mord ist überhaupt eine Rikke, besonders aber noch dazu im Frühjahr, zu schießen. Verstanden?«