Das war zu viel, Feodor Strohwisch schoß, wie aus einer Pistole geschossen, auf den Kopf los, ergriff ihn mit der Linken an dem langen dünnen Halse, und legte ihm die breite Rechte fest und entschlossen auf den Mund. Der Ausdruck des Gesichts, dessen untere Parthien so zugehalten wurden, daß nur der vollständig erstaunte obere Theil desselben sichtbar blieb, nahm einen wahrhaft beunruhigenden Charakter an, der Gereizte blieb aber unerbittlich und sagte nun nach wohl minutenlanger Pause, in der übrigens der Ruf nicht wiederholt wurde:
»Sehen Sie, mein Fräulein, sehen Sie? – Sie haben es nicht anders haben wollen, Sie haben mich förmlich zu Zwangsmaßregeln genöthigt; ich bitte Sie inständigst, ich bitte Sie um ihrer selbst willen, uns Beiden das nächste Mal solche unangenehme Auftritte zu ersparen.«
Und damit schob er den Kopf auf seine Stelle zurück, ging wieder an sein Schreibpult und war bald auf's Neue vollkommen in sein Sinnen und Grübeln vertieft. Aber auch Fräulein Schütte hatte die Genugthuung, daß ihre Friederikeh endlich, nach so unermüdlicher Anstrengung der Lungen, erschien, das gewünschte Kleid wurde gebracht und angezogen, saß ausgezeichnet, und Arm in Arm wandelten die beiden Freundinnen bald darauf den Berg hinauf, an der Pfarre und Schenke, die Sonnabends und Sonntags besonders stark besucht war, vorüber, folgten dabei immer nur dem ziemlich breiten und mit gelbem Kies beworfenen Fuhrweg, der bis zu den letzten Häusern des Dorfes sich erstreckte, und betraten nicht lange nachher den herrlichen grünen Wald, in welchem sich die Straße, allerdings immer schmäler werdend, hinschlängelte, bis sie zuletzt zu einem gewöhnlichen Holzfuhrweg wurde, der durch lange schmale Streifen Gras und alte, lange nicht aufgefrischte Wagenspuren verrieth, wie selten er befahren, wie wenig er überhaupt benutzt wurde, indem der Hauptweg nach Sockwitz schon früher rechts abzweigte, und in die große, im zweiten Kapitel erwähnte Chaussee auslief.
Fünftes Kapitel.
Der alte Jäger.
Indessen war Hennig, aus dessen innerstem Herzensschacht das Gespräch mit dem Diaconus wohl auch manch trüben Gedanken zu Tage gefördert haben mochte, ebenfalls aus dem Dorf heraus und durch den Wald geschlendert. Ihn trieb es, allein zu sein, denn das was ihm auf dem Herzen lag war zu schwer, zu freudlos als daß er es mit dem armen Mann, der schon für sich ein so tüchtiges Bündel zu tragen hatte, hätte theilen mögen. Es wurde Mittag, und er wußte, daß sie daheim auf ihn mit dem Essen warteten, aber er konnte sich jetzt nicht gleich wieder unter Menschen setzen, jetzt nicht gleich wieder über alltägliche Dinge plaudern oder »wichtige Schulberichte« mit anhören, wo ihm das ganze Leben so schal und nichtig vorkam, daß er sich ordentlich nach freier Luft und nach stillen grünen Waldesbäumen sehnte. Denen konnte er sein Leid klagen, ohne von ihnen verhöhnt zu werden, ja die nickten wohl auch mitleidig dazu mit dem Kopfe und schienen in ihrem stillen geheimnißvollen Rauschen mit ihm trauern, mit ihm zu dulden.
Es war etwa drei Uhr Nachmittags, als er erst wieder an die Rückkehr dachte; lange schon hatte er den Fuhrweg verlassen und die Biegung einer Waldwiese beibehalten, die sich wohl eine gute Stunde Weges lang am Bergeshang hinzog und erst oben wieder durch einen schmalen Fußpfad mit der Straße zusammen hing, die auch die beiden Mädchen eingeschlagen hatten, und die sonst nur gewöhnlich benutzt wurde, um die oben auf dem Bergeskamm gehauenen Stämme hinunter nach der Thalmühle zu schaffen.
Anstatt aber gleich den kleineren Pfad einzuschlagen, wandte er sich ein wenig links drei hohen Eichen zu, die hier stolz aufragend über die niederen düsteren Fichtenstämme emporschauten. Dort quoll aus dem weichen lauschigen Moos ein klarer Quell hervor, und rieselte mit leisem Murmeln durch die weiche, torfige Rasendecke hin in das Thal hinab, wo er sich – anstatt bedächtig, wie es der größere und verständigere Bach that, an der Abdachung hin zu gleiten und unten, in der weidenumgürteten Schlucht langsam in die Rausche hinaus zu treten – in tollem Muthwillen ordentlich die steilsten und schroffsten Felsenhänge aufzusuchen schien und in jähen kecken Sprüngen, über moosigen Stein und starre Lehmbank weg, wild und sprudelnd und weißen Schaum jubelnd um sich her sprühend, in den unten froh vorbeibrausenden Fluß sprang.
Diese Quelle suchte Hennig auf, denn ihn dürstete, als er aber den Fuß der Eichen erreichte, sah er, wie sich dort eine menschliche Gestalt bewegte; gleich darauf schlug ein Hund an und er erkannte näher tretend, den alten Jäger Holke, der hier beschäftigt war, ein anscheinend erst verendetes Reh aufzubrechen. Sobald der aber die Schritte hinter sich und das Bellen des Hundes hörte, hatte er, rasch auffahrend, nach der Flinte gegriffen, jetzt jedoch, als er sah wer es war, lehnte er diese wieder an den Baum, und fuhr, sich nur halb nach Hennig umwendend, in seiner Arbeit fort.
»Halloh Schulmeister« rief er dabei und stieß, um den Schlund des Rehes einzuknüpfen, den Genickfänger neben sich in eine der moosbewachsenen Eichenwurzeln – »was zum Blitz und Hagel treibt Euch denn zur Schulzeit mitten in den Wald hinein? es ist Euch doch nicht irgend ein Junge entlaufen, den Ihr wieder suchen wollt? Das ist schwere Arbeit ohne Spurschnee!«
»Guten Tag, Förster« sagte Hennig und ließ sich langsam zwischen diesem und der Quelle, aber dicht neben der letzteren nieder; er war durch das lange einsame Umherstreifen wieder ruhig, ja fast heiter geworden, und freute sich den alten Mann hier gefunden zu haben, den sie alle im Dorfe lieb hatten und der, wenn auch ein Bischen derb, ja oftmals grob in seinem Wesen, doch treu und aufrichtig war, und Niemandem etwas in den Weg legte oder zu Leide that – »man sieht es daß Ihr schon lange aus der Schule seid, Ihr müßtet sonst wissen, daß die Sonnabende frei sind, und an ihnen keine Schule gehalten wird.«