›Bürger! Die Zeit der Rache ist gekommen – die Ketten, die Euch so lange in Euer klirrendes Elend geschlagen, stürzen von Euren erstarkenden Gliedern. – Der Tag der Vergeltung ist erschienen, die Throne zittern und das souveraine Volk steht jauchzend auf und vernichtet die Tyrannen. Bürger – schaart Euch um die rothe Fahne der Freiheit – aus dem Westen, aus dem göttlich freien Lande der Republik reicht uns ein freies Volk die entfesselte Rechte – 90,000 Mann‹ – hören Sie das, Herr Diaconus – ›90,000 Mann überschreiten in diesen Tagen den Rhein – 90,000 Mann fliegen Euch mit triumphirendem Siegesschrei an das Bruderherz. Oeffnet Eure Arme sie zu empfangen und reicht Euch dann die Hände zum fröhlichen Spiel. Unsere Schwerte sollen die Schläger und Kronen die Bälle sein, mit denen wir die Zeit verkürzen, bis wir des Spaßes müde sind, und den Plunder bei Seite werfen. Es lebe die Republik!‹«

»Und das steht gedruckt?« sagte der Gerichtsschreiber erstaunt und drängte sich durch die Bauern, die den kleinen Mann umstanden.

»Das steht gedruckt« lachte dieser triumphirend, »und Einer unserer thätigsten Kämpfer der Freiheit, unser Dr. Wahlert, durchstreift schon seit vierzehn Tagen das Land im fröhlichen Pilgerzug, die Guten zu sammeln und zum festen Werke zu einigen.«

Neben dem Ofen saß eine eng in sich zusammengekauerte Frauengestalt, die bis jetzt wenig oder gar keinen Antheil an dem Gespräch gezeigt hatte, nur daß sie manchmal, wenn Einer oder der Andere der Männer sprach, den matten Blick zu ihm hob, dann aber gleich wieder in ihre alte Stellung zurückfiel. Jetzt bei dem letztgenannten Namen aber, zuckte sie rasch und heftig empor, und schaute, während der folgenden Unterredung bald die sich dabei Betheiligenden, bald die Umstehenden, scheu und ängstlich an.

»Wahlert?« sagte der Diaconus, »ist, wie ich heute als ganz gewiß gehört habe, in der Stadt wegen offenen Aufruhrs und überwiesenen verbrecherischen Verkehrs mit den Feinden des Vaterlandes verhaftet und eingezogen worden; man spricht davon, daß er das Zuchthaus besuchen würde.«

»Hahaha« lachte der kleine Doctor, »die Nürnberger hängen keinen, sie hätten ihn denn erst; eben habe ich Briefe mit der Botenfrau aus der Stadt bekommen, daß Wahlert heute allerdings sollte verhaftet werden. Er erhielt aber vorher einen Wink, entzog sich der Ausführung durch die Flucht und ist, wenn auch verfolgt, doch noch nicht eingefangen; die nach ihm ausgesandten Polizeiknechte sind wenigstens unverrichteter Sache zurückgekehrt.«

Die Thür ging in diesem Augenblick auf, und der alte Jäger trat, einen kurzen Gruß links und rechts hinübernickend, in die Stube.

»Annegrethe, mein Bier,« sagte er, während er sich auf seinen gewöhnlichen Platz zwischen dem Fenster und dem Schenkstand niederließ – »aber ein wenig warm.«

»Weiß es Herr Förster,« rief das flinke Mädchen, und füllte das hochaufschäumende Glas aus dem schon vorher, in Erwartung des Kommenden, warm gestellten Blechmaaß, drängte sich dann damit, zwischen der jetzt aufgerichtet neben dem Ofen stehenden Frau – unserer Bekannten von dem nämlichen Morgen her, und dem auch eben erst gekommenen Röhrmeister durch, und stellte das Glas, mit einem freundlichen Knix vor den mürrisch herumschauenden Jäger hin.

Die Unterhaltung war durch den Eintritt der Beiden, nach denen sich die Meisten umschauten, einen Augenblick in's Stocken gerathen.