Der Vater war mit dem Hülfslehrer schon vorausgegangen, und die feierlichen Klänge der Orgel grüßten sie, als sie in das kleine, mit bunten Bildern, Ernte- und Todtenkränzen und grobgeschnitzten Statuen von Märtyrern und frommen freigebigen Rittern geschmückte Heiligthum trat.


Von dem Hügel aus, auf dem die Schenke stand, konnte man das ganze Rauschenthal nach Westen zu übersehen, und ein lieblicher Anblick war es, den die weite, fruchtbare, nur hie und da mit dunklen Waldschatten durchzogene, und im fernsten Hintergrund von blauen Bergwänden begrenzte Ebene dem Auge bot. Tief unten schäumte der Strom, aber nur da, wo er sich, etwas weiter südlich, in leisem Bogen nach der Försterwohnung hinüberzog, ließ sich ein kleiner Theil seines in der warmen Frühsonne blinkenden Wassers erkennen, sonst deckte theils der baumbepflanzte Hügel, theils die unten angebauten Häuser seine Fläche. Aber drüben, am anderen Ufer, wechselte dafür der Farbenschmuck der frisch keimenden Felder um so freundlicher und belebter; breite Rapsflächen stachen mit ihrem saftigen Grün wohlthuend gegen das düstere Braun der Sturzäcker ab, junger Kieferschlag umdämmerte weite langgedehnte Wiesengründe und mehr nach Norden hinauf, gerade zwischen dem schwarzen Nadelholz des diesseitigen, und dem noch unbelaubten Eichenhügel des jenseitigen Ufers hin, blitzte ein klarer, weidenumschlossener Wasserspiegel, der große herrschaftliche Fischteich des dicht benachbarten Gutes, wie eine glänzende Perle aus ihrer matt smaragdenen Fassung, leuchtend hervor.

Oben um die Schenke herum war Alles still und wie ausgestorben; des Pastors schwerstes Interdikt lag auf dem, der während der Kirche es gewagt hätte die Schenke zu betreten und es schien ordentlich als ob sich der Wirth selber scheute in seine eigene Stube hinein zu gehn, denn er trieb sich faul und schläfrig unter der Linde auf dem freien Platz vor seinem Haus herum, und schaute nur manchmal ungeduldig nach dem über die Pfarrwohnung vorragenden Kirchthurm hinüber, ob die Zeit denn noch nicht bald heranrücke, wo seine Gäste, aus der Kirche zurückgekehrt, ihre nicht mehr als billige Station in der Schenke machten.

Seine Frau und Mutter, und Magd und Knecht, alle waren sie fort, Gottes Wort zu hören und nur das eine gewährte ihm jetzt eine wirklich vollkommene Beruhigung, daß er heute einmal ganz hinlängliche Entschuldigung hatte nicht auf seinem Stuhl gerade vor der Kanzel (er war übrigens fest entschlossen den Platz von Ostern an aufzugeben und einen bescheidneren mehr seitwärts zu nehmen) zu sitzen und sich zwei volle Stunden lang die größt möglichste Mühe zu geben munter zu bleiben.

Im Garten aber, der westlich vom Hause und durch breitbuschige Hecken links von dem Dorfe und rechts von einem vorbeiführenden Wege abgeschnitten lag, saß auf einem kleinen sonnigen Rasenfleck, das Antlitz dem vor ihr ausgebreiteten lieblichen Thal zugewandt, die Schulter gegen einen stämmigen Aepfelbaum gelehnt, die Hände im Schooß gefaltet, den Kopf gesenkt, wie im Anschaun des Waldgrundes vertieft, doch aber auch wieder mit einem Blick, der nur an leerer Luft zu haften schien, Maria, die Tochter des alten Musikanten.

Lange hatte sie schweigend so dagelehnt, und wohl recht trübe traurige Gedanken mochten es sein, die dem armen kranken Kinde durch Herz und Seele zogen. Endlich strich sie sich mit der Hand, als ob sie dem Schmerze wehren wolle, über die Augen, seufzte tief auf und pflückte, wie um sich zu zerstreuen, ein paar neben ihr wachsende Veilchen ab. Doch auch das war nicht im Stande ihre Aufmerksamkeit zu fesseln; die Blüthen entfielen unbeachtet ihrer Hand, der Blick haftete wieder fest und seelenlos am fernen Horizont und die Lippen öffneten sich endlich zu einem leisen schwermüthigen Lied, das sie mit wunderbar klangvoller aber nur halblauter Stimme sang und die beiden zarten Hände dabei fest und krampfhaft auf dem Herzen faltete:

»So will ich denn nun von hinnen gehn,

Und will Dich auf immer verlassen;

Gebrochen hast Du mir Deinen Schwur