»Von Horneck,« bestätigte der Greis.
»Heißt Ihr Horneck?«
»Seh' ich aus wie ein Adelicher?« lächelte der alte Mann.
»Ih nun« brummte der Fremde, und warf einen finsteren Blick nach der Häusermasse des kleinen Orts hinüber; »nach einer Weile könnte das wahr werden – jetzt ist's freilich noch nicht – wenn Ihr aber der Schulmeister vom Dorfe seid, und uns Euer Frühstück schenkt, so muß ich mich wohl, und das recht herzlich dafür bedanken; die Schulmeister haben sonst auch gewöhnlich nicht viel wegzuschenken.«
»Besonders der von Horneck,« sagte Papa Kleinholz mit einem wehmüthigen Zug um die Lippen, der in diesem Fall wohl eben wieder zu einem Lächeln werden sollte, es aber doch nicht im Stande war, und nur zu einer leisen, kaum bemerkbaren Bewegung der Lippenmuskeln wurde, – »nun, es hat jeder sein Bündel Leid und Noth zu tragen, und da darf man nicht murren, wenn unseres vielleicht ein klein Bischen größer ist, als das des Nachbars; der Eine vermag auch mehr zu tragen, als der Andere, und der liebe Gott theilt das eben jedem nach seinen Kräften zu.«
»Herr Gott, was müssen wir doch für Riesen sein, Marie;« lachte der Alte, und wandte sich nach seiner Tochter um; die aber antwortete Nichts, nahm ihm nur das vom Schulmeister erhaltene Frühstück – ein Stück trockenes Brod – aus der Hand, brach sich einen kleinen Theil davon ab, und verzehrte es schweigend. – Ihr Blick heftete in dem Thale unten an irgend einem Gegenstand – sie sprach kein Wort und verzog keine Miene.
»Eure Tochter ist wohl stumm?« frug mit mitleidigem Blicke der Schulmeister.
»Stumm? nein,« lautete die Antwort, »nur maulfaul – sie denkt wahrscheinlich viel, aber sie hat die Gabe nicht, es von sich zu geben. Schade drum, die Welt wird viel verlieren.«
Ein vorwurfsvoller Blick des Mädchens fiel auf den Vater, als er die Worte sprach, doch es war nur ein Blick, und es wandte rasch wieder den Kopf. Dem Schulmeister fing es aber an unheimlich bei den Beiden zu werden. Das Mädchen hatte augenscheinlich schon bessere Tage gesehn; ihr Anstand war edel und selbst die Züge verriethen einen Grad von Ueberlegenheit, der um so auffallender gegen das gleichgültige Wesen ihres Begleiters abstach. Auch ihr Anzug gab Zeugniß einer besseren Zeit und ganz verschiedener Verhältnisse, wenn nicht die Ueberreste der Kleider von mitleidiger Hand kamen, und jetzt nur, wie zu Spott und Hohn die hageren Glieder mehr verhüllten als bedeckten.
Marie, wie sie der Alte nannte, trug ein zerrissenes, beschmutztes Kleid von schwerer schwarzer Seide, das an mehreren Stellen durch Stücken bunten gewöhnlichen Kattuns, ja über dem linken Aermel sogar mit Bindfaden zusammengehalten wurde. Die bloßen Füße staken in zerrissenen, aber feinen, mit Pelz noch hie und da verbrämten Lederschuhen, und den Kopf bedeckte ein sonngebleichter blauer Atlashut, von dem jedoch jeder Zierrath, der ihn sonst vielleicht bedeckte, heruntergeschnitten war, während darunter einzelne unordentliche Locken des üppigen Haares hervorquollen. Die Arme trug sie bloß, und einen in früherer Zeit vielleicht schön gewesenen Shawl, der aber jetzt durch Straßenschmutz und Regen höchst unansehnlich geworden, hatte sie, als sie mit ihrem Vater an dem jetzigen Ruheplatze angekommen, fest um sich hergeschlagen, jetzt aber, durch was nun auch ihre Aufmerksamkeit abgelenkt sein mochte, nachlässig niederfallen lassen, daß der bleiche Nacken, unter dessen durchsichtiger Haut die blauen Adern schimmerten, und die eine Schulter hervorschaute.