»Nun, kannst du den Mund nicht aufmachen, Mamsell?« fuhr sie nach kurzer Pause der Alte noch einmal an, »oder ist die Madame vielleicht heute Morgen nicht zu sprechen, und läßt sich absagen?«
Das Mädchen erwiederte keine Silbe, schien auch den Hohn, der in den Worten lag, gar nicht zu beachten oder zu bemerken, und deutete jetzt nur schweigend, mit der rechten, abgemagerten Hand nach dem Thale hinunter, wo sich eine Gruppe bewegte, die auch die Aufmerksamkeit der Männer, sobald sie ihrer nur ansichtig wurden, im höchsten Grade fesselte, und jedes weitere Gespräch für den Augenblick abschnitt.
Das Thal, durch welches sich ein schmaler Fußpfad links hinüberwand, und der, nach dieser Richtung hin etwa eine halbe Stunde entfernten, zur Residenz führenden breiten Chaussee zulief, war ziemlich offen und nur größtentheils von nackten Feldern und Wiesenstrichen durchkreuzt; erst gegen den Fuß der Anhöhe hin bildeten sich kleine, der Höhe zustrebende Schluchten, die mit niederem aber dichtem Gebüsch bewachsen, schon gewissermaßen die Vorpostenkette der stattlicheren Waldmassen bildeten, welche nachher von der Kuppe des Berges aus weit hin gen Norden und Osten zogen.
Zwischen diesen Schluchten lagen immer wieder freie Feldstrecken, und gegen den Kamm des Hügels hin, wo wir gerade den Schulmeister mit den beiden Fremden verlassen haben, verschwanden auch die Büsche, so daß hier eine einzige ununterbrochene Fläche diese von dem Walde selber vollkommen abschnitt. Nur ein kleines Weidendickicht lag gerade mitten auf der Kuppe, und dahinter hin dehnte sich, durch mehrere hier kräftig vorsprudelnde Quellen erzeugt, ein schmaler Streifen sumpfigen Moorgrundes aus.
Ueber das offene Feld aber, das noch unterhalb der Schluchten, und von dem Fußpfad durchzogen lag, lief, als die Dreie eben dort hinüberschauten, ein Mann, und schien mit aller nur möglichen Kraftanstrengung den nächsten Büschen zuzustreben. Hinter ihm aber, in kaum zweihundert Schritten Entfernung, sprengte ein Reiter, und trieb mit Peitsche und Sporn sein Pferd zu wildester Eile an, um den Flüchtigen einzuholen, oder ihn doch wenigstens von dem schützenden Dickicht abzuschneiden, wo Verfolgung im Sattel unmöglich gewesen wäre, und ihn aufzuhalten, bis ein anderer Hülfstrupp, der aus vier Fußgängern bestand, und ebenfalls so rasch als möglich, aber schon anscheinend erschöpft, herbeistürmte, die Anstrengungen des Berittenen zu unterstützen vermochte.
Der Flüchtling zeigte übrigens, wenn er Grund und Boden, auf dem er sich befand, nicht schon von früher kannte, einen so richtigen Blick in der Richtung, die er einschlug, und der Bahn, der er folgte, daß er nicht allein die für den Reiter schwierigsten Stellen rasch nach einander benutzte, sondern auch den alten Musikus durch seine Kraft und Gewandtheit zu lauter Bewunderung hinriß.
»Bei Gott!« rief dieser, »das ist nicht das erste Mal, wo der einem Gensdarmen aus dem Wege geht – hurrah mein Junge – nur noch ein paar Minuten ausgehalten, und der Schnurrbart mag nachher sehn, wo er zuerst in den Büschen hängen bleibt – hurrah mein Herzchen – das ist recht – ha ha ha – wie der die kleine Hecke und den Dornenbusch benutzt – jetzt links mein Schatz – noch mehr links, nachher kommen die Steine, und in denen bricht er Hals und Bein, wenn er sich hineinwagt – so brav – so brav, hol' mich der Teufel, das war ein kapitaler Sprung – jetzt hinein in's Dickicht – ha ha ha ha das thuts, das war famos ausgeführt:
»Heißa juchheißa, die Hetze ist aus,
Guten Morgen Herr Förster, itzt gehn mer zu Haus;
Itzt gehn mer zu Haus und itzt gehn mer zu Bett,