Der Schulmeister von Horneck war mit seiner ganzen Häuslichkeit einzig und allein auf die allgemeine Schulstube beschränkt.

Außer dieser besaß er, zu seiner eigenen Verfügung gestellt, nur ein kleines, kaum an Raum hinlängliches Käfterchen, wo er mit den Seinen, mit all seinen Kindern schlafen konnte – ein anderer, ebenfalls unter das Dach gedrückter und noch viel kleinerer Raum konnte dem Hülfslehrer angewiesen werden, und die dunstige Schulstube, die überdies so feucht lag, daß alle zwei Jahre neue Dielen gelegt werden mußten, [1] war Wohn-, Studier- und Kinderstube des armen Schulmeisterleins. Der Pastor hatte hinlängliche Räumlichkeit, ja, ihm ist sogar im Gesetz ein Platz zur Studierstube ausdrücklich bestimmt; daß aber der Lehrer, der sich doch auf seine Stunden ebenfalls, und eigentlich mehr noch vorbereiten muß als der Pastor auf die allwöchentliche – Gott weiß am Besten wie oft schale und wässerige – Predigt – daß dieser, sage ich auch, ein Zimmer haben sollte, in dem er ungestört von Kinderlärm existiren, wo er die kurze Zeit wenigstens, während er keinen Unterricht giebt, eine reine, gesunde Luft athmen müsse, um nicht erst körperlich und dadurch endlich auch geistig zu Grunde zu gehen, das scheint den Herren bis jetzt keineswegs eine dringende Nothwendigkeit gewesen zu sein. Ich weiß allerdings recht gut, daß es in den meisten Schulwohnungen wirklich der Fall ist, aber nicht geringere Schmach trifft deshalb, wenn das auch nur an einem einzigen Orte geduldet werden konnte, die, deren Aufsicht dort die Bildung der Jugend anvertraut worden.

Wenn auch Hennig besonders darauf sah, daß die Stube fortwährend gelüftet wurde, und Lieschen das Ganze so reinlich hielt, wie es nur möglicher Weise gehalten werden konnte, der eigenthümliche Dunst, der zuerst von den feuchten Dielen ausging, und dann überhaupt auch einer Schulstube immer eigen ist, konnte durch alle Vorkehrungen und Anstrengungen nicht abgehalten, oder wenn er sich gebildet hatte – entfernt werden – die Brust vermochte in der schweren Atmosphäre nicht frei zu athmen, und nur die Gewohnheit war im Stande, eine Existenz an solchem Orte einigermaßen erträglich zu machen.

Die Ecke hinter dem Ofen diente der ganzen Familie, wie auch dem Hülfslehrer, der in seinem Schlafkäfterchen keinen Raum hatte, einen Arbeitstisch aufzustellen, zum gewöhnlichen Aufenthalte, und nur wenn Hennig etwas recht Nothwendiges zu arbeiten hatte, was eben unten nicht möglich war, dann ging er hinüber zum Diaconus, der ihm das erlaubt hatte, und benutzte dessen freundlich sonniges Stübchen.

Daß aber die arme Schulmeisters Familie unter solchen Verhältnissen von einer bequemen und nur einigermaßen freundlichen Wohnlichkeit absehen mußte, versteht sich von selbst. Die sämmtlichen Möbeln, die sie hier möglicher Weise aufstellen konnten, bestanden in einer großen Kommode, die zugleich zum Bücherschrank und zur Speisekammer diente, in drei Holzstühlen, einem festen Tisch von Eichenholz und einem in der Ecke befestigten abgerundeten Bret, auf dem eine grüne Glasflasche mit hineingestecktem halb niedergebrannten Talglicht und ein irdener Wasserkrug standen. In diesem engen Raume, der von der allgemeinen Schulstube gerade auf dieselbe Art geschieden war, wie man wüste Territorien und Länder von einander scheidet – durch eine gedachte Linie – lebte Vater Kleinholz mit sieben lebendigen, regen, muntern und durch Lieschen's aufopfernden und nimmer rastenden Fleiß auch reinlich gehaltenen Kindern. Seine zweite Frau, die Mutter seiner Kinder, hatte er vor wenigen Sommern zu Grabe getragen.

Vater Kleinholz lebte dort, sagte ich, d. h. er existirte – aber wie? – Auf welche Art wurde ein Leben erhalten, das von einer ganzen Gemeinde bestimmt war, die Jugend zu braven, wackeren und tüchtigen Gliedern der menschlichen Gesellschaft heranzubilden?

Ursprünglich war der ganze Gehalt, den der Mann für seine Leistungen als Schulmeister, Organist, Kirchner oder Küstner und Glöckner bezog, Einhundert und funfzig Thaler gewesen – und es ist das nicht etwa eine der schlechtesten Stellen unseres Vaterlandes, denn sie gehen bis zu hundert und zwanzig Thaler jährlich, ja wohl noch tiefer hinunter. Papa Kleinholz gehörte aber zu den wenigen Menschen, die außer dem Nothwendigsten, keine Bedürfnisse kennen. Mit wenig Kenntnissen allerdings ausgestattet, machte er aber auch dafür wenig Ansprüche, schien zufrieden, wenn er so viel hatte, wie der geringste Tagelöhner zum Leben brauchte (und auf mehr konnte er mit seiner großen Kinderzahl auch kaum rechnen) und that seine Pflicht, so viel das in seinen Kräften stand und mit so freudigem Eifer wie nur irgend ein anderer Schulmeister im weiten Lande. Die Kinderzahl im Dorfe nahm aber in demselben Verhältnisse fast zu, als seine Kräfte abnahmen, es wurde deshalb nöthig, ihm wenigstens einen Hülfslehrer zu geben, und zu der Zeit und gleich nach seiner Frau Tod war Hennig hierher berufen worden.

Die Stelle selbst trug jedoch nur 150 Thaler, die Regierung legt in solchem Falle Nichts hinzu, die Gemeinde kann es nicht, und das, was der ganzen Gemeinde als unmöglich zugestanden wirdmuß der arme Schullehrer mit seiner großen Familie und seinen 150 Thalern allein bestreiten. Papa Kleinholz hatte an den Hülfslehrer Hennig 40 Thaler abzugeben und ihn in Kost und Logis zu nehmen.

Von dieser Zeit an begann eine schwere sorgenvolle Zeit für den armen alten Mann, und sie wäre wohl noch viel schwerer und sorgenvoller geworden, hätte er an Hennig nicht einen so wackeren und gutmüthigen Gehülfen gefunden, der wirklich Alles that, was in seinen Kräften stand (wenn das auch noch so wenig sein mochte) ihm seine trübe Lage zu erleichtern. Der Druck des ihm vorgesetzten Geistlichen lag damals auch sehr gewichtig auf dem armen, so schon genug geplagten Greis, das aber empfand er weit weniger als vielleicht mancher Andere an seiner Stelle. Aufgewachsen im alten Zwang und an die fast knechtische Ehrfurcht gegen den geistlichen Vorgesetzten gewöhnt, fühlte er nicht das oft Demüthigende und Unwürdige einer solchen Behandlung und freute sich nur, wenn ihm einmal ein wohlgefälliges Lächeln, ein Wort der Zufriedenheit – und wie selten wurde das dem armen alten Manne – für unausgesetztes Mühen und Leiden lohnte.

Nur das eine machte ihm manchmal Sorge und trübte den sonst so klaren Blick, wenn er in die Zukunft hinüberschauen wollte – der Gedanke an seinen Tod, und was dann aus den Seinen werden sollte, oder – das noch fast Schlimmere – wenn er die Zeit überleben würde, in der er wirken und schaffen konnte, und nun – emeritirt, das heißt mit einem Drittel seines jetzigen Gehaltes, also mit funfzig Thalern jährlich – in Ruhestand versetzt worden wäre – Funfzig Thaler und sieben Kinder – selbst der alte geduldige Mann schüttelte bei dem Gedanken den Kopf und es kam ihm dann manchmal vor, als ob sein Stand doch ein recht schwerer und keineswegs hinlänglich und ausreichend belohnender sei. Doch vertraute er auch in der Hinsicht wieder vollkommen auf eben seinen Vorgesetzten, denn Pastor Scheidler hatte ihn mehr als einmal und zwar unaufgefordert versichert, er würde später, wenn er, der Schulmeister, einmal nicht mehr so recht ordentlich fort könnte, Alles thun, was in seinen Kräften stehe, ihn zu unterstützen – und was stand nicht Alles in den Kräften eines so einflußreichen Mannes – oho, für Papa Kleinholz war hinreichend gesorgt, der brauchte sich keinen unnöthigen und unzeitigen Kummer zu machen.