Diese stille, anspruchslose hoffende Zufriedenheit sprach sich denn auch nicht allein in seinem Wesen und Charakter, sondern auch in seiner ganzen sonstigen Umgebung vollkommen und deutlich aus. Selbst das kleine Winkelchen, was ihm in der dunstigen Schulstube zum eigenen Aufenthaltsort gelassen worden, war mit den wenigen Mitteln, die ihm zu Gebote standen, ausgestattet, ja ausgeschmückt. Auf der breitbauchigen Kommode – wahrscheinlich einem alten Erbstück vergangener Zeiten – stand in der Mitte ein großer Pokal aus gegossenem Glas, ein Hochzeitsgeschenk seiner Gemeinde; daneben lehnten in zwei langen Biergläsern (von denen das eine aber gesprungen und mit Bindfaden wieder gebunden war) zwei lange braunfedrige Schilfblüthenbüschel und über dem Ganzen hing ein breiter Kranz von gelben und rothen Strohblumen, mit einem großen weißen K in seiner Mitte.
Ein kleiner Spiegel in roth lackirtem Rahmen, der die ihm anvertrauten Gesichter auf das Scheußlichste entstellt zurückgab, vollendete den ganzen Zierrath des sonst in jeder Beziehung ungemüthlichen Raumes, und selbst der morsche, mit zerrissenem Lederwerk überzogene alterschwache Sorgenstuhl des Papa Kleinholz vermochte nur wenig dazu beizutragen, diesem Orte auch das Aussehn zu geben, als ob er wirklich dazu bestimmt sei, einem Manne zur bleibenden Stätte zu dienen, von dem man als Lehrer jedenfalls Bildung erwarten und verlangen konnte.
Papa Kleinholz saß in diesem Sorgenstuhle – neben ihm auf dem schmalen Tische dampfte seine zweite Tasse Kaffee, in den er heute, als an einem Sonntage, von dem wirthschaftlichen Lieschen auch Sahne bekommen hatte (welcher Luxusartikel sich übrigens keineswegs auf den übrigen Theil der Familie mit ausdehnte) und sein Blick hing sinnend und ernst an dem verblichenen, wohl schon Jahre alten Kranz, der sicherlich irgend einen der wenigen und bescheidenen Freudentage in sein Gedächtniß zurückrief, die eine frühere Zeit für ihn gehabt, denn jetzt, armer alter Mann, wo Du eigentlich den Lohn Deines jahrelangen Mühen und Fleißes erndten solltest, jetzt lag das Leben trüb und traurig vor Dir und seine Rosen blühten nur in der Vergangenheit.
Der Hülfslehrer Hennig stand mit Lieschen an dem einen Fenster, das auf den schmalen betretenen Pfad nach der Pfarrwohnung hinaussah, und das stets muntere lebensfrohe Mädchen – lebensfroh in ihrer freudigen Hoffnung und Zuversicht auf eine bessere Zukunft – war emsig bemüht, dem, besonders seit einigen Tagen auffällig ernsten und fast schwermüthigen jungen Mann etwas aufzuheitern und womöglich auch die Ursache seines Trübsinns nicht erst zu erfahren – nein, die wußte sie, wie wir früher gesehen haben, schon lange – nur von seinen eigenen Lippen und mit seinen eigenen Worten zu hören.
Hennig blieb aber still und schweigsam, antwortete ihr auf ihre Fragen nur einsylbig und schien überhaupt viel lieber seinem eigenen Nachdenken überlassen zu bleiben, als diesem, und damit auch vielleicht den zugleich heraufbeschworenen Bildern und Phantasien entzogen zu werden. Er hielt ein Zeitungsblatt, das er vorher gar aufmerksam wohl drei bis vier Mal durchgelesen, in der Hand.
Die Kinder spielten draußen auf dem sonnigen Plane, bauten (denn Herr Hennig hatte ihnen das in den letzten Stunden ausführlich erklärt und beschrieben, wie es jetzt in den großen Hauptstädten Deutschlands hergegangen sei) aus Trögen, Bänken, Sägeböcken und Bretstücken Barrikaden und Festungen und stürmten diese, wenn kaum errichtet, nach Herzenslust.
Da klopfte es an die Thür der Schulstube, und auf das rasche »Herein« öffnete sie Pastors Köchin, die gerade aus der Küche vom Aufwasch zu kommen und in größter Eile zu sein schien, nur eben weit genug, um in ihrer derben, aber nichtsdestoweniger freundlichen Art hereinrufen zu können:
»Gott griß Uech mitenanger – der Schulmeester sulle doch mit 'em Herrn Hennig uffn Ogenblick nach'm Herrn Pastor 'riber kommen, er hätte emm was ze sagen.«
Und ohne weitere Antwort abzuwarten, und überzeugt, daß sich die Erfüllung der Aufforderung ganz von selbst verstände, drückte Rieke die Thür wieder in's Schloß, und lief spornstreichs zu Hause zurück, um dort mit ihrer Arbeit bei Zeiten fertig zu werden, und heute Abend den angekündigten Tanz ja nicht zu versäumen.
»Zum Herrn Pastor?« sagte Kleinholz und setzte verwundert die Kanne nieder, die er eben gehoben hatte, seine dritte und letzte Tasse einzuschenken – »ich denke, der ist in die Stadt gefahren, wozu hätte ich denn sonst heute Nachmittag in der Kirche lesen müssen?«