»Der Herr Pastor wird wohl den Nachmittag ein Bischen geschlafen haben,« sagte da Lieschen – »Carl warf sich die Nacht so im Bette herum, und wie ich aufstand, sah ich drüben in der Pfarre noch Licht – der Strahl fällt hinüber auf das gegenüber liegende Scheunendach und man konnte es von oben aus deutlich erkennen – wahrscheinlich ist er spät aufgeblieben, um seine Predigt zu studieren.«

»Was werden wir denn da nur sollen?« sagte Papa Kleinholz, und stand etwas ängstlich von seinem Stuhle auf, »ich weiß doch nicht, daß etwas vorgefallen wäre.«

»Aber, lieber Vater, so trink doch nur erst deinen Kaffee,« bat Lieschen, »er wird Dir ja ganz kalt bis Du wieder herüber kommst, und gewärmt schmeckt er doch auch nicht.«

»Nein, der Herr Pastor wartet,« sagte der alte Mann, und schaute sich nach seinem Hute um; »er ist so, wenn auch ohne meine Schuld, böse auf mich.«

»Trinken Sie nur erst Ihren Kaffee, Herr Kleinholz,« bat ihn jetzt aber auch Hennig, »ich gehe keinen Schritt eher aus der Stube – der Pastor mag warten.«

»Ja aber Kinder,« bat der Greis – »ich weiß doch nicht –«

»Ungehorsam wird nicht geduldet,« lachte Lieschen, faßte den Vater an den Schultern und zog den nur noch schwach Widerstrebenden langsam in seinen Stuhl zurück.

»Wenn ich nur wüßte, was er von uns will,« sagte der alte Mann, nachdem er den heißen Trank mit größtem Eifer eine Weile geblasen hatte, bis ihm selbst die Pfeife darüber ausgegangen war – »Sonntag Nachmittag – das ist doch etwas ganz Außergewöhnliches – und wir alle Beide.«

»Machen Sie sich keine Sorge, guter Herr Kleinholz,« lächelte Hennig, als er das ängstliche Gesicht selbst des armen Lieschen bemerkte, das durch des Vaters Angst angesteckt schon nichts Geringeres befürchtete, als eine strenge Strafpredigt, weil ihr Fritz heute auf die Jagd gegangen. Daß ihr Vater und der Hülfslehrer deshalb gar nicht verantwortlich sein könnten, fiel dem armen Kinde nicht einmal ein, es war das Einzige auf der weiten Gotteswelt, was ihr Gewissen drückte, und all' ihre Angst und Sorge um den armen Jungen, ihren Fritz, der ja doch wohl nur geglaubt hatte, seine Schuldigkeit zu thun, lag in dem ängstlich scheuen Blick, den sie auf den Hülfslehrer wandte, als ob sie von dem ihrem Vater an Kenntnissen weit überlegenen jungen Manne, der überdieß in der Residenz erzogen und ein »Städter« war, Trost und Hülfe erwarte.

Doch auch dieser stand jetzt, den Ellbogen gegen die Wand, und die Stirn in seine Hand gestützt, am Fenster, und schaute in trübem Sinnen über das kleine Gärtchen hinaus nach dem fernen Schwarzholz hinüber; ja selbst die Kinder hatten aufgehört zu spielen, als sie Pastors Köchin in die Schulstube gehen sahen, und eine so gedrückte, ängstliche Stimmung herrschte plötzlich in dem noch vor wenig Augenblicken so freundlich stillen Raum, daß sich auch Lieschen nicht mehr widersetzte, als der Vater noch im Aufstehen seine Tasse leerte, die Kanne zurückschob und nach seinem Hute griff.