»Kommen Sie, Hennig, wir wollen doch sehen, was der Herr Pastor von uns will!«
»Ich kann mir's etwa denken,« erwiederte Hennig, während er seinem Beispiel folgte, und langsam zur Thüre schritt.
»Denken?« frug Lieschen schnell, wurde aber plötzlich feuerroth und schwieg, Hennig, der ihr Erröthen jedoch nicht bemerkte, sagte halb lachend:
»Eine Ermahnung wird's sein, uns, als würdige Diener der Kirche, von der politischen Bewegung der Gegenwart fern zu halten – nicht daran zu denken, uns von unserer Mutter – der Kirche nämlich – los zu sagen, wie das gottlose Menschen in der Welt draußen gethan, und, wie bisher, liebe folgsame, geduldige Schaafe zu sein – unter unserem Hirten, dem Herrn – das wird's sein, was er uns zu sagen wünscht.«
»Ja aber solche Sachen wollen wir gar nicht«, lächelte Papa Kleinholz schon bei dem Gedanken an einen derartigen Frevel – »Du lieber Gott, wir sind hier zufrieden, wenn uns die Menschen nur in Ruhe lassen, wir selber wollen gern nicht mit Ihnen anbinden, nicht wahr, Hennig?«
»Was hülfe es uns auch, – was hülf' es dem Einzelnen?« sagte Hennig mit tiefem schmerzlichen Seufzer, »die Stimme eines armen Dorfschulmeisters würde verhallen, wie eine Stimme in der Wüste, und – wer weiß, ob unser Loos nicht nachher noch am Ende gar ein schlimmeres, gedrückteres würde, – aber kommen Sie, kommen Sie, – wir werden ja hören.«
Die Männer schritten rasch der Pfarrerwohnung zu, Lieschen aber trat an's Fenster, von wo sie den Weg dorthin überschauen konnte, und so lange sie im Stande war, ihnen mit den Augen zu folgen, geschah das, als sie aber um die Kirche herumgebogen waren, schlich sie wieder zurück zu ihrem Nähplätzchen, wo der Holunder schon seine frischen Blätter gegen die Scheiben drückte, stützte da das kleine Köpfchen in die Hand, und sann und sann, und ward endlich sogar unwillig über sich selbst, daß sie gar nicht heraus bekommen konnte, weshalb sie eigentlich heute nur so traurig und betrübt wäre.
In des Pfarrers Studierstübchen, wo indessen die Papiere und Bücher wieder mit manchem schweren Seufzer, und mancher leise, ganz leise geflüsterten, aber deshalb nicht weniger herzlich gemeinten Verwünschung, geordnet waren, saß in der einen Ecke des Sophas der Herr Pastor Scheidler, in der anderen, aber wie aus ehrerbietiger Scheu auf der kleinsten, unbedeutendsten Ecke, die sein Gewicht kaum noch zu tragen im Stande war, Papa Kleinholz, der Schulmeister. Vor dem Tisch dagegen, auf hingerücktem Stuhl, Hennig, und am Fenster lehnte, ein Buch durchblätternd, ohne dem Inhalt jedoch viel Aufmerksamkeit zu schenken, der Diaconus.
»Lieber Schulmeister,« sagte endlich der Pastor, nachdem die ersten höflichen Begrüßungen und Gesundheitsfragen vorüber waren, und er den Männern jedem eine Cigarre angeboten hatte, die sich der Diaconus gleich am Feuerzeug anbrannte, während sie die beiden Schullehrer unangezündet in der Hand behielten – »ich hab Sie blos rufen lassen, um einmal ein paar Worte mit Ihnen und Herrn Hennig über die Tagesfragen, die uns denn doch immer dringender an's Herz gelegt werden, zu sprechen. Sie haben sicherlich schon über das neue Verhältniß nachgedacht, lieber Kleinholz, das mein' ich, was da entstehen wird, wenn man Kirche und Schule von einandergerissen hat, wie es die Neuerer so gerne heut' zu Tage wollen, und wie selbst in letzterer Zeit in Ihrem eigenen Stande – ich will nur Kell in Leipzig nennen – Stimmen laut geworden sind, die ihrer Collegen Herzen für diese angebliche Freiheit zu entflammen suchen – Sie haben sicherlich, sag' ich, schon darüber nachgedacht?«