»Ich? – Bitt' um Verzeihung, noch im Leben nicht,« rief Vater Kleinholz so rasch, und in so augenscheinlicher Verlegenheit, daß sich der Diaconus, ein Lächeln auf den Lippen, ab und dem Fenster zuwandte, und Hennig blutroth – aus Scham für seinen alten Freund – wurde.
»Das wäre in der That viel,« lächelte freundlich, die Hände dabei gefaltet, und die beiden Daumen fest gegeneinander gestemmt, der Pastor – »sehr viel, und ein seltenes Beispiel für unsere aufgeregte Zeit; – aber Sie doch wohl dagegen desto mehr, Herr Hennig,« und sein forschender Blick haftete, unter den kurzen borstigen Brauen vor, scharf und beobachtend auf dem Hülfslehrer.
»Allerdings Herr Pastor, kann ich nicht läugnen, daß mich die Sache, besonders in den letzten Tagen viel beschäftigt hat«, sagte Hennig, und rückte dabei auf dem Stuhl immer noch etwas verlegen hin und her.
»Sind Sie von selbst darauf gefallen?« frug der Pastor hingeworfen –
»Ja und – nein« erwiederte Hennig – »ja, denn schon seit längerer Zeit, seit einem Jahr wohl – eigentlich seit ich hier bin, hat mich der Gedanke an eine mögliche Selbstständigkeit der Lehrer erfüllt; ich dachte mir immer ein Lehrer sei doch eben – neben dem Geistlichen – das Höchste auf der weiten Gotteswelt, denn durch ihn, durch sein Herz, durch seinen Geist sollte die heranwachsende Generation, von der der Staat, die Welt einst Segen oder Fluch zu erndten habe, gebildet werden; in seiner Hand liegt, ich möchte sagen, fast das Schicksal der jungen Erdenbürger, die er zu edlen Menschen heranziehen, oder – vernachlässigen und dadurch verderben kann.«
»Ja ja, sehen Sie, mein junger Freund,« fiel ihm hier der Pastor, wohlgefällig dabei mit dem Kopfe nickend, in's Wort, »sehen Sie, da kommen wir gerade auf das Kapitel, auf das ich Sie eigentlich haben wollte, das, wie Sie das ganz richtig, ganz vortrefflich schildern, würde der eintretende Zustand der Schule, das Verhältniß des Lehrers zu seinen Kindern sein, wenn die Schule getrennt von der Kirche da stände, oder – mit anderen Worten, der Oberaufsicht der Geistlichkeit, die eben dieses Wirken überwacht, entzogen wäre, in den Händen jedes einzelnen Lehrers würde dann, ich möchte sagen, das Schicksal einer ganzen Gemeinde liegen, und Väter und Mütter dürften keine Nacht ruhig schlafen, aus Furcht, der Lehrer, der jetzt keinem Menschen weiter Rechenschaft schulde, verderbe in der Schule ihr einziges Kind, und schicke es nachher, verwahrlost an Leib und Seele ihnen wieder zu Hause.«
Der Diaconus trommelte an der Fensterscheibe und sah hinaus.
»Ich weiß doch nicht,« fuhr Hennig, durch die Sache selbst etwas wärmer werdend, fort, »ich weiß doch nicht, ob gerade die Oberaufsicht des Geistlichen das zu verhindern im Stande ist; ja, ob es in unseren jetzigen Verhältnissen nicht den Lehrer gerade eher einschläfert, und gleichgültiger gegen seine Erziehungsresultate macht, als es der Fall wäre, wenn auf ihm allein die Verantwortung läge, er allein aber auch die Ehre davon hätte. Jetzt nimmt der Geistliche die Kinder in die Schule auf, und entläßt sie wieder, die Censur kommt ebenfalls vom Geistlichen, der auch die Oberaufsicht der Klassen führt, und von dem Kinde natürlich mit weit höherer Ehrfurcht betrachtet wird, als selbst sein Lehrer, und ich muß aufrichtig gestehen, daß in meiner Brust selber oft die Frage aufgestiegen ist – müssen bei dem Kinde nicht Zweifel entstehen, wem es eigentlich seinen Unterricht zu verdanken habe, und kann es dann die herzliche Dankbarkeit gegen seinen wirklichen Lehrer bewahren, die diesen doch allein in der weiten Gotteswelt, für all' die Noth und Sorge, für all' die Entbehrungen und Aufopferung die ein armer Dorfschullehrer gezwungen ist zu tragen, entschädigen kann?«
»Hm – hm, mein guter Herr Hennig,« sagte kopfschüttelnd und mit einem eigenen Ausdruck in den Zügen, der Pastor, »Sie scheinen mir da die neuen Ideen schon ganz tüchtig eingesogen zu haben – die Saat ist bei Ihnen auf fruchtbaren Boden gefallen, darf man fragen, was den ersten Anlaß dazu gegeben hat?«
Zu jeder anderen Zeit würde Hennig, der doch noch einen tiefgewurzelten Respect vor seinem geistlichen Vorgesetzten im Herzen trug, scheu vor dem fast strengen Blicke des frommen Mannes zurückgebebt sein, und dann hätte ihm auch nicht die Todesangst entgehen können, die bei solchen frevelnden Worten in den stieren, bleichen Zügen des alten Schulmeisters lag, denn der alte Mann saß auf seiner äußersten Sophakante gerade so, als ob es rothglühendes Eisen, und nicht weichgepolsterte Pferdehaarkissen gewesen wären, die er unter sich fühlte. Hennigs Gedanken schienen aber mit seinen letzten Worten auch einen ganz anderen Flug genommen zu haben – starr und nachdenkend schaute er, weder die drohenden Anzeigen in des Pastors, noch die flehenden in seines Seniors Angesicht bemerkend, vor sich nieder, und wurde erst durch die directe Frage des ersteren wieder zu sich selbst gebracht. Rasch richtete er sich empor und sagte, an Papa Kleinholz vorbei nach dem Diaconus, der noch immer am Fenster stand und hinaussah, deutend: