»Den ersten Anlaß gaben Gespräche mit meinem Freunde –«
»Mit mir?« rief der alte Schulmeister, und sprang über das Fürchterliche solcher Beschuldigung entsetzt, von seinem Sitze auf.
»Mit Herrn Brauer,« fuhr Hennig, den Greis beschwichtigend, fort, »den zweiten, stärkeren aber erst in der That heute Morgen, und zwar durch einen Artikel der letzten Nummer der sächsischen Schulzeitung von J. Melde geschrieben, und Aufmunterung betitelt.«
»Sie haben die Zeitung bei sich?« frug der Pastor mit wieder ganz freundlichem aufmunternden Lächeln, das nur dem alten Kleinholz unheimlich vorkam, weil er allein von allen Uebrigen den vorigen Zornesblick aus den nämlichen Augen blitzend, gesehen hatte.
Hennig holte als Antwort das Papier aus der Tasche, und überreichte es dem Pastor, dieser schlug es auf; ein mit Bleistift bezeichneter Satz fiel ihm vor allen Dingen in die Augen, und er las:
»Kann Deutschland frei werden, ohne eine freie Volksschule? Kann das deutsche Volk stark und einig werden ohne eine freie Volksbildung? Können sich die freien Institutionen, welche unsere freisinnigen Fürsten gaben, dauernd erhalten, ohne eine gediegenere Volksbildung? Das sind Fragen, die insonderheit den deutschen Lehrerstand erfüllen sollen.«
»Die Volksbildung kann und darf nicht mehr einseitig und klerikal betrieben, die Lehrer können und dürfen nicht mehr wie Kinder bevormundet und bemaßregelt werden. Die Schule soll und darf nicht mehr als Magd betrachtet und behandelt werden; soll anders der große, himmelanstrebende Bau der deutschen Volksfreiheit nicht wie ein Haus auf Sand gebaut, zusammenstürzen.«
»Ja ja,« sagte er, während er die vorher aufgesetzte Brille wieder abnahm, und neben das Papier legte – »das klingt nicht übel, und ich kann mir denken, wie es durch sein bestechendes Aeußere junge Leute wie Sie sind, lieber Hennig, mit fortreißen mag. Glauben Sie denn aber wirklich, daß uns Geistlichen etwas daran gelegen wäre, die Schule mit der Kirche eng verbunden zu halten, wenn wir es nicht der guten Sache wegen thäten? Glauben Sie wirklich, daß die Schule ohne die Kirche fort bestehen kann? – Sehen Sie, lieber Hennig,« fuhr er fort, ohne dem jungen Manne Zeit zu einer Antwort zu lassen: »Das sind eben Fragen, die dem Publicum hier vorgelegt werden – ich will nicht sagen, um es irre zu machen, aber doch etwa mit demselben Erfolge; Deutschland kann allerdings nicht ohne freie Volksschule – frei werden, wenn Sie es denn einmal so nennen wollen, das deutsche Volk eben so wenig ›stark und einig‹ ohne freie Volksbildung sein, und ebenso gehört eine gediegene Volkserziehung dazu, die Völker der Gaben werth zu machen, die sie bis jetzt von ihren gnädigen Herren und Fürsten erhalten haben. Diese drei Fragen will ich Ihnen also von Herzen gern, und ganz in Ihrem, wie in des Schreibers Sinn, mit nein beantworten, nun aber beweisen Sie mir einmal, daß wir keine freie Volksschule haben; daß unsere freie Volksbildung gehemmt sei, und daß uns nicht Alles freistehe, was wir als vernünftige Menschen thun wollen und können, das Volk gediegener zu bilden? – Hab' ich z. B. Ihrem von Ihnen selbst entworfenen Schulplane je etwas in den Weg gelegt? Hab' ich mich hineingemengt, was Sie den Kindern in Geschichte und Geographie, in freien Ausarbeitungen und Verstandesübungen lehrten? – nie – nur das für den jungen Geist Gefährliche half ich aussondern, und das Erz reinigte ich mit Ihnen von den Schlacken; unsere Schule ist frei, denn daß der Geistliche als der Vorstand derselben dasteht, scheint mir, als Einwirkung auf die Sache selbst, nur von geringer Bedeutung. Uebrigens, und um Ihnen zu beweisen daß ich Verbesserungen wie sie wirklich das Wohl der Schule befördern können, keineswegs feindlich gesinnt bin, habe ich sogar selber schon darauf gedacht eine Aenderung in diesem, wie Sie sagen für den Schullehrerstand drückenden Verhältniß herbeizuführen und den sogenannten Uebelstand dadurch vollkommen abzuschaffen – doch davon später ein mehres. Für jetzt, mein guter Hennig, erlauben Sie mir, auch Ihnen ein paar Fragen vorzulegen, die nicht in dieser Aufmunterung, wie der Artikel ja wohl überschrieben ist, stehn, vorausgesetzt, daß Sie eine Trennung der Kirche von der Schule wünschen. Diese Fragen sind:
»Möchten Sie den Religionsunterricht der Kinder verlieren? und ist dieser nicht gerade das, was das kindliche Herz so innig an den Lehrer fesselt? – ist er nicht gerade die Mittheilung jenes geheimnißvollen göttlichen Waltens – der Erschluß, möchte ich sagen, eines bis dahin in des Kindes Brust noch ungeahnten Gefühls, der es mit scheuer liebender Ehrfurcht zu dem Lehrer hinzieht? Und das wollten Sie muthwillig, für das todte nichtssagende Wort ›Freiheit der Schule,‹ aufgeben? – ich glaube kaum; wenn die Lehrer untereinander die Sache nur erst einmal ordentlich überdacht haben werden – kommt jedenfalls ein anderes Resultat heraus, als das bisherige. Noch liegen wir im fröhlichen Jubelrausch der so unverhofft gewonnenen Errungenschaften – aber es ist eben auch nur ein Rausch, der bald verfliegen und die, die ihm fröhnten, nüchtern und mit Reue über ihr thörichtes unbedachtes Streben zurück lassen wird.«
»Aber das ist noch nicht Alles – ich habe das nur vorher erwähnt, was des Lehrers, des wahren guten und treuen Lehrers Seele am ersten rühren und bestechen muß – die Liebe und Anhänglichkeit seiner Schüler; nun kommt das noch, was leider mit seinem Geiste Hand in Hand gehn muß, und eine Zurücksetzung eben so wenig verträgt, wie dieser, da es sonst zu störend auf ihn zurückwirken würde – und das ist der Körper – das leibliche Wohl des Schullehrers.«