Der Diaconus trommelte schärfer auf der Scheibe und Hennig, der während der letzten Worten den Kopf gesenkt und das zurückerhaltene Zeitungsblatt fester und fester zusammengedreht hatte, sah jetzt wieder zu seinem Vorgesetzten auf, als ob er gespannt dessen weitere Auseinandersetzung erwarte.

»Daran haben Sie noch nicht gedacht, nicht wahr?« schmunzelte der Pastor, dem die Bewegung des jungen Mannes nicht entgangen war; »ja lieber Hennig, wenn sich die Schule von der Kirche absolut trennen will, und unsere hohe Staatsregierung natürlich ihre Einwilligung dazu giebt, was übrigens kaum zu erwarten steht und Gott verhüten möge, dann bleibt der Schullehrer auch natürlich nur auf seine Schuleinnahme angewiesen, und Alles was er bis jetzt an Glöckner-, Küster- und Cantor-Accidenzien eingenommen, fällt, wie sich das von selbst versteht, weg. Es wird nämlich wohl kein Schulmeister so thöricht sein, seinen vollen Gehalt für Läuten, Orgelspielen etc. etc. nach wie vor zu verlangen, da ja das Dorf dann noch besonders einen anderen Mann zu halten und zu bezahlen gezwungen wäre – und doppelt zahlen die Bauern Nichts, ich dächte das bedürfte, Ihnen Beiden gegenüber, keiner weiteren Bestätigung. Nun berechnen Sie sich selbst was Ihnen alles, wenn Sie sich wirklich in den Fall einer Trennung setzten –«

»Bester Herr Pastor.«

»Ich nehme ja nur den möglichen – für jetzt erdachten Fall, guter Kleinholz – was Ihnen Alles, sage ich abginge an Ihrem jetzt schon nichts weniger als brillanten Gehalt – Sie würden vielleicht nicht einmal im Stande sein zu leben und glauben Sie, daß Sie einem besseren Loos entgegengingen, wenn Sie von den Bauern allein abhängig in Ihrer Besoldung wären?«

»Sehn Sie, meine Freunde, jede Sache hat, wie ich Ihnen das auch eigentlich gar nicht mehr zu sagen brauche, ihre zwei Seiten – eine gute und eine böse – und es ist nicht allein nothwendig, nein es ist auch unsere Pflicht, die Schattenseiten dessen, was einst einen so wichtigen Theil unseres Lebens ausmachen soll, zu beleuchten, um sie entweder vorher kennen zu lernen oder – wenn wir sie für gar zu schwierig halten, zu vermeiden.«

»Damit habe ich Ihnen Beiden übrigens keineswegs alle die Unannehmlichkeiten aufgezählt, die eine Trennung der Schule und Kirche für den Lehrer haben müßte; nein, das lag auch gar nicht in meiner Absicht, denn Sie können sich wohl denken, daß es mir, des Nutzens wegen, den es mir bringt, ziemlich gleichgültig sein kann, ob ich Schulvorstand bin oder nicht; es ist das ein Amt, was mir viel Zeit raubt und gar Nichts einbringt, aber, da wir doch einmal gerade daraufkamen, hielt ich es für meine Pflicht, Ihnen wenigstens meine Ansichten darüber mitzutheilen – überlegen Sie sich die Sache nur selbst und prüfen Sie – Ihr gesunder Geist wird Sie dann schon das richtige wählen lassen.«

»Doch, was eigentlich die Hauptsache dessen war, worüber ich mit Ihnen zu sprechen wünschte, – Sie haben wohl heute hier in Horneck eine Art Conferenz der benachbarten Lehrer?«

»Allerdings«, sagte Hennig, »ich glaube sogar, daß sie schon größtentheils eingetroffen sein müssen, wenn sie nach dem Mittagsgottesdienst von zu Hause weggegangen sind.«

»Horneck liegt so von all den umliegenden Dörfern in der Mitte« entschuldigte Kleinholz die Versammlung.

»Ei ja wohl, ich finde das ganz natürlich« fiel rasch und beistimmend der Pastor ihm in's Wort, »es ist mir aber lieb, daß es sich so getroffen hat, und ich vorher noch im Stande war, Ihnen etwas mitzutheilen, was jedenfalls von Interesse für Sie und Ihre Freunde sein wird. Es ist nämlich keinem Zweifel mehr unterworfen, denn meine Berichte aus der Residenz sind ziemlich zuverlässig, daß die Minister einer Trennung der Kirche von der Schule vollkommen entgegen sind, wenigstens werden sie nie die Zustimmung der ersten Kammer dazu bekommen, wir Geistlichen selbst sehen aber ein, daß eine Reform in den jetzigen Verhältnissen, wenn auch nicht gerade unumgänglich nöthig, doch jedenfalls nicht ganz unzweckmäßig wäre, wir finden es sogar billig, daß den Schullehrern auch das Recht zustehn müßte, ihre Schulen selbst und durch aus ihrer eigenen Mitte gewählte und sachverständige Männer revidiren zu lassen.«