Der Diaconus wandte sich erstaunt nach dem Pastor um, und auch Hennig horchte mit der gespanntesten Aufmerksamkeit einem Zugeständniß, das er nie erwartet hatte von des Geistlichen eigenen Lippen zu hören.

»Um also Allem und Jedem zu genügen, was nur vernünftigen Menschen, die nicht gerade das Unmögliche, und mit dem Kopf absolut gegen die Wand rennen wollen, auch vernünftiger Weise verlangen können, geht mein Plan dahin, daß künftig der Schulvorstand aus fünf Mitgliedern oder Theilhabern bestehe, von denen drei, also die Majorität Schullehrerzwei aber, und zwar die Minderheit, Geistliche sein müssen, wobei zugleich sonst jeder dazu gewählt werden kann, der den Betheiligten, also dem Schullehrerstande überhaupt, am meisten zusagt. Ist das geschehen, so denk' ich können Sie versichert sein, daß keine Klagen weiter über Uebergriffe der Pastoren vorfallen können, die Majorität des Schulvorstandes, also die Lehrer hätten sich das nur sonst selbst zuzuschreiben. Dieß ist also ein Gegenstand, der Ihre größte Aufmerksamkeit verdient, und es wäre mir sogar lieb, mein guter Herr Hennig, wenn Sie es heute Nachmittag in Ihrer Versammlung zur Sprache bringen wollten. Mit einigen meiner Amtsbrüder hab' ich darüber schon verkehrt, werde auch ebenfalls der nächstens zusammentretenden Geistlichkeit den Vorschlag machen, und bin ihrer Einwilligung ziemlich gewiß. Es wäre vielleicht auch nicht unpassend, wenn wir Alle zusammen, Lehrer und Geistliche eine gemeinschaftliche Bittschrift hierüber an ein hohes Ministerium aufsetzten und übergäben, damit dieses sich von der wahren Stimmung im Lande überzeugen und danach handeln und wirken könnte. Ich glaube bestimmt, daß Ihre Collegen ein solches Entgegenkommen von unserer Seite freudig begrüßen werden, und wie segensreich das dann auf die uns anvertraute Jugend zurückwirken muß, wenn wir, die wir für die Bildung des Geistes und der Seele vereinigt dastehen, auch vereinigt und freundschaftlich handeln, brauche ich Ihnen doch wahrlich nicht erst weiter auseinanderzusetzen.«

»Jetzt also, mein lieber Kleinholz, will ich Sie Beide Ihren Freunden nicht länger entziehen; morgen vielleicht, oder wenn Sie die Sache näher besprochen und überlegt haben, reden wir weiter darüber!«

Die beiden Schullehrer erhoben sich bei diesen Worten von ihren Sitzen, empfahlen sich dem Pastor, der ihnen freundlich und mit einigen gütigen Abschiedsworten die Hände drückte, und verließen das Zimmer. Der Diaconus wollte sie begleiten; diesen aber hielt der Pastor noch zurück und Hennig und Kleinholz schritten allein und schweigend, Jeder mit seinen Gedanken über das eben Gehörte beschäftigt, in die Schulwohnung langsam hinüber.

Zehntes Kapitel.
Die Schulmeister.

Zu Hause fanden die beiden Männer schon die Botschaft ihrer Collegen, die voraus in die Schenke gegangen waren, und sie bitten ließen, so bald als möglich nachzukommen. Der Pastor hatte sie gar so lange aufgehalten, und ungesäumt folgten sie dem Rufe; Papa Kleinholz, dem übrigens seines Hülfslehrers Keckheit beim Herrn Pastor fast den Athem versetzt hatte, benutzte den kurzen Weg von der Schule in die Schenke hinunter, um ihn darüber zur Rede zu stellen, und zu bitten, doch nur um des Himmels Willen zu bedenken, in welche Verlegenheiten er sich dadurch bringen, und was für Folgen so etwas für ihn und seine künftige Laufbahn haben könne.

Hennig antwortete all' diesen Vorstellungen aber nur höchst einsylbig, oft zerstreut; des Pastors Worte hatten einen wilden Sturm feindlicher Gefühle in seiner Brust erweckt, und Pflicht und Liebe schlugen in dem armen Herzen ihre erste, aber deshalb gewiß nicht minder heftige Schlacht. Schweigend schritt er an seines Vorgesetzten Seite dem verabredeten Berathungsplatze zu und unschlüssig kämpfte er mit sich, was er in dieser Sachlage thun, wie er handeln und auftreten solle.

In der Schenke zu Horneck hatten sich indessen zahlreiche Gäste eingefunden; der Wirth verstand selber die kunstgerechte Bereitung der edlen Gerste und braute ein ganz vorzügliches Bier, und der Horneck'sche Kartoffelkuchen war weit und breit berühmt; kein Wunder denn, daß das warme Frühlingswetter, das dem Mai selbst an Milde und Lieblichkeit nichts nachgab, eine Menge Hungriger und Durstiger herbeigezogen hatte, die nun im Garten oder in dem neuen, Veranda ähnlichen Ausbau des Hauses saßen, und den einzelnen Melodien des »Orchesters« lauschten.

Kleinholz und Hennig hielten sich jedoch nicht zwischen den Gästen auf, nur herüber und hinüber grüßten sie, wo sie vielleicht einen alten Bekannten sitzen sahen, drängten sich durch die zahlreich in der Hausflur und dem Billardzimmer nach dem Garten vielfach hin und her Wandernden, und stiegen zu einem kleinen stillen Hinterstübchen hinauf, das ihrer Conferenz von dem Wirthe eingeräumt worden.

Hier von dem Lärm und der Musik unten nicht gestört, da seine Fenster nicht nach dem Garten, sondern nach dem Dorfe aussahen, saßen um einen langen, in die Mitte gerückten Tisch die Schullehrer der benachbarten Ortschaften, und waren, allem Anschein nach, schon recht tief und eifrig in die Debatte hinein gerathen. Bei der Neuankommenden Eintritt wurde diese nun allerdings auf kurze Zeit unterbrochen, doch nur so lange, als es bedurfte, eine Bank, da es heute bei dem Andrange von Gästen an Stühlen fehlte, zum Tisch zu rücken, auf der dann Kleinholz und Hennig zusammen Platz nahmen.