Bis das Mädchen wiederkam, welches den Schullehrern bei ihrer Ankunft ein Glas Bier oder ein Schnäpschen besorgt hatte, schoben ihnen die Nachbarn ihre eigenen Gläser näher, und der Präsident, ein alter würdiger Schullehrer von Kosholz, der die Verhandlungen leitete, wiederholte nochmals mit kurzen Worten den schon besprochenen Gegenstand der Debatte – die Trennung der Schule von der Kirche, für die sich zwei, gegen die sich aber schon vier Stimmen erhoben hatten. Er setzte auseinander, wie nöthig es sei, daß sie sich über diesen Gegenstand, der in gar kurzer Zeit alle ihre Energie in Anspruch nehmen müsse, vorher klar und bewußt würden, daß jeder selber darüber ein Urtheil bekäme und nicht blos, entweder von seinen Vorgesetzten auf der einen, oder auch von leichtsinnigen, neuerungssüchtigen Menschen, die nur immer Freude am Niederreißen und nimmer am Aufbau fänden, auf der anderen Seite getäuscht und irre geleitet würden.
»Meine lieben Amtsbrüder,« nahm da Vater Kleinholz, von seinem Sitze aufstehend, mit zitternder Stimme das Wort, »ich bin kein Redner, und das, was ich auf den Herzen habe, kann ich nur mit kurzen und nicht zierlich gestellten Worten herausbringen, aber es kommt auch dafür gerade vom Herzen, und ich möchte es Ihnen ebenfalls an die Herzen legen. Ich bin gegen eine Trennung der Schule von der Kirche, und zwar aus recht vielen und wichtigen Gründen. Wir kommen Beide eben, Herr Hennig und ich, vom Herrn Pastor Scheidler, der mir stets, mit sehr wenigen Ausnahmen, ein freundlicher Vorgesetzter gewesen ist, und ich glaube, wir können uns mit dem, was er, als Geistlicher, uns selber vorschlägt, recht gut begnügen. Ich bin gegen eine Trennung der Kirche und Schule, weil es mir in der Seele weh thun würde, wenn wir mit dem Religionsunterricht auch das süße Einverständniß verlören, was wir jetzt, durch diesen, über den Geist der Kinder gewinnen; ich bin aber auch gegen die Trennung, weil sie für uns unmöglich ist, weil der Schulmeister ohne die verschiedenen Einnahmen, die ihm sein Kirchner-, Glöckner- und Cantordienst abwirft, möglicher Weise gar nicht mehr existiren könnte. Ich habe jetzt mit meiner Familie etwa 100 Thaler jährlich, und der Herr weiß es, oft genug esse ich in Sorgen mein Brod, und grüble und grüble, wie ich es nur anzufangen habe, einfach auszukommen. – Das Jahr ist lang – die Kinder wollen das ganze Jahr essen und gekleidet sein, und 100 Thaler sind eine entsetzlich kleine Summe für eine so gewaltig lange Zeit. Wären wir im Stande, uns ohne jene außer der Schule liegende Einnahme zu behelfen? – nein, das wären wir nicht, wir gingen der Noth und dem fürchterlichsten Elend entgegen, und wollen wir also den Nutzen nicht aufgeben, den wir durch jene Arbeiten genießen, so dürfen wir uns auch der Mühe und den Unbequemlichkeiten nicht entziehen, die daraus hervorgehen. Meine Stimme ist deshalb gegen eine Trennung, und ich hoffe, auch Ihr lieben Freunde werdet zuletzt einsehen, daß sie uns und der Schule nur zum Nachtheil gereichen, keineswegs aber eine gehoffte Besserung herbeiführen würde.«
Vater Kleinholz setzte sich wieder nieder, und von mehreren Seiten standen die Redner auf, die alle, wie der vorhergehende Sprecher, gegen eine Trennung waren, Viele beriefen sich dabei auf ihre eigenen Geistlichen, die mit ihnen ausführlich über die Sache gesprochen, Alle aber waren darin einig, daß das Aufgeben des Religionsunterrichtes ein Verlust für den Lehrer sein würde, den gar kein errungener Vortheil wieder aufwiegen oder ausgleichen könne.
»Mitbrüder und liebe Genossen,« sagte da endlich Hennig, der bis jetzt noch kein Wort in die Debatte gesprochen und manchmal fast augenscheinlich mit sich gekämpft hatte, jetzt aber plötzlich zu einem festen bestimmten Entschluß gekommen zu sein schien. »Ich bin zwar noch jung, viel jünger, als Manche hier, die in ihrem Ehrenamte ergrauten, aber desto weniger bin ich auch vielleicht mit den alten Gewohnheiten verwachsen, die es nachher so viel Mühe kostet, wieder abzuschütteln. Ich fühle eben so gut, wie Sie, daß wir dem Religionsunterrichte der Kinder nicht entsagen dürfen, der Lehrer würde durch den Verlust dieses Zweiges zu einer bloßen künstlichen Maschine, die den Kindern nur das Ein mal Eins und das Geheimniß der Buchstabenstellung einbläut. Herr Pastor Scheidler hat uns Beiden zwar heute Nachmittag gesagt, daß wir ihn wirklich einbüßen müßten, wenn wir uns von der Kirche losrissen, aber es ist das doch auch nur die Meinung eines einzelnen Mannes, noch dazu eines bei der Sache interessirten, die wahrlich nicht maßgebend für uns sein darf.«
»Aber bester Herr Hennig,« sagte Kleinholz erschreckt.
»Er mag es,« fuhr Hennig fort, ohne die Unterbrechung zu beachten, »vielleicht recht gut mit uns Schullehrern meinen, ich will das gar nicht bezweifeln und – wäre der letzte der ihn kränken möchte, aber ich glaube, er sieht die Sache mit zu schwarzen Farben, und ich will Euch deshalb meine Ansicht darüber mittheilen. Wer hat uns denn schon eigentlich verbürgt, daß wir, bei einer Trennung der Schule von der Kirche, auch nothwendiger Weise den Religionsunterricht verlieren müßten? Wer hat uns das bis jetzt gesagt, als nur allein die Geistlichen selber, und sind wir denn so gewiß, daß das nicht hier und da, und im Anfang vielleicht, auch größtentheils deshalb mit geschehen ist, um uns in unserem Streben irre zu machen, oder davon abzubringen? Der Religionsunterricht ist eben ein Unterricht und gehört zur Schule und so wenig wie er in den Schulen der großen Städte fehlt, die gleichfalls schon der keineswegs für den Lehrer ehrenvollen Beaufsichtigung der Geistlichen entzogen sind, eben so wenig wird er in den Landschulen fehlen dürfen und wirklich fehlen. Selbst hier liegt übrigens ein Ausweg für uns ganz klar und leicht zu Tage; wir wollen uns ja gar nicht losreißen von der Kirche und dieser feindlich gegenüberstehen, im Gegentheil; das Wirken der Schule und Kirche ist ein so gleiches – oder sollte doch wenigstens ein so gleiches sein – daß ein förmliches Losreißen keinem zum Vortheil, Beiden aber vielleicht zum großen Nachtheil werden könnte; stehen Kirche und Schule aber neben einander, und glaubt der Staat, daß es nothwendig für die religiöse Erziehung der Kinder sei, den Pastor, wie bisher, Theil am Religionsunterrichte nehmen zu lassen, ei dann schadet das auch nichts, und gewährt uns höchstens eine wenn auch kleine Erleichterung unserer schweren Pflichten; an uns ist es nachher noch immer, den Stundenplan zu machen, in unsere Hand gegeben auch außer den vom Prediger ertheilten Lectionen durch moralische Belehrung den vollen Einfluß auf das kindliche Herz zu behalten, dessen wir uns bis jetzt erfreut haben. Ich meinestheils würde darin sogar einen neu errungenen Vortheil sehen, wenn wir der wirklichen Dogmen enthoben würden, und es dem Pastor überlassen könnten, diese zu lehren und – zu vertreten. – Der Lehrer mag dann sehen, ob er im Stande ist, auch ohne die Bibel den Glauben an Gott in des Kindes Brust zu festigen und die herrliche Natur wird ihm das Buch sein, in dem er auf jedem Blatt, wohin er sich auch wendet, die heiligste Bestätigung seiner Lehre findet. Laßt es denn einen Wetteifer werden, lieben Brüder, in einem ehrenvollen und selbst für die Kinder segensreichen Kampfe, in dem Ihr noch dazu so unendlich im Vortheil seid, denn der Geistliche wird, wie bisher, die jungen Gemüther in scheuer Ehrfurcht vor dem kaum geahnten Thron eines allmächtigen Gottes stehen lassen, während Ihr Euere Schutzbefohlenen mit lächelndem Angesicht in die unmittelbare Nähe des Alliebenden führt.«
»Aber selbst das ist noch keine nöthige Folge einer Trennung der Schule von der Kirche, denn war der Schullehrer bis jetzt noch befähigt genug, den Religionsunterricht zu ertheilen, so sehe ich nicht ein, weshalb das später nicht eben so gut der Fall sein soll. Die Aufsicht, die der Pastor darüber gehalten, fiele allerdings weg, aber es müßte uns erst bewiesen werden, daß die nöthig gewesen ist, und daß sie auch wirklich der Erziehung der Kinder genützt, nicht geschadet habe.«
»Was nun die Kirchner- und Glöcknerdienste betrifft, so ist der Gehalt, den wir für diese, wie das Orgelspielen bekommen, allerdings beträchtlich genug, um ihren Verlust Leuten fühlbar zu machen, die nicht einen Thaler von ihrem Gehalte einbüßen dürfen, wenn sie nicht Mangel und Noth leiden sollen. Aber auch das, glaube ich, beruht nur auf einer thörichten Angst von unserer Seite, der wir uns um Gotteswillen nicht weiter hingeben dürfen. Es wird Niemanden von uns einfallen, sein ehrenvolles Cantoramt, das Spielen der Orgel, aufgeben zu wollen, denn dort ist der Schullehrer schon deshalb auf seinem Platze, weil es in die Ausübung des von ihm gelehrten Gesangunterrichts fällt, und er die Kinder auf der Orgel unter seiner unmittelbaren Leitung behält. Die Gemeinde hat aber auch in ihrem Bezirke keinen andern, der es versteht, und einen besondern Organisten zu halten, kann ihr schon der zu hohen Kosten wegen, welche die gänzliche Unterhaltung eines solchen Mannes mit sich bringen müßte, gar nicht einfallen. Der andere Dienst aber, der Glöckner- und Küsterdienst, muß wegfallen, denn er gerade ist es, der das Amt des Schullehrers bis jetzt entwürdigt und diesen zum directen Diener des Pastors gemacht hat.«
»Hier in den alten General-Artikeln, von denen es eine Schmach und Schande ist, daß sie, die 1580 entworfen wurden, 1848 fast noch ohne Veränderung in Geltung sind, heißt es ausdrücklich:
»»Auch ein jeder Pfarrer, in deme seinem Glöckner zu befehlen und zu gebieten hat – er ihm auch hierinnen billigen Gehorsam zu leisten schuldig und nicht widerstreben soll.««